02. April 2021 / 08:20 Uhr

"Im Grunde nicht konkurrenzfähig": Maik Kischko erinnert sich an das 94er Duell gegen Bayern

"Im Grunde nicht konkurrenzfähig": Maik Kischko erinnert sich an das 94er Duell gegen Bayern

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Kischko Foto: Klaus-Dieter Gloger
Mittendrin: Maik Kischko beim Spiel zwischen dem VfB Leipzig und dem FC Bayern 1994 in Aktion. © Klaus-Dieter Gloger
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Maik Kischko stand 1994 beim Heimspiel gegen die Bayern im Tor des VfB Leipzig. Vor dem Bundesliga-Gipfel zwischen RB und dem Rekordmeister aus München spricht der Delitzscher über seine Erfahrungen aus der Partie vor 27 Jahren und blickt auf seine Karriere zurück.

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Leipzig. Leipzig gegen den FC Bayern – seit einigen Jahren elektrisieren diese Duelle ganz Fußball-Deutschland, und wenn RB jetzt die Münchner zum Spitzenspiel empfängt, geht es um nicht weniger als die Meisterschaft. Dann wird auch Maik Kischko vor dem Fernseher sitzen, obwohl er als Prostheidaer Urgestein und Torwart-Trainer des 1. FC Lok mit den Roten Bullen nichts am Hut hat. „Ich bin kein Fan, aber für die Stadt ist die Bundesliga natürlich wichtig“, sagt der 54-Jährige, „so eine Chance kommt für RB vielleicht nie wieder. In diesem einen Spiel halte ich alles für möglich. RB macht es richtig gut, andererseits sind die Bayern in Top-Form und in wichtigen Partien immer voll da. Ich denke, dass sie wieder Meister werden.“

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Ernüchterndes Erlebnis bei Hundekälte

Auf jeden Fall würden die Bullen gegen die gewaltige Offensiv-Power der eine stabile Abwehr brauchen. „Und einen starken Torwart, doch den haben sie ja mit Peter Gulacsi.“ Maik Kischko weiß, wovon er spricht. Der Delitzscher war selbst ein Klasse-Keeper, und er stand im ersten Bundesliga-Heimspiel einer Leipziger Mannschaft überhaupt gegen die Bayern im Kasten.

DURCHKLICKEN: Das Duell VfB Leipzig vs. Bayern München anno 1994

Für Franz Beckenbauer war es die zweite Partie als Cheftrainer des FC Bayern, für Bernd Stange die letzte als Coach des VfB Leipzig. Im Nachgang der 1:3-Niederlage der Gastgeber gegen den Rekordmeister wurde der Trainer der Leipziger entlassen. Zur Galerie
Für Franz Beckenbauer war es die zweite Partie als Cheftrainer des FC Bayern, für Bernd Stange die letzte als Coach des VfB Leipzig. Im Nachgang der 1:3-Niederlage der Gastgeber gegen den Rekordmeister wurde der Trainer der Leipziger entlassen. © LVZ-Archiv / Klaus-Dieter Gloger

Am 19. Februar 1994 unterlag Schlusslicht VfB im Zentralstadion vor 37.000 Zuschauern mit 1:3 (0:3) gegen den damaligen Tabellenzweiten. „Kein schönes Erlebnis. Es war hundekalt, und bevor ich den ersten Ball halten konnte, hatte es schon zweimal bei mir eingeschlagen“, erinnert sich Maik Kischko. Nach drei Minuten stand es durch Tore von Mehmet Scholl und Christian Nerlinger 0:2, die Vorbereiter hießen Lothar Matthäus und Michael Sternkopf. Als Christian Ziege eine Vorlage von Thomas Helmer in der 31. Minute zum 0:3 veredelte, war das Match früh für die Gäste entschieden, die schon das Hinspiel in München 3:0 gewonnen hatten.



„Wir waren im Grunde nicht konkurrenzfähig, hatten als Aufsteiger nicht das Geld und das Standing wie heute RB“, meint Kischko. Zumal die top-besetzten Bayern heiß und gereizt zum zweiten Spiel nach der Winterpause antraten. Franz Beckenbauer war gerade Trainer geworden, hatte seine erste Partie verloren, in München brodelte es. Während er das Team später noch zum Titel führte, wurde VfB-Coach Bernd Stange nach dem 1:3 in Leipzig gefeuert. „Wundermann“ Jürgen Sundermann kehrte auf die Bank zurück, konnte aber nichts mehr retten, der VfB stieg sang- und klanglos als Letzter sofort wieder ab.

Dabei hatten die Probstheidaer in der Winterpause neue Hoffnung geschöpft. Nach einem Trainingslager in Mexiko verpflichtete Präsident Siegfried Axtmann in einer spektakulären Aktion den europäischen Torschützenkönig Darko Pancev aus Mailand. Doch der Strafraumstürmer war für die VfB-Kontermannschaft eine Fehlbesetzung, obwohl er gleich im ersten Spiel beim 1:2 in Duisburg getroffen hatte. „Die Aufbruchstimmung verflog dann auch schnell, wir waren nach einer ordentlichen Hinrunde nur noch Kanonenfutter“, räumt Maik Kischko ein.

