19. November 2020 / 19:58 Uhr

Mit Geld aus Abu Dhabi in 2. Liga? HSC lässt milliardenschweren Investor abblitzen

Mit Geld aus Abu Dhabi in 2. Liga? HSC lässt milliardenschweren Investor abblitzen

Carsten Bergmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Der indische Geschäftsmann Yousuf Ali (eingeklinkt) wollte beim HSC investieren.
Der indische Geschäftsmann Yousuf Ali (eingeklinkt) wollte beim HSC investieren. © Florian Petrow/imago images/Hindustan Times
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Bis zu 47 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren wollte der indische Geschäftsmann Yousuf Ali in den HSC stecken. Das Ziel: die 2. Bundesliga. Eine unterschriftsreife Absichtserklärung lag vor. Doch der Regionalligist hat das Angebot des Investors ausgeschlagen. "Der HSC muss der HSC bleiben", sagt Geschäftsführer Frank Kittel.

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Tradition statt 2. Bundesliga: Der HSC hat sich gegen einen millionenschweren Investorenvertrag entschieden, der den Verein in ganz neue Fußball-Dimensionen geführt hätte. Statt für das Geld entschied sich die Klubspitze für den Erhalt der Strukturen. „Der HSC muss der HSC bleiben – das ist unser oberstes Gut, das geschützt werden muss“, sagt Frank Kittel. So leicht, wie es der Geschäftsführer erscheinen lässt, war diese Entscheidung allerdings nicht. 

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Diese Geschichte gleicht einem Märchen aus 1001 Nacht. Über das HSC-Netzwerk wurde das Investoren-Interesse an einem Engagement in der vierten deutschen Liga an HSC-Chef Frank Kuhlmann herangetragen. Mindestens 27 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren wollte Yousuf Ali in den Oststadt-Klub investieren.

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Ali besitzt als Vorstand der LuLu Group International Milliarden, verdient sein Geld mit einem global agierenden Lebensmittel-Konglomerat bestehend aus 196 Geschäften in 22 Ländern und mit weit mehr als 50000 Angestellten. 7,4 Milliarden Dollar an Umsatz erwirtschaftete der Inder mit Firmensitz in Abu Dhabi allein im vergangenen Jahr. Über das HSC-Netzwerk entstand der Kontakt zu dem Geschäftsmann, der sich im deutschen Fußball betätigen will. Namen nannte Kittel dabei nicht. 

Fünf-Jahres-Ziel: Aufstieg in die 2. Bundesliga

Aus den ersten Überlegungen entstand eine Absichtserklärung, also eine Vorstufe vor umfassenden Vertragsverhandlungen. In diesem „Letter of Intent“ steht die Absicht, beim HSC professionelle Strukturen einführen zu wollen, um die Verbandsauflagen erfüllen zu können. Das Fünf-Jahres-Ziel wurde optimistisch mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga definiert.

Unter anderem sollte eine Ausgliederung der Lizenzspieler-Mannschaft vollzogen werden, um den Breitensportverein mit seinen insgesamt rund 1800 Mitgliedern vor etwaigen Forderungen zu schützen. „Der Investor greift nicht aktiv in personelle und sportliche Entscheidungen ein und hat diesbezüglich auch kein Veto-Recht“, steht unter Absatz zwei geschrieben. Im Klartext: Der Sponsor bezahlt, hat aber kein Mitspracherecht bei zentralen Entscheidungen.

Einzige Bedingung: die Einstellung ausschließlich qualifizierten Personals bestehend aus einem Trainer mit Fußballlehrerausbildung sowie Co-Trainer mit A-Lizenz. Die Lulu-Millionen hätten für den HSC einen Quantensprung bedeutet.

