25. Januar 2021 / 07:30 Uhr

"Ich kann mich nicht beschweren": Dynamo Dresdens Idol "Dixie" Dörner feiert 70. Geburtstag

"Ich kann mich nicht beschweren": Dynamo Dresdens Idol "Dixie" Dörner feiert 70. Geburtstag

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Hans-Jürgen Dörner begeht heute seinen Geburtstag – anders als geplant – im winterlichen Dresden. Eigentlich wollte er Spaniens Sonne genießen.
Hans-Jürgen Dörner begeht heute seinen Geburtstag – anders als geplant – im winterlichen Dresden. Eigentlich wollte er Spaniens Sonne genießen. © dpa-Zentralbild
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Der Olympiasieger von 1976  hat mit den Schwarz-Gelben und der DDR-Auswahl große Erfolge, aber auch herbe Enttäuschungen erlebt. Mit nun 70 Jahren wirkt der einstige Ausnahmespieler aufgeräumt, geht es ihm gut. Zwei Spiele würde er aber gern noch einmal spielen.

Dresden. Er hat nicht nur Dynamo Dresden, sondern auch den DDR-Fußball jahrzehntelang mitgeprägt, war fünfmal Meister, fünfmal FDGB-Pokalsieger, dreimal „Fußballer des Jahres“, Auswahl-Kapitän, Olympiasieger in Montreal, später DFB-Trainer, Coach bei Werder Bremen in der Bundesliga und bei Al-Ahly Kairo in Ägypten: Hans-Jürgen Dörner hat eine Fußball-Karriere erlebt, wie sie nur ganz wenigen vergönnt ist. An diesem Montag wird „Dixie“, wie der Görlitzer seit Kindertagen gerufen wird, 70 Jahre alt. Wir plauderten mit dem Dynamo-Ehrenspielführer über das Älterwerden, über große Triumphe und bittere Niederlagen, geliebte und ungeliebte Stadien, seine bitterste Rote Karte und seine Erinnerungen an den Fall Weber/Kotte/Müller vor 40 Jahren.

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SPORTBUZZER: Einmal haben Sie schon Goldene Siebziger miterlebt, brechen jetzt die nächsten an?

Hans-Jürgen Dörner: Im Moment kann ich mit der 70 noch nicht so viel anfangen. Da muss ich mich erst ein bisschen dran gewöhnen. Die letzten 20, 30 Jahre sind gefühlt unheimlich schnell vergangen.

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Sie sind nun schon 30 Jahre älter als die DDR insgesamt Bestand hatte. Wie alt fühlen Sie sich?

Jedenfalls nicht wie 70. Mir geht es gut, auch gesundheitlich ist alles in Ordnung. Ich bin zufrieden.

Sie haben noch lange mit der Traditionsmannschaft gespielt, länger als viele andere Spieler Ihrer Generation. Haben Sie der Ehrgeiz und die Freude am Fußball nie verlassen?

Leider haben wir jetzt schon fast ein Jahr nicht mehr mit der Traditionsmannschaft spielen können. Da muss man mal sehen, ob man nach der Pause noch mal richtig reinkommt. Aber ich habe immer viel Freude am Fußball gehabt, kaum Verletzungen durchmachen müssen.

Sie werden mit 558 Pflichtspielen wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit Dynamos Rekordspieler bleiben. Wie ist es Ihnen gelungen, so lange so fit und gesund zu bleiben? Haben Sie viel Wert auf Prävention und Nachbereitung gelegt oder war es mehr eine glückliche Fügung, dass Ihr Körper so gut mitgespielt hat?

Das war mehr eine glückliche Fügung. Aber wir hatten bei Dynamo auch gute Physiotherapeuten, das war top.

