26. Januar 2018 / 20:42 Uhr

"Ich brauche keinen Schlagerstar im Pokalfinale": Sportminister Boris Pistorius im Interview

"Ich brauche keinen Schlagerstar im Pokalfinale": Sportminister Boris Pistorius im Interview

Carsten Bergmann und Tobias Manzke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sportminister Boris Pistorius im Interview.
Sportminister Boris Pistorius im Interview. © Petrow
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Im ersten Teil vom XXL-Sportbuzzer-Interview spricht Sportminister Boris Pistorius über die zunehmende Eventisierung des Fußballs, die 50+1-Regel, Gewalt gegen Polizisten und den angedachten Fangipfel.

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Herr Pistorius, haben Sie den Eindruck, dass sich der Profifußball von den Fans entfremdet?

Ja, das kann man nicht leugnen. Aber es ist keine einseitige Bewegung. Es gibt ja sowohl durch die Kommerzialisierung des Fußballs und durch den finanziellen Druck eine Wegbewegung des Fußballs von den Fans, aber ja durchaus auch eine Wegbewegung der Fans vom Fußball. Außerdem scheint es zunehmend einen Hang zur Eventisierung zu geben. Der Fußball hat sich verändert, aber das wollen ja auch viele. Jeder will doch Spitzenfußball mit deutschen Teams oder der eigenen Mannschaft sehen. Man muss dabei akzeptieren, dass Geld eine große Rolle spielt. Gleichzeitig gehen heute so viele Menschen ins Stadion wie nie zuvor und die Zahl der Menschen, die Fußball im TV sehen, ist auch auf einem Rekordhoch.

Wie weit darf denn die Eventisierung die Romantik verdrängen?

Ganz ehrlich, ich brauche keine Cheerleader in einem deutschen Fußballstadion. Das irritiert mich. Ich brauche auch keinen Schlagerstar in einem Pokalfinale. Das ist eine Amerikanisierung der Sportereignisse. Das ist Geschmackssache, meins ist das aber nicht. Ich selber bin kein ausgesprochener Fußballromantiker, ich will einfach guten Fußball sehen. Wenn man den Fußball und seine Rahmenbedingungen haben möchte wie vor 40 Jahren, dann lebt man in der falschen Zeit. Alle Dinge verändern sich. Der Fußball ist internationaler geworden. Wir haben eine tolle Nachwuchsförderung und das Scouting ist sensationell geworden. Das führt dann aber eben auch dazu, dass wir zwar eine richtig gute Nationalmannschaft haben, aber viele Spieler trotzdem ins Ausland gehen, weil dort noch besser bezahlt wird als in Deutschland.

Braucht die Bundesliga deshalb Investoren?

Ich verstehe die Kritiker. Ein Verein wie Manchester City zum Beispiel gehört nur noch auswärtigen Investoren, die keine Verbindung zur Stadt, zum Verein und zu den Fans haben. Aber die Diskussion um die 50+1 Regelung muss dennoch sachlich geführt werden. „50 + 1“ sollte nicht zum Teufelswerkzeug erklärt werden, aber auch nicht zum Allheilmittel für den Fußball. Ich finde es allerdings dabei viel wichtiger, dass nun überhaupt erst einmal in der Sache entschieden wird.

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Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. Zur Galerie
Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. ©
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Haben Spieler überhaupt noch diese Vorbildfunktion, die sie mal hatten?

Ja, ich glaube schon. Man muss ja nur mal auf die Bolzplätze gehen. Die Jungs tragen z.B. Trikots von Götze oder von Neymar. Und das bleibt auch so. Für die Kinder sind das fußballerische Vorbilder, was aber auch dazu führt, dass sie diesen nacheifern. Dieser Verantwortung sind sich manche Spieler, so wie ich es beobachte, vielleicht nicht immer bewusst. Was sich aber geändert hat, ist, dass die Kinder heute internationaler aufgestellt sind. Viele tragen eher Trikots von Paris St. Germain als von ihrem Klub um die Ecke. Ich würde mich freuen, wenn das wieder etwas regionaler wird. Ich bin ja ein großer Fan der unteren Ligen, in denen ja heute auch viele Traditionsklubs spielen, wie etwa der VfL Osnabrück, mein Heimatverein, bei dem ich eine Dauerkarte habe.

Dazu kommt: Es gibt immer mehr Gewalt in den Stadien und gegen die Polizisten. Wie nehmen Sie die Fankultur momentan wahr?

