14. April 2020 / 10:13 Uhr

HSG Riesa/Oschatz: Rio-Frauen werden Elbehexen

HSG Riesa/Oschatz: Rio-Frauen werden Elbehexen

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Oberliga-Trainer Stefan Remane erhält trotz ansprechender Leistungen seiner Mannschaft keinen neuen Vertrag und muss gehen.
Oberliga-Trainer Stefan Remane erhält trotz ansprechender Leistungen seiner Mannschaft keinen neuen Vertrag und muss gehen. © Gerhard Schlechte
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Künftig wird es eine Handball-Spielgemeinschaft mit Meißen geben, die HSG Riesa/Oschatz steht vor der Auflösung.

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*Oschatz. *Aus den Rio-Frauen werden in der Handball-Oberliga die „Elbehexen“, aus der HSG Riesa/Oschatz wird in weiten Teilen die Spielgemeinschaft Meißen/Riesa. Dies bestätigte Alexander Cardaun, Handball-Abteilungsleiter beim SC Riesa, gegenüber der OAZ.

„Wir hatten zuletzt große Probleme, den weiblichen Nachwuchsbereich abzusichern, der Unterbau für unsere Erwachsenen-Mannschaften in der Oberliga und in der Verbandsliga war nicht mehr ausreichend, wir hatten einfach nicht genug Spielerinnen, um die Teams gemäß unseren Ansprüchen zu bestücken“, sagte Cardaun: „Wir haben deshalb mit einigen Vereinen über eine Kooperation gesprochen und uns letztlich für den VfL Meißen entschieden.“

„Hätten auch mit Herrn Remane weitergemacht“

Die Zusammenarbeit werde zunächst den weiblichen Erwachsenen-Bereich betreffen sowie den männlichen Nachwuchs. „Wir haben die neue SG Meißen/Riesa bereits für die kommenden Saison beim Verband angemeldet und erwarten demnächst die Genehmigung zur Lizenzübertragung“, so Cardaun, „wir werden bei den Oberliga-Frauen unter dem Namen Elbehexen antreten, die Heimspiele sowohl in Riesa als auch in Meißen austragen und auch in beiden Städten trainieren.“ Die Rio-Männer spielen übrigens künftig als SC Riesa in der Verbandsliga weiter.

Das alles bedeutet laut Cardaun auch: „Die HSG Riesa/Oschatz wird zur kommenden Saison aufgelöst.“ Das Ende der Partnerschaft hatte sich zumindest angedeutet. Sowohl die Frauen als auch die Männer hatten wegen des Haftmittelverbots in der Döllnitzstadt ohnehin seit geraumer Zeit nicht mehr in Oschatz gespielt und trainiert, alles lief in Riesa und Hof ab. Nun taucht Oschatz auch in den Vereinsnamen nicht mehr auf.

Die Frauen des VfL Meißen sind übrigens in der Verbandsliga Ost am Ball und dort Tabellensechster. Der VfL-Kader dürfte gemeinsam mit dem bisherigen Rio-Aufgebot groß genug sein, um künftig die Frauen-Mannschaften in Oberliga und Verbandsliga zu besetzen. Offenbar hat Meißen dabei den Hut auf, denn Oberliga-Trainer Stefan Remane erhielt kein neues Vertragsangebot und muss das Team nach nur einem Jahr wieder verlassen. „Wir hätten auch mit Herrn Remane weitergemacht“, erklärte Alexander Cardaun dazu, „aber der VfL hatte andere Vorstellungen. Es wird deshalb ein Trainergespann aus Meißen und Riesa geben.“

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„Ich rechne fest mit einem Abbruch“

Stefan Remane erfuhr Anfang März von den Plänen. „Da wurde mir aber lediglich mitgeteilt, dass sich der Verein Richtung Meißen und orientiert und einen anderen Trainer will“, sagte der 41-jährige Leipziger, „die Art und Weise war etwas unschön, aber ich sehe das gelassen und werde eine neue Herausforderung suchen.“ Ein bisschen erstaunt war Remane dennoch: „Im vergangenen Herbst hatte sich der Verein noch sehr um mich bemüht, ich habe erst kurz vor der Saison übernommen und bin seitdem mehrmals in der Woche die 80 Kilometer zwischen Leipzig und Riesa gependelt. Und wir hatten ja durchaus Erfolg.“

Zuletzt gesehen hat er seine Spielerinnen am 10. März, danach wurden Trainings- und Spielbetrieb wegen der Corona-Krise unterbrochen. Remane ist mit sich im Reinen und sieht die sportlichen Vorgaben als erfüllt an. „Unser Saisonziel war der sechste Rang, und genau auf diesem Platz stehen wir nach 14 Spieltagen mit 13:15 Punkten, fünf Siegen, drei Remis und sechs Niederlagen.“

