06. Juli 2020 / 18:00 Uhr

Kommentar nach der Verpflichtung von Daniel Thioune: Der HSV ist jetzt ein stinknormaler Zweitligist 

Kommentar nach der Verpflichtung von Daniel Thioune: Der HSV ist jetzt ein stinknormaler Zweitligist 

Tom Vaagt
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Daniel Thioune (r.) ist der neue Trainer des Hamburger SV. Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel müssen den Klub durch schwierige Zeiten lenken.
Daniel Thioune (r.) ist der neue Trainer des Hamburger SV. Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel müssen den Klub durch schwierige Zeiten lenken. © imago images/Montage
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Die Verpflichtung von Daniel Thioune läutet beim Hamburger SV eine Art vereinspolitische Wende ein. Der Aufstieg kann dabei nicht mehr das primäre Ziel sein, meint SPORTBUZZER-Redaktionsleiter Tom Vaagt.

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Daniel Thioune hat keinen großen Namen. Seine Vita wird nicht von großen Klubs durchzogen. Er hat keinen Hamburger Stallgeruch und ist im Vergleich zu den meisten seiner Vorgänger wohl nicht mal sonderlich teuer. Bisher war mindestens eine dieser vier Eigenschaften so etwas wie die Grundvoraussetzung für den Job als HSV-Trainer. Ist der Nachfolger von Dieter Hecking also eine schlechte Wahl? Nicht unbedingt. Zumindest dann nicht, wenn die Verantwortlichen um Sportvorstand Jonas Boldt von dem 45-Jährigen wirklich überzeugt sind und sein Wirken nicht als den nächsten "Versuch" ansehen.

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Thioune benötigt Vertrauen, allen etwaigen Widerständen zum Trotz. Nach eigenen Aussagen spürt er dieses. Denn, dass der Hamburger SV bei seiner Verpflichtung von einem altbekannten Muster abgewichen ist, zeigt zwei Dinge: Der HSV ist auch bei der Auswahl seines Trainers zu Bescheidenheit gezwungen. Und: Übungsleiter mit größerem Renommee sind für den finanziell angeschlagenen Traditionsverein wohl schlicht nicht mehr zu bekommen - oder zu halten, wie die jüngsten Aussagen von Hecking belegen.

Heckings Abschiedsworte lassen tief blicken

Sachlich und nüchtern analysierte der Coach zuletzt die Lage bei seinem Ex-Klub und begründete seinen Abschied. Quintessenz der Aussagen: Der HSV ist wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, einen Kader zu garantieren, der zumindest auf dem Papier für den Aufstieg taugt. Heckings etwas gequält wirkender Versuch, die Situation positiv darzustellen, klang so: "Vielleicht ist es jetzt die Chance, realistisch in der 2. Liga anzukommen."

Kein HSV-Spieler ist unverkäuflich

Thioune wird unter diesen Bedingungen nun arbeiten. Er scheint zu wissen, was auf ihn zukommt. Jedenfalls verdeutlichte Boldt bei der Vorstellung des neuen Coaches, dass "kein Spieler unverkäuflich" sei. Doch wie es in Hamburg so üblich ist, werden mindestens Teile des konsequent aufgeregten Umfelds nicht weniger als die Bundesliga-Rückkehr fordern. Dies ist unter den gegebenen Umständen allerdings vermessen. Denn: Der HSV ist inzwischen ein stinknormaler Zweitligist - und kein Gast in einem eigentlich unangemessenen Umfeld.

Die HSV-Trainer seit 1997:

Frank Pagelsdorf: 1. Juli 1997 bis 17. September 2001 - 62 Siege, 53 Unentschieden, 57 Niederlagen. Zur Galerie
Frank Pagelsdorf: 1. Juli 1997 bis 17. September 2001 - 62 Siege, 53 Unentschieden, 57 Niederlagen. ©

Thiounes maßgebliche Aufgabe muss es zunächst sein, den Klub zu stabilisieren und die Voraussetzungen für bessere Zeiten zu schaffen. Dies kann angesichts des Sparzwangs sogar komplizierter als der Aufstieg werden. Man sollte ihm die Zeit dafür zugestehen und nicht bei ersten Misserfolgen wieder in Aktionismus verfallen. Denn: Die Zeit, des permanenten Personalaustauschs hat in den vergangenen Jahren nie die erhofften Ergebnisse gebracht.