24. Februar 2020 / 14:50 Uhr

Insolvenzverfahren läuft: So plant Ex-Bundesligist SG Wattenscheid 09 die Zukunft

Insolvenzverfahren läuft: So plant Ex-Bundesligist SG Wattenscheid 09 die Zukunft

René Wenzel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Erinnerung an große Zeiten: Wattenscheids Sportvorstand Christian Pozo y Tamayo (links) und Finanzvorstand Christian Fischer im Lohrheidestadion.
Erinnerung an große Zeiten: Wattenscheids Sportvorstand Christian Pozo y Tamayo (links) und Finanzvorstand Christian Fischer im Lohrheidestadion. © Rene Wenzel
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Die SG Wattenscheid 09 befindet sich nach dem Rückzug der ersten Mannschaft im Insolvenzverfahren. #GABFAF trifft die beiden neuen Vorstandsköpfe Christian Fischer und Christian Pozo y Tamayo im Lohrheidestadion.

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Nur der leichte Wind bewegt die weißen Tornetze im Lohrheidestadion der SG Wattenscheid. Am Grillstand fehlt der Geruch von frisch gebrutzelter Bratwurst. In den Kassenhäuschen liegen die Überreste von Eintrittskarten auf dem Boden zerstreut. Das Wasser aus einer angebrochenen Glasflasche ist längst abgestanden. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Oktober läuft nur noch die Stadionuhr auf die Sekunde genau.

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"Es war nicht mehr fünf vor zwölf, sondern schon eine Minute vor zwölf. Wir mussten innerhalb kürzester Zeit einen Betrag sammeln, damit die Jugendabteilung noch gerettet werden kann. Da gab es überhaupt gar keine Zeit zum Überlegen. Es hieß: Mach oder der Verein wird gelöscht", sagt SGW-Sportvorstand Christian Pozo y Tamayo (39) im Gespräch mit GABFAF über die prekäre Lage im Herbst des vergangenen Jahres. Wenige Wochen bleiben nur noch, um den Spielbetrieb der Regionalliga-Mannschaft zu retten. Doch nach erfolgloser Sponsorensuche zieht der Klub die Erste aus der vierten Liga am 23. Oktober zurück. Der erste Absteiger steht damit fest.

#GABFAF zu Besuch bei der SG Wattenscheid

An das vorerst letzte Regionalliga-Spiel am 19. Oktober vor 1401 Zuschauern gegen Fortuna Düsseldorf II kann sich der neue Finanzchef Christian Fischer (57) noch bestens erinnern: "Da habe ich nicht nur alleine geweint. Wir waren sehr, sehr traurig, haben aber nicht den Kopf in den Sand gesteckt." Alle Spieler des Kaders finden nach der Abmeldung einen neuen Verein. Die Aufräumarbeiten gehen bis ins tiefste Detail. Alles muss auf den Kopf gestellt werden. Und das kommt vielen Mitgliedern bekannt vor.

Spieler schreiben aus Verärgerung offenen Brief

Schon im Sommer 2007 ist die wirtschaftliche Situation des Klubs so bedrohlich, dass nach dem Abstieg in die damalige Verbandsliga die erste Insolvenz droht. Doch die finanziellen Löcher können noch gestopft werden. Es folgt ein Auf und Ab zwischen Verbandsliga, NRW-Liga und Westfalenliga. Erst 2013 kehrt der frühere Bundesligist in die Regionalliga zurück. Probleme machen sich weiter breit: Spieler schreiben einen offenen Brief über nicht gezahlte Gehälter und nicht eingehaltene Absprachen von Seiten des Vorstands. Wieder droht der Lizenzentzug für die Regionalliga. Doch die SGW wendet den Zwangsabstieg ab.

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Ruhiger wird es in den nächsten Jahren nicht. Ein Investor kündigt im Juli 2018 an, dass er Wattenscheid zum digitalisiertesten Verein Europa machen und fünf Millionen Euro bereitstellen wolle. Machtkämpfe innerhalb des Vorstandes sollen die Zusammenarbeit nach nur knapp zwei Monaten wieder platzen lassen haben. Die finanziellen Probleme erreichen Mitte November 2018 nach dem gescheiterten Investor-Deal ein neues Level. Die Verbindlichkeiten steigen auf 350.000 Euro, nur eine Crowdfunding-Kampagne rettet den erneut hart angeschlagenen Klub. Finanziell am Abgrund steht der frühere Bundesligist wieder mit Beginn der neuen Saison. Aufsichtsratschef Oguzhan Can tritt zurück, Sportdirektor Peter Neururer zieht wenige Monate später nach und bezeichnet sein Engagement bei der SG als "größten Fehler meiner Karriere".

