08. Mai 2020 / 10:51 Uhr

Ilja Schneider bereitet sich auf Meisterschaft im Internetschach vor: "Wie eine andere Disziplin" 

Ilja Schneider bereitet sich auf Meisterschaft im Internetschach vor: "Wie eine andere Disziplin" 

Stefan Dinse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Ilja Schneider – ein kluger Kopf und kritischer Geist: „Wenn die Corona-Krise
 vorbei ist, wird endlich der Laptop zugeklappt.“ 
Ilja Schneider – ein kluger Kopf und kritischer Geist: „Wenn die Corona-Krise vorbei ist, wird endlich der Laptop zugeklappt.“  © Debbie Jayne Kinsey
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Ilja Schneider von Oberligist HSK Lister Turm bereitet sich aktuell auf die erste deutsche Endrunde im Internetschach, die am 9. Mai ausgetragen wird, vor. Wegen der Corona-Krise sind derzeit die Onliner am Zug, obwohl Schneider "das am PC eigentlich gar nicht mag". 

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Dieser Begriff ist momentan beim Schach in aller Munde und ließe sich so erklären: Spiele gut, schnell und rede darüber – und zwar online vor möglichst vielen Zuschauern. Dafür wäre Ilja Schneider von Oberligist HSK Lister Turm genau der richtige Mann, er ist ein exzellenter Schnelldenker und kann schön formulieren. Zweifach ist der 35-jährige Oststädter deutscher Meister im Blitzschach gewesen. Ob er einen eigenen Kanal im Netz anbietet, hat Schneider hat zwar noch nicht entschieden. Aber er bereitet sich auf die erste deutsche Endrunde im Internetschach vor, die am 9. Mai ausgetragen wird, jeder spielt daheim.

„Ich bin stolz darauf, es dahin geschafft zu haben. Denn das ist im Prinzip wie eine andere Disziplin, die ich gar nicht spiele“, sagt Schneider, seines Zeichens Internationaler Meister. Er hatte ein Zwischenrundenturnier überraschend gewonnen. Zwar spielt er gern daheim online, aber das ursprüngliche Schach fehlt ihm arg: „Eigentlich mag ich das am PC gar nicht.“ Wegen der Corona-Krise sind aber zurzeit die Onliner am Zug.

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<b>Daniel Koch</b> spielt mit seinem Rugby-Team von Germania List in der ersten Bundesliga - und in der deutschen 7er-Nationalmannschaft. Der 23-Jährige spielt auf der Position des Verbinders und kam schon in den deutschen Jugend-Nationalmannschaften des Rugby zum Einsatz.  Zur Galerie
Daniel Koch spielt mit seinem Rugby-Team von Germania List in der ersten Bundesliga - und in der deutschen 7er-Nationalmannschaft. Der 23-Jährige spielt auf der Position des Verbinders und kam schon in den deutschen Jugend-Nationalmannschaften des Rugby zum Einsatz.  ©

"Letztlich ist es für mich Fast Food. Man wird satt, aber es macht nicht glücklich."

Nur drei Minuten Bedenkzeit bleiben einem Spieler pro Partie in dieser Blitzschachvariante, bei der nach jahrelanger Pause wieder ein deutscher Champion gesucht wird. Dazu kommen zwei weitere Sekunden für jeden selbst ausgeführten Zug. Corona hat das Spiel der Könige nicht entschleunigt, eher im Gegenteil. „Geblitzt“ wird im Schach zwar schon immer, der Trend ist durch die Pandemie indes befeuert worden, sagt Schneider. Auf verschiedenen Internetplattformen trifft sich die Gemeinde, für eine schnelle Partie lässt sich rund um die Uhr ein Partner finden. Irgendwo auf der Welt. „Letztlich ist es für mich Fast Food. Man wird satt, aber es macht nicht glücklich“, sagt der Sozialwissenschaftler und Bereichsleiters Flüchtlingsunterkünfte beim Deutschen Roten Kreuz in Hannover.

Schneider streitet mit dem Lister Turm um den Aufstieg in die 2. Bundesliga, wegen Corona ruht der Spielbetrieb jedoch. Der in Moskau geborene Deutsche hat eine DWZ (Deutsche Schachwertzahl) von 2462, er ist hierzulande nicht nur wegen seines inzwischen eingestellten Blogs „Schachzoo“ bekannt. Schneider spielte insgesamt zwölf Jahre für die Schachfreunde Berlin in der 1. Bundesliga, erst seit dieser Saison führt er die Figuren wieder für den HSK. Zudem ist der Vater einer Tochter in der österreichischen 1. Bundesliga am Brett, mit dem SK Hohenems steht er gesichert auf Platz sieben.

Ein kluger Kopf und kritischer Geist

Sein Ziel ist es, noch Großmeister zu werden, das ist die höchste Auszeichnung des Weltverbandes FIDE für Turnierspieler. Die dazu erforderliche internationale Wertzahl (genannt Elo) von 2500 Zählern hatte er bereits, auch bei zwei von mindestens drei Großmeisternormen holte Schneider gegen starke Kontrahenten die erforderliche Punktzahl. „Um das zu schaffen, braucht man in der Leistung einen krassen Ausreißer nach oben. Das erfordert extrem viel Training, und momentan fehlt mir die Zeit dafür“, sagt Schneider, für den Schach zu den großen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte gehört. „Es ist ein unglaublich ausdifferenziertes Spiel, wird nie langweilig.“

Schneider ist kluger Kopf und kritischer Geist zugleich, er macht sich viele Gedanken um Schach. Bei der deutschen Internetmeisterschaft kalkuliert er mit einem Platz im Mittelfeld, wenn es gut läuft und er sich nicht verklickt – da passiert es online schon mal, dass in der Eile eine Figur ungewollt platziert wird.

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Schneider vermisst die traditionelle Form

Doch Schneider denkt schon weiter. Klar, die Onlinevariante sei eine Chance, noch mehr Junge für das Spiel zu begeistern und womöglich endlich auch mehr junge Frauen, „weil es im Schach leider auffallend wenige gibt“. Aber er vermisst die traditionelle Form, das Adrenalin, einen realen Gegner am Brett: „Ich liebe das Spiel so, wie ich es gelernt habe.“ Ilja Schneider fürchtet angesichts des Onlinebooms einen Kahlschlag, viele kleine Turniere könnten verschwinden. „Wenn die Corona-Krise vorbei ist, wird endlich der Laptop zugeklappt und wieder das normale Holzspiel aufgebaut.“