Da muss ich widersprechen. Es gibt keine gravierende Zunahme der Gewalt im Stadion. Wir haben vor allem Probleme im Umfeld der Spiele, außerhalb der Stadien und auf den Anreisewegen. In den Stadien haben wir vielmehr die Themen Pyrotechnik und Beleidigung. Und ja, es gibt einen Teil der Szene, bei dem es eine zunehmende Gewaltbereitschaft gibt. Das sind aber keine Fans, sondern Kriminelle.

Vor kurzem wurden Polizisten in Hannover in ihrer Freizeit angegriffen. Schockiert Sie sowas?

Ja, das schockiert mich sehr. Polizisten tun alles dafür, unsere Sicherheit zu gewährleisten. Solche Attacken sind ein Beleg für eine allgemein sinkende Hemmschwelle zur Gewalt. Ich bin deswegen froh, dass wir es letztes Jahr geschafft haben, den Strafrahmen für Gewalttaten gegen Polizisten neu festzulegen. Es kann nicht sein, dass sie wegen ihres Jobs in der Freizeit attackiert werden.

Was kann da eine Antwort drauf sein?

Konsequente Bestrafung. Keine Toleranz. Ächtung dieses Verhaltens. Es muss eine klare rote Linie gezogen werden. Wer so etwas tut, verlässt den Boden unseres demokratischen Rechtsstaates.

Sportbuzzer-Redakteur Tobias Manzke und Hannover Sportchef Carsten Bergmann im Gespräch mit Boris Pistorius. 
Sportbuzzer-Redakteur Tobias Manzke und Hannover Sportchef Carsten Bergmann im Gespräch mit Boris Pistorius.  © Petrow

Braucht es Ihrer Meinung nach eine noch schärfere Überwachung in und um die Stadien herum?

Wir haben fast überall in den Bundesliga-Stadien Videotechniken in HD-Qualität. Da kann man alles sehen. Ich glaube, noch mehr Überwachung brauchen wir nicht.

Aber die Strafen sollten doch noch stärker an die Leute gehen, die die Probleme auch verursachen.

Was immer diese Leute auch treibt: Es scheint sie in den meisten Fällen nicht zu interessieren, was für einen Schaden sie anrichten oder was die Konsequenzen ihres Handels sein könnten. Und ich finde deshalb, wenn man die Täter identifiziert, sollten sie für den Schaden zur Verantwortung gezogen zu werden.

Sie hatten ja im vergangenen Jahr einen Fangipfel angedacht, warum kam es nicht dazu?

Weil ich zum Teil missverstanden worden bin. Wir wollten ihn im August durchführen. Damals wurde mir vorgeworfen, ich wolle das Thema für den Wahlkampf benutzen, wobei ich nicht finde, dass das unbedingt ein Thema ist, mit dem man Stimmen gewinnen könnte. Ich hatte dann später drei getrennte Gespräche: Mit der Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“, mit Fanbeauftragten und mit den Fanprojekt-Vertretern unserer Standorte in Niedersachsen. Da habe ich dann gesagt, was ich mir vorstelle und zugehört, wie meine Gesprächspartner das ihrerseits bewerten. Es waren wirklich intensive und gute Gespräche. Daraus entstand die Überlegung, zunächst lokale Veranstaltungen zu machen, um möglichst vielen die Möglichkeit zu geben, mit zu diskutieren. Das wird in der ersten Jahreshälfte losgehen, insgesamt sind dann Veranstaltungen an sechs Fußballstandorten in Niedersachsen, nämlich in Hannover, Wolfsburg, Braunschweig, Osnabrück, Meppen und Oldenburg, gemeinsam mit den Clubs, geplant.

Mit welchem Zweck?

Wir wollen den Fans, allen Fans, eine Stimme geben und sie zusammenbringen. Man hat teils die Wahrnehmung, dass die wenigen Ultras, die im Stadion sind, die Stimmung von 40.000 ausmachen. Wir sollten nicht so tun, als ob die mit der lautesten Stimme auch die Mehrheitsmeinung vertreten. Mir geht es um den Fußball als Teil unserer Gesellschaft und unserer Kultur. Es treibt mich einfach um, wo wir da stehen und was wir in Zukunft als Fans aber auch als diejenigen, die Verantwortung tragen, von ihm erwarten. Es gibt beispielsweise über die Fanprojekte einzigartige Möglichkeiten, die integrative Macht des Fußballs positiv zu fördern.

Teil 2: Boris Pistorius im XXL-Interview

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