Pozo y Tamayo: "Finanzielle Probleme haben hier schon Tradition"

Und dann kommt die Zeit vom neuen SGW-Vorstandsteam um die Vorreiter Fischer und Pozo y Tamayo. "Finanzielle Probleme haben hier schon Tradition. Doch so eine Situation wie vor wenigen Monaten gab es hier noch nie. Die Insolvenzverwalterin Frau Dr. Commandeur hat uns deutlich gemacht: Entweder Sie unterschreiben heute oder ich gehe morgen zum Amtsgericht und mache hier die Lichter aus. Das war mit Sicherheit der Tiefpunkt der Vereinsgeschichte. Aber die Insolvenz ist auch eine große Chance für die SG", sagt der Sportvorstand. Aus jahrzehntelanger Vereinsverbundenheit und liebe zu diesem Klub setzen Fischer und Pozo y Tamayo alle Hebel in Bewegung.


Die beiden Alt-Wattenscheider retten mit Unterstützung die Vereinshülle und die Nachwuchsabteilung. Doch auf viel Begeisterung stoßen die Vorstandsmitglieder bei der Sponsoren-Akquise nie. "Da herrscht schon eine große Zurückhaltung. Die Leute denken sich, ach da kommen die Nächsten. Vor euch waren schon sieben andere hier. Wir müssen in allen Bereichen große Aufbauarbeit leisten", berichtet Unternehmensberater Fischer. Eine Neuausrichtung ist natürlich auch in der ersten Mannschaft gefragt. Doch wohin geht die Reise nach dem Zwangsabstieg aus der Regionalliga? Noch verhält sich der SGW-Vorstand bei dieser Frage bedeckt.

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SG Wattenscheid plant Belohnung für den Nachwuchs

"Wir müssen irgendwie zur neuen Saison eine Mannschaft aufs Feld bekommen. Ansonsten droht der Zwangsabstieg in die Kreisliga C. Ich bin mir aber sicher, dass wir auch mit einem kleinen Budget und etwas Fantasie eine schlagkräftige Truppe auf die Beine gestellt bekommen. Und das mindestens in der Verbandsliga", sagt Pozo y Tama. Der 39-jährige Inhaber eines Fachhandels für Arbeitsbekleidung gibt einen kleinen Einblick in die aktuellen Planungen: "Wir wollen die Lücke zwischen dem Nachwuchs und der ersten Mannschaft kleiner machen. Vielleicht bieten wir den Jugendspielern pro Saison in Zukunft ein bis drei Kaderplätze als Belohnung in der Ersten an. Jetzt schauen wir uns nach Jungs um, die studieren oder mit beiden Beinen im Beruf stehen und Lust haben, auf einem vernünftigen Niveau zu kicken. Das müssen alles Leute sein, die nicht aufs Geld angewiesen sind."

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Denn finanzielle Mittel stehen dem Klub nur wenige zur Verfügung. Der inklusive Prämien geplante Etat aus der Vorsaison müsse von maximal knapp 900.000 Euro auf 148.000 Euro plus Prämien gekürzt werden. Damit würde man in der Oberliga einen Platz im unteren Bereich einnehmen. "Wir werden jetzt nicht wie in der Vergangenheit Luftschlösser bauen und sagen, dass wir hier in zwei Jahren Profifußball spielen. Wir sollten die Lehren aus den vergangenen Jahren ziehen, dass man nichts erzwingen darf", betont Pozo y Tamayo.

Wattenscheider beschreiben die SG als Chaosverein

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Aktuell heißt das sportliche Ziel Klassenerhalt - egal, ob in der Ober- oder Verbandsliga. Feierabendfußball auf reinem Amateur-Niveau steht im Vordergrund. Und ganz wichtig: Vertrauen aufbauen in diesen Klub. Denn rund um Wattenscheid bezeichnen die Menschen die SG nur noch als Chaosverein. Ein Chaosverein mit dem altehrwürdigen Lohrheidestadion als Spielstätte, rustikalen Stehplatztribünen und vielen Erinnerungsstücken an die glorreichen Bundesliga-Zeiten – es fühlt sich hier einfach nach großem Fußball an.