Trainingspläne hat er seinen Frauen nicht mit in die Zwangspause gegeben. „Ins Fitnessstudio kann ja auch keiner, viel mehr als Fithalten mit Joggen und Fahrradfahren ist nicht drin.“ Der Coach glaubt ohnehin nicht, dass die Saison fortgesetzt wird. „Ich rechne fest mit einem Abbruch, die Frage ist nur noch, ob und wie die Spielzeit gewertet wird. Und da möchte ich nicht in der Haut der Verantwortlichen stecken.“

Rio-Frauen haben sich gut entwickelt

Der Verband könne bei den vielen widerstreitenden Interessen unmöglich allen gerecht werden. „Ich fühle da auch mit meinen Kollegen, die natürlich unterschiedliche Ziele haben und für ihre Mannschaften das Optimale wollen.“ Die Saison gar nicht zu werten, sei vielleicht das Vernünftigste. „Aber dann werden die bestraft, die oben stehen und viel für den Aufstieg investiert haben. Am besten sind noch die Teams im Tabellenmittelfeld dran, für die sich sportlich nichts ändert.“

So wie die Rio-Frauen, die sich nach Ansicht Remanes gut entwickelt haben. „Wir konnten vor allem die Abwehr verbessern, haben deutlich weniger Gegentore als in der Saison zuvor bekommen. Das ist mit ein Verdienst unserer Torhüterinnen.“ Zufrieden ist der Trainer auch mit seinen Führungsspielerinnen Carmen Schneider und Josephine Hessel, die fast immer ihr Potenzial abriefen und mit 94 sowie 91 Treffern auf den Rängen fünf und sechs der Oberliga-Torschützenliste stehen.

Die Saison verlief allerdings wie eine Fieberkurve. Team und Coach hatten nur eine kurze gemeinsame Vorbereitungszeit und mussten sich erst aneinander gewöhnen. „Es dauert eben, bis alle genau wissen, wie der andere tickt, bis sich die Abläufe eingespielt haben“, so Remane, „dazu kam, dass wir oft wechselnde Formationen aufbieten mussten, weil wichtige Spielerinnen ausfielen oder die zweite Mannschaft zeitgleich spielte, wodurch wir kaum Alternativen auf der Ersatzbank hatten. Wir haben ja nur acht, neun Stammspielerinnen.“ Das Team schwer getroffen hat deshalb auch die schwere Knieverletzung von Sally Witecy, die ihre Karriere vor einigen Monaten mitten in der Saison beenden musste.

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„Es hat Spaß gemacht mit dieser Truppe“

Sehr gefreut hat Remane die enorme Leistungssteigerung in den letzten drei Partien. Zuvor hatte es zum Rückrundenstart bei Kellerkind Rückmarsdorf eine bitte Niederlage gegeben („Der Gegner wollte den Sieg einfach mehr als wir“), die die Mannschaft nicht auf sich sitzenlassen mochte und sich dann straffte, um nicht in Abstiegsgefahr zu geraten. Es folgte ein überraschend deutlicher 30:25-Erfolg über Favorit HC Burgenland, „obwohl die mit 13 Frauen angereist waren und wir nur eine Torfrau und eine Wechselspielerin hatten. Das war eine Top-Leistung, die uns einen großen Schub gegeben hat“, sagt Remane.

Mit dem 20:20 beim Dessau-Roßlauer HV holte das Rio-Team dann den ersten Punkt einer Auswärtsmannschaft in dieser Saison in Dessau. Das befreite zusätzlich, und die Mannschaft überrollte anschließend Schlusslicht Gräfenhainichen mit 36:18. „Das war über 60 Minuten eine super Vorstellung, bei der wir nie nachgelassen und den Vorsprung immer weiter ausgebaut haben“, schwärmt der Trainer, „das war nahe am Optimum, darauf kann die Mannschaft stolz sein.“

Und so verlässt Stefan Remane die Rio-Frauen mit dem Gefühl, ordentliche Arbeit geleistet zu haben. „Es hat Spaß gemacht mit dieser Truppe, ich gehe ohne Groll.“ Er wird auch nicht wieder eine zweijährige Handball-Pause einlegen wie vor seinem Rio-Engagement. „Ich habe Blut geleckt und hoffe auf eine neue, reizvolle Aufgabe, egal ob bei Frauen oder Männern.“ Nur würdig verabschieden möchte er sich zuvor noch von den Rio-Frauen, die bald Elbehexen heißen und in Meißen spielen werden.