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HSC-Trainer Martin Polomka beschwert sich lautstark. Zur Galerie
HSC-Trainer Martin Polomka beschwert sich lautstark. ©

Doch der HSC entschied sich gegen das Angebot. „Wenn ich merke, dass eine solche Geschichte in zwei, drei Wochen erledigt sein sollte, ist mir das zu windig“, sagt HSC-Chef Frank Kuhlmann. Tatsächlich steht in der Erklärung das Datum von 30. Juli 2020 und lässt das gesamte Projekt überaus ambitioniert erscheinen.

"Diese Zielsetzung hat uns überfordert"

Allerdings: Ebenso wäre eine Fristverlängerung laut Absichtserklärung mit Zustimmung beider Parteien ohne Weiteres möglich gewesen. So steht es unter Punkt vier. Frank Kittel entgegnet, eine solche Entscheidung bedürfe einer bestimmten Zeit, „um das Ganze zu eruieren, zu kontrollieren und zu diskutieren“. Diese Zeit sei eben nicht gegeben worden. 

Kuhlmann gibt unterdessen zu: „Diese Zielsetzung hat uns überfordert.“ Auch Kittel erklärt: „Das hätte personelle Konsequenzen gehabt – und das ist nicht der Stil des HSC. Wir können mit ruhigem Gewissen in den Spiegel schauen.“

Neuer Vorsitzender, neuer Geschäftsführer, neuer Trainer – das wäre die Konsequenz gewesen. Allerdings stand nach SPORTBUZZER-Informationen ein Team im Hintergrund schon bereit, um den Neustart beim HSC unter allen notwendigen Profi-Kriterien zu gestalten. Im ersten Jahr hätte der Investor drei Millionen Euro zur Bildung professioneller Strukturen gegeben, 500.000 davon für die Ausgliederung der Profiabteilung.

So feierte der HSC Hannover den Aufstieg in die Regionalliga:

So ausgelassen feierte der HSC Hannover den Aufstieg in die Regionalliga. Zur Galerie
So ausgelassen feierte der HSC Hannover den Aufstieg in die Regionalliga. ©

Diese halbe Million Euro hätte Yousuf Ali auch dann gezahlt, wenn der Investorenvertrag nicht zustande gekommen wäre – als Sponsoring. Die weiteren Jahresleistungen wären abhängig von der Ligazugehörigkeit. Bei einem Durchmarsch bis in der 2. Bundesliga hätte der Investor in den fünf Jahren bis zu 47 Millionen Euro gegeben.

Schwarze Null dieses Jahr nicht zu erwarten

Statt also der Millionen aus Abu Dhabi arbeitet Frank Kittel mit den Mitteln, die ihm in dieser Saison zur Verfügung stehen werden. Eine schwarze Null zum Jahresabschluss ist dabei auch coronabedingt nicht zu erwarten. Von „kostendeckend“ spricht der Geschäftsführer des Vereins, der im Konzert der Regionalliga-Größen ohnehin mit einem der niedrigsten Etats bestehen muss, etwa 150.000 Euro.

Auch bleibt die Problemstellung auf der Trainerposition vorhanden. Martin Polomka verfügt nicht über die vorgeschriebene A-Lizenz, er trainiert im zweiten Jahr nur mit Ausnahmegenehmigung. Eine Antwort auf die erneute Bewerbung beim DFB steht noch aus. Frank Kuhlmann stärkt dem Chefcoach den Rücken: „Die Regionalliga ist eine tolle Geschichte und ein Geschenk für uns. Wir wollen unbedingt drinbleiben“, sagt er. Diese Klasse sei für den HSC völlig ausreichend.

Frank Kittel hat die Investorenfrage abgehakt. „Natürlich muss man groß denken, Ziele haben“, sagt er. Aber wo allein an der Constantinstraße etwa ein von den Lizenzstatuten vorgesehenes Stadion für 10.000 Zuschauern hin soll, da fehlt ihm die Fantasie. „Und so kommen immer weitere Wenns und Abers dazu.“ Der HSC sei der HSC – und das solle er auch bleiben.