Mit Sieg in Dortmund zur Legende geworden

Wenn er an diese Saison denkt, dann vor allem an den 7. September 1993. Der VfB triumphierte 1:0 in Dortmund, verteidigte nach einem schnellen Treffer von Jürgen Rische und zwei Feldverweisen am Ende in doppelter Unterzahl leidenschaftlich den Vorsprung – auch dank Maik Kischko. Der Keeper brachte die Borussen durch eine Serie von Glanzparaden schier zur Verzweiflung, wurde deutschlandweit als „Mann mit den tausend Händen“ gefeiert und in diesen 90 Minuten zur Legende. „Darauf werde ich heute noch oft angesprochen, so ein Spiel vergisst man nicht.“

Besonders stolz ist er jedoch auf die Aufstiegssaison 1992/93. „Das hatte uns niemand zugetraut, das war sensationell.“ Im Jahr zuvor erst am letzten Spieltag dem Abstieg entgangen, zeigte der VfB im Zweitliga-Feld der 24 Mannschaften von Beginn an eine beeindruckende Konstanz und schaffte nach 46 Spielen den Sprung in die Eliteklasse. Die Deckung mit Torsten Kracht, Frank Edmond und Matthias Lindner stand bombensicher, vorne konterten Bernd Hobsch und Jürgen Rische die Gegner aus. Auch der spätere Bundesliga-Trainer Dieter Hecking gehörte als einer von wenigen „West-Importen“ zum Überraschung-Team aus dem Osten.

Sundermann-Effekt macht Ost-Fußballer stark

„Wir waren eine verschworene Truppe ohne Abzocker, die ehrliche Arbeit abgeliefert hat“, meint Maik Kischko, „und dann war da noch der Sundermann-Effekt.“ Der frühere Stuttgarter impfte den einstigen DDR-Kickern das nötige Selbstbewusstsein ein, redete sie permanent stark und ritt bis zum Schluss auf einer erstaunlichen Erfolgswelle. „Der war wirklich ein Motivationskünstler und hat in den Mannschaftssitzungen ständig verrückte Geschichten erzählt, das wäre heute undenkbar.“ Das entscheidende 2:0 gegen Mainz vor 38.000 Fans im Zentralstadion und die anschließende Aufstiegsfeier auf dem Leipziger Markt zählen jedenfalls zu Maik Kischkos schönsten Erinnerungen.

Der gebürtige Löberitzer begann als Siebenjähriger in Delitzsch mit dem Fußball, stand stets zwischen den Pfosten und legte eine typischen DDR-Karriere hin: Kreisauswahl, Bezirksauswahl, 1979 Delegierung zum 1. FC Lok, Sportschule in Leipzig, Nachwuchsteams in Probstheida, zweite Mannschaft, Ersatzkeeper in der ersten. In der Oberliga kam er nur zu sechs Einsätzen, weil er den Nationaltorwart vor der Nase hatte. „An René Müller war kein Vorbeikommen. Aber ich hatte ein gutes Vorbild und konnte schrittweise reifen.“

Kischko war auch in der grandiosen Eurocup-Saison 1986/87 dabei, als Lok im Halbfinale Bordeaux ausschaltete, er saß im Pokalsieger-Endspiel beim 0:1 gegen Ajax Amsterdam in Athen auf der Bank. „Trotz der Niederlage war das ein wunderbares Erlebnis.“ Nach seiner Zeit in Leipzig spielte er ab 1997 noch in Jena, Bochum, bei den Stuttgarter Kickers und in Aue, ließ dann von 2001 bis 2005 seine Laufbahn beim FC Eilenburg ausklingen. „Wir sind in die Oberliga aufgestiegen, und ich konnte eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolvieren.“

Als Stürmer Torschützenkönig in der Kreisliga

Ganz vom runden Leder mochte er auch danach nicht lassen und kehrte zu seinen Wurzeln zurück. Inzwischen Anfang 40, wurde er für einige Jahre Freizeit-Fußballer in Delitzsch, allerdings nur noch selten als Torwart, sondern meist als Stürmer in der zweiten und dritten Mannschaft des ESV – von der Kreisliga C bis zur Kreisliga A. „Das hat mir viel Spaß gemacht, ein bisschen Kicken konnte ich ja. In einer Saison habe ich mal 27 Tore geschossen.“

Maik Kischko, der seit zehn Jahren in einer Gebäudereinigungs-Firma arbeitet, wohnt immer noch im gleichen Haus in Delitzsch, mitunter kickt er bei den Alten Herren mit. Als Torwart-Trainer des 1. FC Lok (seit 2013 mit einer Unterbrechung) steht er noch oft auf dem Platz und ist fit geblieben. „Für mich hat sich bei Lok ein Kreis geschlossen, ich bin der Letzte von den alten Spielern, der noch da ist, hänge natürlich am Verein und gebe gern meine Erfahrungen weiter.“

In der vergangenen Saison verpassten die Probstheidaer denkbar knapp den Drittliga-Aufstieg. „Das war bitter, aber die Traditionsklubs haben es heute fast alle schwer, von Dresden über Magdeburg bis Jena.“ In Leipzig gibt es immerhin Bundesliga, und so wird sich Maik Kischko auch das RB-Spiel gegen die Bayern reinziehen und schauen, ob Peter Gulacsi wie er selbst vor 27 Jahren drei Gegentreffer kassiert oder seinen Kasten sauber hält. „Das wird sehr interessant, aber ich bin da neutraler Beobachter und drücke niemandem die Daumen.“

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