DURCHKLICKEN: Bilder aus der Karriere von "Dixie"

558 Spiele für Dynamo Dresden, 100 für die DDR, eine Goldmedaille bei Olympia: Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner war eine absolute Fußballlegende. Am 19. Januar 2021 ist der gebürtige Görlitzer im Alter von 70 Jahren gestorben. Wir blicken auf seine Karriere zurück. Zur Galerie
558 Spiele für Dynamo Dresden, 100 für die DDR, eine Goldmedaille bei Olympia: Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner war eine absolute Fußballlegende. Am 19. Januar 2021 ist der gebürtige Görlitzer im Alter von 70 Jahren gestorben. Wir blicken auf seine Karriere zurück. ©

National haben Sie viele Titel gewonnen, international gingen trotz Olympia-Gold 1976 nicht alle Träume in Erfüllung. Schmerzt es Sie noch, dass Sie trotz 100 A-Länderspielen nie bei einer EM oder WM dabei waren?

Wenn man darüber nachdenkt, ist man natürlich traurig darüber. Es war bitter, dass ich 1974 wegen einer Gelbsucht ausgefallen bin. Es war auch sehr schade, dass wir 1979 das entscheidende EM-Qualifikationsspiel in Leipzig nach 2:0-Führung gegen Holland noch 2:3 verloren haben. Hätten wir gewonnen, wären wir 1980 bei der EM in Italien dabei gewesen.

Sie haben viele Länder bereist, viele Stadien kennengelernt. Welche dieser Reisen hat Sie am meisten beeindruckt?

1982 waren wir in Brasilien, haben vor fast 60.000 Zuschauern in Natal gespielt. Wir haben zwar 1:3 verloren, aber ich habe das 1:0 gemacht. Das war schon ein tolles Erlebnis.

1981 haben Sie Ihren 30. Geburtstag in Argentinien gefeiert, aber drei Dynamo-Kameraden waren kurz vor der Abreise der Auswahl verschwunden. Was hat man den übrigen Spielern gesagt, warum Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller nicht mehr mit ins Flugzeug steigen durften?


Man hat uns gar nichts gesagt. Trainer Georg Buschner hat nur erklärt, es kämen noch zwei, drei Spieler nach. Den Grund für den Ausschluss unserer Mitspieler haben wir erst erfahren, als wir wieder da waren.

Das erste Rückrundenspiel danach in der DDR-Meisterschaft verlor Dynamo im Februar 1981 in Aue nach 0:3-Rückstand mit 1:3. War nur der Schnee im Gebirge schuld daran oder waren die Köpfe nicht frei?

Es lag Schnee, Aue war auch durchaus heimstark. Aber natürlich war der Verlust von drei Auswahlspielern nicht zu kompensieren, es war schwer, sie zu ersetzen. Das hat uns alle getroffen und lange nachgewirkt.

DURCHKLICKEN: Die Ehrenspielführer von Dynamo Dresden

Hans-Jürgen Kreische (re. vor dem Europapokalspiel gegen Leeds United 1970) war in den 60-er und 70-er Jahren als offensiver Mittelfeldspieler bei Dynamo der Torjäger vom Dienst. Der Sohn von Hans Kreische, der einst an der Seite von Helmut Schön für den DSC-Nachfolger SG Friedrichstadt und später auch für den neuen Klub Dynamo spielte, war der erste Dresdner Nationalspieler seit der Verpflanzung Dynamos 1954 nach Berlin. Kreische junior (Jahrgang 1947) bestritt von 1957 bis 1978 genau 234 Oberliga-Spiele und schoss 127 Tore. Er wurde mit Dynamo fünfmal DDR-Meister, einmal Pokalsieger und absolvierte 50 Länderspiele (25 Tore) für die DDR. 1972 gewann er Olympia-Bronze in München und nahm 1974 an der WM in der Bundesrepublik teil. Beim legendären 1:0 der DDR-Auswahl über den Gastgeber stand er in Hamburg auf dem Rasen. Nach der Wende war er auch Nachwuchs- und Cheftrainer bei Dynamo und arbeitet gegenwärtig im Scouting seines Heimatvereins. Zur Galerie
Hans-Jürgen Kreische (re. vor dem Europapokalspiel gegen Leeds United 1970) war in den 60-er und 70-er Jahren als offensiver Mittelfeldspieler bei Dynamo der Torjäger vom Dienst. Der Sohn von Hans Kreische, der einst an der Seite von Helmut Schön für den DSC-Nachfolger SG Friedrichstadt und später auch für den neuen Klub Dynamo spielte, war der erste Dresdner Nationalspieler seit der Verpflanzung Dynamos 1954 nach Berlin. Kreische junior (Jahrgang 1947) bestritt von 1957 bis 1978 genau 234 Oberliga-Spiele und schoss 127 Tore. Er wurde mit Dynamo fünfmal DDR-Meister, einmal Pokalsieger und absolvierte 50 Länderspiele (25 Tore) für die DDR. 1972 gewann er Olympia-Bronze in München und nahm 1974 an der WM in der Bundesrepublik teil. Beim legendären 1:0 der DDR-Auswahl über den Gastgeber stand er in Hamburg auf dem Rasen. Nach der Wende war er auch Nachwuchs- und Cheftrainer bei Dynamo und arbeitet gegenwärtig im Scouting seines Heimatvereins. ©

