01. Juli 2019 / 08:52 Uhr

"Habe immer noch Feuer": Ingo Kahlisch ist seit 30 Jahren Trainer von Optik Rathenow

"Habe immer noch Feuer": Ingo Kahlisch ist seit 30 Jahren Trainer von Optik Rathenow

Ronny Müller
Märkische Allgemeine Zeitung
Im Rathenower Stadion Vogelsang ist Ingo Kahlisch eine Institution.
Im Rathenower Stadion Vogelsang ist Ingo Kahlisch eine Institution. © imago images / Ed Gar
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Kein anderer Coach im leistungsorientierten Amateurfußball ist so lange im Amt wie Ingo Kahlisch bei Regionalligist Optik Rathenow. Eine Pause braucht er nicht: "Wenn ich eine Nacht schlafe, bin ich wieder geladen."

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Ingo Kahlisch musste zu diesem Gespräch überredet werden. Er schaue nicht so gerne zurück, er schaue lieber nach vorne, sagt der Trainer des Fußball-Regionalligisten Optik Rathenow. Nun sitzt der 62-Jährige aber doch in der Bar seines Sportgeschäftes in Rathenow und spricht über sein Jubiläum. Auf den Tag genau vor 30 Jahren hat er offiziell sein Amt bei Motor Rathenow angetreten. Heute heißt der Club FSV Optik, der Trainer heißt immer noch Kahlisch.

Angebot von Motor Ludwigsfelde

Beinahe hätte die Geschichte jedoch einen ganz anderen Verlauf genommen. Kahlisch war bereits im Januar 1989 nach Rathenow gekommen. Sein damaliger Titel: technischer Leiter. „Ich wollte aber auf den Rasen“, erinnert er sich. Deshalb klang das Angebot des damaligen Zweitligisten Motor Ludwigsfelde nicht schlecht, hauptamtlich die zweite Mannschaft zu trainieren. Doch die Sache zog sich hin. Irgendwann rief Kahlisch aus dem Sommerurlaub 1989 heraus an: „Dann hieß es, ich werde Trainer in Rathenow. Dass es für 30 Jahre so bleibt, hätte ich damals natürlich nie gedacht.“

Modern Talking, Kartoffelsuppe, Nähen: 10 Dinge, die ihr noch nicht über Ingo Kahlisch wusstet.

Die Profimannschaft von Hertha BSC wird am 10.08.2014 im Amateurstadion in Berlin den Fans vorgestellt. Anlass der Trainingseinheit war das Fest zur großen Saisoneröffnung von Hertha BSC auf dem Gelände des Olympiaparks. Foto: Rainer Jensen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Zur Galerie
Die Profimannschaft von Hertha BSC wird am 10.08.2014 im Amateurstadion in Berlin den Fans vorgestellt. Anlass der Trainingseinheit war das Fest zur großen Saisoneröffnung von Hertha BSC auf dem Gelände des Olympiaparks. Foto: Rainer Jensen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit © dpa

30 Jahre bei einem Verein sind im Profifußball unvorstellbar. Die durchschnittliche Verweildauer eines Bundesligatrainers beträgt gut ein Jahr. Im leistungsorientierten Amateurfußball gibt es in Deutschland keinen Männer-Trainer, der länger im Amt ist. Harry Rath hat es von 1990 bis 2017 beim FC Eisenhüttenstadt immerhin auf 27 Jahre gebracht. „Ich kann nur alle Hüte vor Ingo ziehen, solange durchzuhalten“, sagt der 63-Jährige. „Es gibt kaum Worte, um die Wertschätzung auszudrücken. Ich bewundere Ingo, dass Rathenow immer noch im Konzert der Großen in der Regionalliga mitspielt.“

Höchste Auszeichnung des Verbandes

Viele Brandenburger Clubs hatten historisch viel größere Sprungbretter, sind aber abgetaucht. Rathenow ist derzeit hinter Cottbus, Babelsberg und Fürstenwalde immerhin die Nummer vier im Brandenburger Herrenfußball. 2011 sind Kahlisch und Rath vom Fußball-Landesverband Brandenburg mit dem Kristall-Fußball ausgezeichnet worden. Es ist die größte Ehrung, die der FLB zu vergeben hat.

Zu Kahlischs Jubiläum gibt es derweil keinen offiziellen Akt. Er legt auch keinen Wert auf Gedöns. Vereins-Präsident Mario Schmeling weiß das. „Optik ist Ingos Lebenswerk“, würdigt Schmeling. „Der größte Teil des Erfolges ist sein Verdienst.“ Dass Kahlisch ihn einst aus sportlichen Gründen aus der ersten Mannschaft warf, sei kein Problem. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.“

Erster Höhenflug Anfang der 90er

Das war Anfang der 90er Jahre, als Optik zum ersten Höhenflug bis in die damals noch drittklassige Regionalliga ansetzte. Carl Zeiss Jena, Union Berlin, Rot-Weiß Erfurt und Dynamo Dresden kamen zur ehemaligen Trabrennbahn Vogelgesang. „Sensationell, gegen welche Gegner wir damals gespielt haben“, freut sich Kahlisch. „Mit geringen Mitteln“, betont er. 150 bis 200 Mark hätten die Spieler damals monatlich erhalten. „Das war ein Riesenteam. Wir haben damals den Grundstein für die weitere Entwicklung gelegt.“ Aus einer maroden Heimstätte ist ein schmuckes Amateurstadion mit einem Fassungsvermögen von 5000 Zuschauern geworden. Optik sei ein sehr bekannter Verein im Osten. „Außerhalb bekommen wir sogar noch mehr Anerkennung als in Rathenow.“

