05. Mai 2021 / 17:00 Uhr

In Leipzig, Asien und überall: Die fremde und faszinierende Welt der Fußball-Graffiti

In Leipzig, Asien und überall: Die fremde und faszinierende Welt der Fußball-Graffiti

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Ein verlassenes Haus am Wasser, irgendwo in Asien. Ein perfekter Ort, um ein Chemie-Leipzig-Graffiti zu sprayen.
Ein verlassenes Haus am Wasser, irgendwo in Asien. Ein perfekter Ort, um ein Chemie-Leipzig-Graffiti zu sprayen. © Privat
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Nicht nur in Leipzig sieht man sie, sondern auf der ganzen Welt: Fußball-Graffiti. Das neue Buch von Stefan Langer gibt Einblick in eine Welt, die vielen gänzlich unbekannt ist.

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Leipzig. Für die einen ist Fußball-Graffiti schlicht Sachbeschädigung und kriminelle Handlung, für die anderen Kunst, Jugendbewegung und die Absteckung eigener Einflussgebiete. Man kann es höchst unterschiedlich sehen, aber unmöglich übersehen: Fußball-Graffiti gibt es überall im Stadtbild. Wenn man sich darauf einlässt, betritt man eine Welt mit eigenen Regeln und Ansichten. Stefan Langer, Ultra von Chemie Leipzig, hat diese Welt jetzt in seinem monumentalen Buch „Fußball-Graffiti“ erkundet und vorgestellt.

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Grün-Weiß in Asien, Knast in Polen

Man muss es vornweg sagen: Es ist ein mächtiges, ein eindrucksvolles Werk. 656 Seiten voller Statements, Anekdoten und eindrucksvollen Bildern bieten einen umfassenden Einblick in die fremde Welt. „Farben auf Wänden und Zügen begeisterte seit den 80er Jahren in Deutschland Generationen von Jugendlichen, die den Nervenkitzel des Illegalen, gepaart mit künstlerischer Entfaltung, als großen Reiz sahen“, schreibt Langer im Vorwort und begründet die rasante Entwicklung der Szene: „Die unbändige Energie und den Drang nach Abenteuer fand man auch in den Stadien, wo junge Fußballfans Anfang der 2000er das Zepter in den Kurven übernahmen, um auf den Tribünen einen neuen Wettstreit auszufechten. Choreografien, Pyrotechnik und Gesänge färbten die Stadien und die eigenen Vereinsfarben sollten alsbald auch darüber hinaus präsentiert werden“.

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Das Fußballgraffiti begann seinen Siegeszug. Alles begann mit einfachen Schriftzügen in Stadionnähe, später gab es die sogenannten „Bombings“ (die Platzierung simpler Buchstaben an präsenten Plätzen) auf den Anreiserouten, ehe die szeneinterne „Königsdisziplin“, das Trainwriting, also das Besprühen von Zügen, eine zunehmende Rolle spielte. Diese Entwicklung inklusive einiger aufschlussreicher Interviews, als auch spektakulärer Fotos vermittelt nun das Buch „Fußball-Graffiti“. „Im Mittelpunkt stehen die auf diesem Gebiet aktivsten Fußballszenen, die in zumeist persönlich geführten Interviews einen seltenen Einblick in die Szene geben und uns darüber hinaus in den Writerstories auf ihre Streifzüge mitnehmen“, so Stefan, der fünf Jahre an dem Werk arbeitete.



Das gelingt auch - und wie! Eindrücklich geben drei Chemie-Sprayer zu Protokoll, wie sich ihr Wirken anfühlt. Einer fand ein verlassenes Haus am Wasser irgendwo in Asien und „verschönerte“ es in den grün-weißen Farben, ein anderer wurde geschnappt und verbrachte zwei Horrornächte im polnischen Knast. Der Dritte im Bunde entkommt der Polizei und verbringt eine Nacht im Wald. Adrenalin und Aufregung, Abenteuer und Sinnfrage.

Eine Szene, die es in der ganzen Welt gibt

Als Außenstehender ist es sicherlich nur sehr schwer zu verstehen – wenn überhaupt – wenn Dortmunder Ultras im vietnamesischen Hanoi sprühen (und von den Einheimischen bejubelt werden) oder ganze Züge im dänischen Bröndby umlackieren (und von dem sie erwischenden Bahnangestellten unbehelligt bleiben).

Man fragt sich gemeinsam mit den sprühenden Unionern, wie das Resultat ihres nächtlichen Treibens schneller in die Lokalzeitung gelangte als ein eigenes zu machen, schämt sich mit den Kölnern, die einen Buchstaben vergaßen, liest die Geschichten der Magdeburger, die behaupten, dass Dreistigkeit siegt, trifft fragwürdige Gestalten des nachts auf einem Militärgelände mit den Jenaern und staunt über die Duisburger, die auf einer Schallschutzwand der A42 ein 120 m langes Graffiti platzierten.

Ein Baugerüst an einer leeren Hauswand? Gefundenes Fressen für Sprayer. Grafittis wie diese lassen sich nicht nur im Leipziger Stadtbild wiederfinden.
Ein Baugerüst an einer leeren Hauswand? Gefundenes Fressen für Sprayer. Grafittis wie diese lassen sich nicht nur im Leipziger Stadtbild wiederfinden. © Privat

Toll muss man das alles nicht finden, Beifall nicht spenden, aber akzeptieren, dass es diese Subkultur gibt und sie sich nicht beseitigen lassen wird. Staunend lesen und lernen über eine Szene, die es in der ganzen Welt gibt, darf man durchaus.

Fußball-Graffiti, Erlebnis Fussball Verlag, die Erstauflage ist ausverkauft, eine Zweite in Planung. Vorbestellungen werden unter info@erlebnis-fussball.de entgegengenommen, Preis: 39,95 Euro.