Gegen welche Mannschaft hätten Sie gern einmal gespielt, gegen die es nie eine Gelegenheit gab?

Gegen Real Madrid oder den FC Barcelona. Aber ich kann mich nicht beschweren: Wir hatten Ajax, Juventus, die Bayern, Liverpool, Atletico Madrid – und ich war immer dabei.

Welches Spiel würden Sie gern noch einmal spielen?

Die Europa-Cup-Rückspiele 1985 bei Rapid Wien und 1986 in Uerdingen, ganz klar.

Wo haben Sie nie gern gespielt?

In Frankfurt/Oder, dort gab es so gut wie keine Zuschauer. Und die, die da waren, sind aus Dresden mitgereist. Aber das war trotzdem nicht schön, dort zu spielen. 1978 hätten wir die dritte Meisterschaft in Folge am letzten Spieltag sicher gern lieber woanders gefeiert.

Wer war Ihr unangenehmster Gegenspieler: national und international?

In der Oberliga war es Peter Ducke, der war gerissen, sehr unangenehm. Und international war es gegen die Holländer wie Cruyff sehr schwer, die waren Weltklasse, da wusstest du nie, was die als nächstes machen.

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Ihr großes Vorbild im DDR-Fußball war der Hallenser Klaus Urbanczyk. Wen haben Sie außerhalb der kleinen DDR als Spielerpersönlichkeit besonders geschätzt?

Wir hatten nicht so viele Kontakte nach draußen, konnten nicht so viele Spiele verfolgen. Aber einer war sicher Franz Beckenbauer, der mit den Bayern damals sehr erfolgreich war.

Ihre Heimatstadt Görlitz hat viele große Fußballer hervorgebracht. Neben Ihnen noch Heiko Scholz, Torsten Gütschow, Jens Jeremies und einige andere. Waren Sichtung und Ausbildung an der Neiße so überragend?

Das war das Klima (lacht). Nein, es wurde in Görlitz einfach sehr gute Nachwuchsarbeit gemacht, wir hatten sehr gute Übungsleiter, die sich intensiv mit uns beschäftigt, vor allem im technischen Bereich sehr gut mit den Jungs gearbeitet haben. Die Sichtung und die Verbindung nach Dresden waren auch gut.

Sie haben Dreher gelernt, den Beruf aber wegen Ihrer Sportkarriere nie ausgeübt. Sind Sie dennoch ein begabter Heimwerker geworden?

Einen Nagel in die Wand schlagen, das kann ich. Alles andere muss ich machen lassen.

Wollten Sie damals überhaupt Dreher werden?

Die Lehre habe ich in Görlitz angefangen, mein Bruder Heinz war damals schon gelernter Dreher, in diesem Beruf tätig. Es hat in Görlitz gleich mit der Lehrstelle geklappt, und als ich nach Dresden ging, habe ich die Lehre im VEB Pentacon auch zu Ende gemacht.

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Als Oberliga- und Auswahlspieler haben Sie sich später Privilegien erarbeitet. Dennoch mussten Sie auf Privatsphäre verzichten, waren viel unterwegs. Ist Ihnen der Verzicht manchmal schwer gefallen?

Ja, wir waren viel unterwegs, viel im Trainingslager und bei Spielen. Das war mitunter schon belastend, doch die Vorteile, die wir damals hatten, haben das ausgeglichen.

