04. Juni 2018 / 14:24 Uhr

Ingo Kahlisch: "Der Druck ist vom Kessel"

Ingo Kahlisch: "Der Druck ist vom Kessel"

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Ingo Kahlisch bedankte sich nach dem Aufstieg bei den Fans.
Ingo Kahlisch bedankte sich nach dem Aufstieg bei den Fans. © Christoph Laak
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Oberliga Nord: Der Trainer von Optik Rathenow spricht im Interview über den Aufstieg in die Regionalliga Nordost, den Spieler, der ihn am meisten überrascht hat und seinen Lieblingsgegner.

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Seit 29 Jahren steht Ingo Kahlisch bei Optik Rathenow an der Linie. Gestern machten der Fußball-Oberligist durch ein 3:1 (1:1) gegen den Malchower SV den Staffelsieg perfekt und damit auch den Aufstieg in die Regionalliga Nordost. Im Interview spricht der 61-Jährige über die zwischenzeitliche Ungeschlagen-Serie von 45 Spielen, den Meisterschaftskampf gegen Tebe Berlin und fehlende Unterstützung von Stadt und Landkreis.

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Herr Kahlisch, ihre Mannschaft hatte vor dem Spieltag den Aufstieg schon so gut wie sicher. Wie groß ist trotzdem die Freude in diesem Moment?
Ingo Kahlisch: Sehr groß natürlich. Klar, nach dem Spiel in Schwerin war es schon so gut wie sicher. Aber jetzt haben wir es gepackt. Der Druck ist vom Kessel und wir sind verdient aufgestiegen.

Hätten Sie der Mannschaft vor  einem Jahr so eine Saison zugetraut?
Ich wusste, dass wir eine ordentliche Mannschaft haben. Wir haben viele junge und motivierte Spieler und ein paar ältere, die alle etwas können. Das mannschaftliche Gefüge hat einfach gestimmt. Deshalb habe ich gewusst, dass wir eine Chance haben. Aber mit Tebe hatten wir eigentlich einen Konkurrenten, der finanziell viel besser ausgestattet ist. Tebe hat einen Etat von 1,5 Millionen Euro, wir 400 000 Euro im Gesamtverein.

Freut es Sie dann umso mehr, solch einer Mannschaft ein Schnippchen zu schlagen?
Das ist die eine Sache. Aber ich gucke auch auf uns. Wir kommen jetzt in eine neue Liga, in der die Mannschaften einen noch höheren Etat haben.

Das Team von Trainer Ingo Kahlisch krönt sich mit 78 Punkten zum verdienten Meister.

Ingo Kahlisch vor dem Spiel noch in Gedanken. Zur Galerie
Ingo Kahlisch vor dem Spiel noch in Gedanken. © Christoph Laak

Werden Sie den von Optik erhöhen?
Der Etat von uns ist im Grunde immer derselbe. Bisher hat sich bei mir keiner gemeldet, der gesagt hat: Ich geb dir jetzt eine Million Euro oder 50 000 Euro. Aber wir sind auch ein guter, überregionaler Werbeträger für die Stadt, von der würde ich mir mehr Engagement wünschen, genau wie vom Landkreis.

Trotz des Erfolgs kommen zu den Spielen maximal 500 Zuschauer, wie beim Spitzenspiel gegen Tebe. Woran liegt das?
Das liegt an der heutigen Zeit. Andere Vereine wie Viktoria Berlin habe das gleiche Problem, da kommen auch nicht mehr als 300 oder 400 Zuschauer. Und meiner Meinung nach macht der Bundesligafußball durch die Anstoßzeiten den Amateurfußball kaputt. Und die Deutsche Fußball Liga (DFL) gibt nach unten kein Geld ab, obwohl sie riesige Überschüsse erwirtschaftet.

Sportlich war ihre Mannschaft in dieser Saison überragend, hat nur zwei Spiele in der Liga verloren, saisonübergreifend sogar 45 Mal nicht verloren. Haben Sie so etwas schon erlebt?
Nein, mit Rathenow hab ich sonst ja immer mehr Spiele verloren als gewonnen. Ich habe selbst einen Schreck gekriegt, wie erfolgreich wir waren. Wir sind nicht eine Mannschaft mit Kohle, sondern das sind alles Jungs, die nebenher arbeiten. Das macht mich richtig stolz, das ist der Hammer. Wir sind nicht Babelsberg, wir sind nicht Tebe, wird sind Optik. Das ist der Hammer, was wir die letzten zwei Jahre abgeliefert haben.

Aleksandar Bilbija hat mich überrascht.

Sie sprechen die vergangene Saison an, als sie hinter der VSG Altglienicke Zweiter wurden und in der Relegation den Aufstieg noch knapp verpasst haben. Hing das der Mannschaft nach?
Überhaupt nicht! Ich bin ein Mensch, der sagt: Das Entscheidende im Sport ist, dass sich jeder Spieler und jeder Trainer jeden Tag neu beweisen muss. Gestern zählt nicht. Wir brauchen nicht zurückzugucken. Die Mannschaft ist seit zwei Jahren zusammengewachsen, sonst hätte sie letzte Saison nicht 70 und diese Saison 78 Punkte geholt. Nach dem Sieg gegen Tebe war ich einer der wenigen, der gesagt hat, dass wir noch nicht durch sein. Wenn die Spieler dann nicht den letzten Schritt machen, fehlen nach hinten die Punkte. Aber wir haben das am Ende schließlich doch souverän gelöst.

Gibt es einen Spieler, der Sie in dieser Saison besonders überrascht hat?
Aleksandar Bilbija, der vor der Saison von TeBe kam, weil sie ihn dort nicht mehr haben wollten. Nach der Verletzung von Julian Ringhof, einem unserer wichtigsten Spieler, der seit September nicht mehr gespielt hat, hat er eine überragende Saison gespielt mit seinen 19 Jahren. Seine Zweikampfstärke, seine taktische Stärke, das ist schon gut. Viele wollen kompliziert spielen, alles spielerisch lösen. Die gucken alle zu viel Fernsehen, das geht vielleicht in der Bundesliga. Bei mir dürfen die Spieler auch mal einen Ball weghauen.

Die Platzierungen von Optik Rathenow seit dem Jahr 2000.
Die Platzierungen von Optik Rathenow seit dem Jahr 2000. © Irina Grettschak

Wird sich der Kader zur neuen Saison stark verändern?
Wir können keinen mit Geld locken. Die Jungs wissen, dass sie in der Regionalliga ein bisschen mehr trainieren müssen, sonst werden wir aufgefressen. Dafür muss man hochmotiviert sein.

Und Sie merken das beim Team?
Wer darauf keinen Bock hat, den kann ich nicht verstehen. Gegen Chemnitz oder Erfurt zu spielen oder gegen Babelsberg. Das ist Riese gegen Zwerg, da spiele ich als Potsdamer immer am liebsten.

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Sie klingen auch sehr motiviert, kein Gedanke ans Aufhören nach 29 Jahren bei Optik?
Nachdem ich jetzt wieder richtig gesund bin, macht es mir wieder richtig Spaß. Jeden Tag mit den jungen Leuten zu arbeiten, das ist immer geil. Es gibt ja immer welche, die sagen, der ist zu lange da. Aber das quatschen nur die, die zu viel Fußball im Fernsehen schauen. Es macht noch riesig Spaß und ein Ingo Kahlisch kann auch mit Niederlagen leben.