Insbesondere im vergangenen Jahrzehnt überraschte der Club immer wieder. Kahlisch: „Die letzten Jahre waren so erfolgreich wie nie.“ Optik stieg dreimal in die Regionalliga auf – für den Amateurclub sei das wie Champions League, so Kahlisch. Außerdem gewann man zweimal den Landespokal. „Die Konstanz der letzten Jahre ist eine Stärke.“ Es habe jedoch nicht nur erfolgreiche Zeiten gegeben, gibt Kahlisch, in Personalunion Trainer und Geschäftsführer, zu bedenken. „Die Abstiege gingen nicht spurlos an mir vorbei.“ Auch das verlorene Landespokalfinale 2004 bei Germania Schöneiche wurmt ihn noch immer. „Das war die größte Enttäuschung. In der letzten Minute der Verlängerung haben wir einen unberechtigten Elfmeter gegen uns bekommen.“

"Einfach geil, auf dem Trainingsplatz zu stehen."

Zum Jubiläum erwischt Kahlisch eine kleine Welle Sentimentalität. „Wo sind die 30 Jahre geblieben?“, frage er sich. „Wenn man zurückguckt, merkt man, wie alt man geworden ist.“ Autos werden nach 30 Jahren zu Oldtimern und können ein H-Kennzeichen bekommen. Kahlisch dagegen zählt sich nicht zum alten Eisen. „Ich habe immer noch das Feuer wie früher. Wenn ich das nicht mehr hätte, würde ich aufhören.“ Große Pausen braucht er nicht. „Wenn ich eine Nacht schlafe, bin ich wieder geladen.“ Kraft zieht er auch aus der Arbeit mit seiner Viertliga-Mannschaft. „Es ist einfach geil, auf dem Trainingsplatz zu stehen, das ist für mich wie Erholung.“

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Dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte, wisse er seit 2014 noch mehr zu schätzen. Damals war eine Ader im Kopf geplatzt. Kahlisch kam nach stationärem Krankenhausaufenthalt und Reha schnell wieder zurück. Viele Worte will er darüber nicht mehr verlieren. „Soweit ist alles wieder in Ordnung, mir hat der Sport, mein Wille und die Familie geholfen.“ Er habe eine überragende Familie, sagt der gebürtige Potsdamer über seine Frau Andrea und die beiden Töchter. Oft saß die Familie allein in Potsdam, während Kahlisch am Wochenende unterwegs war.

Doch die Ruhe für gemütliche Kaffee-Kuchen-Nachmittage hatte er nie – und er hat sie auch heute noch nicht. „Ich war aber in jungen Jahren noch verrückter als jetzt.“ So sei er am Spielfeldrand schon ruhiger geworden.

An seinen Prinzipien rüttelt er aber nicht. Kahlisch mag keine SMS, WhatsApp hat er nicht. „Brauche ich nicht.“ Er besteht auf Anrufe. „Man muss doch miteinander reden.“ Da Kahlisch viele Spieler kennt, lädt er potenzielle Neuverpflichtungen meistens gar nicht zum Probetraining, sondern zum Kaffeetrinken ein. Kahlisch trinkt viel Kaffee, mehr als zehn Tassen am Tag. Plus Cola. „Beim Reden bekomme ich am besten ein Gefühl, ob es passt.“

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Mit Blick auf die neue Saison muss sehr viel passen. Rathenow ist in der Regionalliga Abstiegskandidat. „Es wird schwer. Aber wenn wir uns gut vorbereiten, haben wir eine Chance, die Liga zu halten.“ Wie lange er noch Trainer ist, sei schwer zu sagen. „Ich will schon noch ein paar Jahre machen. Aber wer weiß, vielleicht bin ich irgendwann nur noch Sportlicher Leiter.“

Kahlisch ist kein Mensch, der Rituale pflegt. Aber jeden Morgen holt er für sich und seine Mitarbeiter Brötchen. Vielleicht gibt es heute zum Jubiläum auch noch Kuchen dazu.

Ingo Kahlischs Werdegang

Bei Empor Potsdam fing Ingo Kahlisch mit dem Fußballspielen an. Später kickte der gebürtige Babelsberger drei Jahre im Nachwuchs von Motor Babelsberg, dem heutigen SV Babelsberg 03. Nach dem Wechsel in den Herrenfußball spielte er ein Jahr bei Empor Potsdam in der Bezirksklasse. Dann wurde er zur Volksarmee nach Klietz (Sachsen-Anhalt) einberufen, wo er für Vorwärts und die BSG Traktor spielte. Anschließend schloss er sich erneut Motor Babelsberg an, wo der Durchbruch in der ersten Mannschaft nicht gelang, Kahlisch aber schon eine Nachwuchsmannschaft betreute.

Besser lief es nach dem Wechsel zum DDR-Ligisten KWO Berlin, wo Kahlisch 69 Zweitligapartien absolvierte. Die KWO-Spieler waren nur pro forma beim Kabelwerk Oberspree angestellt. Kahlisch, gelernter Facharbeiter für Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, ging aber regelmäßig freitags freiwillig in der Werkstatt arbeiten. „Das hat mir einfach Spaß gemacht.“ Wegen einer Meniskusverletzung war die Laufbahn früh beendet. Mit 28 Jahren wurde Kahlisch für drei Jahre Trainer beim TSV Luckenwalde.

1989 dann der Wechsel zu Motor Rathenow als technischer Leiter, ab 1. Juli 1989 war er Trainer. Wechselangebote hat es in drei Jahrzehnten mehrere gegeben. Babelsberg 03 und Tennis Borussia Berlin wollten Kahlisch als Trainer verpflichten. Bei Energie Cottbus hätte er Nachwuchsleiter werden können. Doch er wollte Rathenow nicht Knall auf Fall verlassen – und blieb. „Ich habe damit alles richtig gemacht.“

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