1982 haben Sie eine Rote Karte im Punktspiel gegen den BFC gesehen und so das Pokalfinale gegen den Erzrivalen verpasst? Was ist da genau passiert, war es tatsächlich ein absichtliches Handspiel, das gepfiffen worden ist?

Damals hat man Karten in jeden Wettbewerb mitgenommen, das gibt es heute nicht mehr. Ich war wegen Reklamierens verwarnt worden, dann habe ich den Ball im Mittelfeld an die Hand bekommen. Das war kein absichtliches Handspiel. Der Schiedsrichter hat abgepfiffen, Freistoß gegeben. Er wollte mich weiterspielen lassen, aber da ist Frank Terletzki vom BFC auf den Schiedsrichter losgegangen und hat sich beschwert. Dann erst ist die Rote Karte gegeben worden. Das war schon ein bisschen komisch für mich, ärgerlich – so kurz vor dem Finale.

Viel hat sich im Fußball geändert – nur wenige Spieler beenden heute wie Sie 1986 ihre Karriere mit 35 oder noch mehr Jahren auf dem Buckel. Sie wollten nicht aufhören, mussten es aber. Wie viele Jahre hätten Sie sich noch zugetraut? Hans-Ulrich Grapenthin hat noch mit 41 im Jenaer Tor gestanden...

So lange hätte ich sicher nicht mehr gespielt, aber ein Jahr hätte ich gern noch gemacht, um einen besseren Abgang zu haben. Wir sind in Uerdingen sang- und klanglos im Europapokal ausgeschieden, in der Meisterschaft Sechster geworden. Ich hätte mich schon gern mit einem Titel verabschiedet.

Einige Ihrer ehemaligen engen Weggefährten leben schon nicht mehr, kürzlich starb Horst Rau. Hat da heute jeder Tag, jedes Fußballspiel, das sie erleben, einen höheren Wert?

Ich glaube schon, dass man mit dem Alter ein bisschen bewusster zu den Spielen hinschaut. Ich würde mich freuen, wenn wieder Zuschauer zugelassen würden, weil das Ganze dann noch interessanter wird.

Eine große Feier wird es inmitten der Corona-Beschränkungen nicht geben. Schmerzt es Sie sehr, eine Gelegenheit zu verpassen, Ihre Lieben aus der Familie, aber auch Freunde aus dem Fußball zu treffen?

Nein, das schmerzt mich nicht so. Ich wäre, wenn es möglich gewesen wäre, gar nicht in Deutschland gewesen, sondern mit meiner Lebensgefährtin nach Spanien geflogen. Dort ist schöneres Wetter. Eine Feier hätten wir dann hier nachgeholt.

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Der Kader von Dynamo Dresden bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2020/21 stehen bereits fest. Zur Galerie
Der Kader von Dynamo Dresden bleibt (natürlich) nicht unverändert. Folgende Zugänge zur Saison 2020/21 stehen bereits fest. ©

Dynamo mischt in der 3. Liga ganz oben mit, ist Tabellenführer. Als Aufsichtsrat sind Sie ganz nah dran. Wie zuversichtlich sind Sie, dass am Saisonende trotz einiger schmerzhafter Ausfälle das große Ziel erreicht wird?

Ich hoffe das, drücke natürlich die Daumen, dass wir am Ende der Meisterschaft aufsteigen in die 2. Bundesliga, was für Fußball-Dresden, für den Verein wichtig wäre. Aber es wird noch eine schwere Rückrunde werden. Wir müssen sehen, dass die Mannschaft wieder in Schwung kommt, die Ausfälle verkraftet werden können. Gegen Kaiserslautern ist der Anfang geglückt.

Die Ausfälle im Mittelfeld und auf der Linksverteidiger-Position hat Dynamo in der Winterpause schon ersetzt. Glauben Sie, dass man hinten rechts nun auch noch was tun muss?

Ja, wir werden auf jeden Fall gucken. Ralf Becker (Sport-Geschäftsführer/d. Red.) und der Trainer haben ja auch gesagt, dass sie ein wachsames Auge haben. Wenn es passt, wird dort sicherlich noch mal was gemacht werden. Sonst muss man das mit den Spielern, die da sind, auszugleichen versuchen.