14. April 2020 / 18:35 Uhr

Im Schmerz-Keller trainiert Frank Eggert für das Renn-Schmankerl

Im Schmerz-Keller trainiert Frank Eggert für das Renn-Schmankerl

Christian Meyer
Peiner Allgemeine Zeitung
Auf diesem Rad kommt man nur virtuell vorwärts: Auf dem Rollentrainer mit passendem Computer-Programm trainiert Frank Eggert derzeit im Keller. Der Peiner hofft, dass die Corona-Krise abebbt und er im August beim Ötztaler Radmarathon starten kann.
Auf diesem Rad kommt man nur virtuell vorwärts: Auf dem Rollentrainer mit passendem Computer-Programm trainiert Frank Eggert derzeit im Keller. Der Peiner hofft, dass die Corona-Krise abebbt und er im August beim Ötztaler Radmarathon starten kann. © Fotos: privat
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Der Peiner Radsportler Frank Eggert vom RSC Wanderlust Peine hat einen Start-Platz im Jedermann-Team von Alpecin gewonnen. 14 Hobbysportler aus 6 Nationen werden von Profis vorbereitet, um zum Beispiel den Ötztaler Radmarathon im August zu schaffen. Wegen der Corona-Krise trainiert Frank Eggert nun im Keller statt auf der Straße.

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Die Freude über diese Nachricht war riesig, obwohl Frank Eggert wusste, dass er jetzt wohl oder übel auf zwei Leckereien verzichten muss, die ihn willensschwach machen: Die Schoko-Bananen aus einer Peiner Bäckerei und den Mohn-Kuchen seiner Frau Monika. Der Peiner Radsportler hat nämlich einen der begehrten Start-Plätze im Jedermann-Team des Rad-Rennstalls Alpecin gewonnen. Er zählt zu den 14 Hobbysportlern aus sechs Nationen, die mit professionellem Training, Leistungsdiagnostik und Ernährungstipps fit gemacht werden sollen für Radsport-Höhepunkte im Sommer wie die L’Etape du Tour im Juli und den Ötztaler Radmarathon im August. Beworben hatte sich Frank Eggert dafür mit diesem Ziel: „Ich möchte Gewicht abnehmen ohne dabei an Tritt-Leistung zu verlieren“, sagt der 44-Jährige. Wegen der Corona-Krise verläuft die Vorbereitung allerdings ganz anders als geplant.

Dass Frank Eggert trotz kalorienzehrenden Etappen-Rennen im indischen Himalaya-Gebirge oder 20-tägiger Urlaubs-Radtour mit 2168 Kilometern und 16747 Höhenmetern durch Deutschland, Österreich und Tschechien noch 106 Kilo auf die Waage bringt, hat einen einfachen Grund: Er ist ein Genießer. „Für mich sind Radtouren bisher immer auch mit dem Ziel verbunden gewesen, irgendwo einzukehren und etwas Gutes zu essen“, verrät der gebürtige Pfälzer, der als Sicherheitstechniker im Bereich der Arbeitssicherheit für die Peiner Träger GmbH arbeitet. Freunde verpassten ihm deshalb auch schon den launigen Spitznamen „Buffetfräse“. Auf den virtuellen Straßen des Computer-Radtraining-Programms „Zwift“ strampelt er passenderweise als „Kugelblitz von Zwift“ in die Pedalen. Doch mit dem Training des Alpecin-Jedermann-Teams möchte er es unter die magischen 100 Kilo schaffen und als Traumziel 4 Watt Leistung pro Kilo treten. „Das wäre genial, wenn das klappt“, sagt Frank Eggert.

Bisher trug der 44-Jährige vom RSC Wanderlust Peine T-Shirts mit Motto-Sprüchen wie „Erlebnis vor Ergebnis“, doch in dieser besonderen Saison möchte er dann doch schneller sein als bisher. Damit das gelingt, hatte das Alpecin-Team unter anderem ein Auftakt-Trainingslager für die 14 Hobbyfahrer in Südtirol angesetzt. Doch dann kam die Corona-Krise und die komplette Planung für das Jedermann-Alpecin-Team musste über den Haufen geworfen werden. Das Trainingslager wurde gestrichen, beim ersten Team-Treffen tauschten sich die Fahrer und Trainer ausschließlich per Video-Konferenz im Internet aus, Rennen wie die Tour D’Energie in Göttingen oder der Radklassiker Eschborn-Frankfurt wurden abgesagt. Dort hatte Frank Eggert mit den Alpecin-Jedermann-Fahrern bereits starten sollen. Wie gewonnen, so zerronnen.

Mehr regionaler Radsport

Klar, war der Peiner traurig, „aber der bittere Beigeschmack überwiegt nicht. Denn allein was wir an Material bekommen haben, war der Wahnsinn“, betont Frank Eggert. Trikots, Hosen, Mützen, ein Rollen-Trainer samt Programm, ein Fitness-Armband und Schuhe steckten im Überraschungspaket. Ein Profi-Rad soll noch kommen. Wie es sich für einen guten Radsportler gehört, zeigt auch der Alpecin-Radstall Stehvermögen und strich die Aktion trotz der Corona-Krise nicht, er verlegte sie vielmehr dank technischer Hilfsmittel in die Wohnungen der Team-Mitglieder, so können sogar die Italiener oder Franzosen im Team trotz Ausgangssperren im Wohnzimmer mitstrampeln.

Frank Eggert hat seinen Rollen-Trainer samt Bildschirm im Keller aufgebaut. Pain-Cave, Schmerz-Keller, nennt er seinen Trainingsort augenzwinkernd. Mindestens zehn Stunden pro Woche will er trainieren, um vorbereitet zu sein, falls die Rennen in der zweiten Saisonhälfte im Sommer doch noch steigen können. Sogar einen Leistungstest haben die Alpecin-Organisatoren um Ex-Profi Jörg Ludewig und Weltmeister Maurizio Fondriest via Internet organisiert. Am heutigen Mittwoch ist es soweit. Sogar der holländische Profi Mathieu van der Poel strampelt im virtuellen Raum mit den Jedermännern- und -frauen mit. Der Test kann live von 19.15 Uhr an auf der Video-Plattform Youtube verfolgt werden (www.youtube.com/c/alpecincycling). „Ich habe keine Angst davor, mich zu quälen. Ich bin selbst überrascht, wie viel Freude mir sogar das Training im Keller derzeit macht“, sagt Frank Eggert.

Noch schöner ist es aber, mit Gleichgesinnten an der frischen Luft zu strampeln. Der Peiner hofft noch, dass die Corona-Krise rechtzeitig abebbt und er erstmals in seinem Leben die vier Pass-Straßen samt 5500 Höhenmeter verteilt auf 238 Kilometer beim legendären Ötztaler Radmarathon in den Tiroler Alpen am 30. August schafft. Dann hätte er zwei besondere Dinge zu feiern: „Das Rennen ist direkt an meinem 45. Geburtstag. Da würde ich mich gerne belohnen.“