13. November 2016 / 15:24 Uhr

Intensives Derby: 1. FC Lok dank abgefälschtem Schuss im Halbfinale

Intensives Derby: 1. FC Lok dank abgefälschtem Schuss im Halbfinale

Antje Henselin-Rudolph
SPORTBUZZER-Nutzer
Intensives Derby: 1. FC Lok dank abgefälschtem Schuss im Halbfinale USER-BEITRAG
Intensives Derby: 1. FC Lok dank abgefälschtem Schuss im Halbfinale © dpa
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Hiromu Watahiki erlöst mit seinem Treffer die dezimierten Gäste aus Probstheida (mit Fotos).

Leipzig. 90 Minuten reichten nicht. 115 Minuten brauchte das große Derby zwischen der BSG Chemie Leipzig und dem 1. FC Lok Leipzig, bis das erste Tor fiel. Es sollte das einzige bleiben. Dank eines abgefälschten Fernschusses von Hiromu Watahiki hat sich der Regionalligist am Sonntagnachmittag 1:0 (0:0) durchgesetzt und steht im Halbfinale des Sachsenpokals. Vor 4999 Zuschauern lieferten sich beide Mannschaften einen intensiven Schlagabtausch.

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"Fußball wurde heute wenig gespielt", kommentierte Lok-Coach Heiko Scholz das Geschehen. "Es war ein Kampfspiel. Natürlich war es ein wenig glücklich für uns. Vielleicht wäre eine Entscheidung im Elfmeterschießen gerechter gewesen." BSG-Coach Dietmar Demuth sah das ähnlich. "Es war klar, dass heute hier viel Emotionen im Spiel sind und es etwas rascheln wird auf dem Platz." Er sei stolz auf seine Jungs. "Sie haben sich immer wieder dagegen gestemmt. Ich denke nicht, dass wir die schlechtere Mannschaft waren."

Zahlreiche Heimfans hatten sich bereits zwei Stunden vor Anpfiff im Stadion eingefunden. Bei klirrender Kälte klatschten und sangen sie sich frühzeitig warm. Ansonsten herrschte, auch aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen rundherum, eine fast schon gespenstische Ruhe. BSG-Vorsitzender Frank Kühne gab sich entspannt. "Ich bin draußen herumgegangen, habe mit Leuten gesprochen. Alle sind bisher zufrieden. Alles läuft reibungslos." Die Sicherheit für das Hochsicherheitsspiel gab es nicht umsonst. 25.000 bis 30.000 Euro mussten die Leutzscher laut Kühne dafür locker machen.

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Chemie in Hälfte eins am Drücker

Auf den Rängen herrschte beste Stimmung, als es schließlich sportlich wurde. Der Regionalligist begann zurückhaltend und überließ den Hausherren die Initiative. Der erste Chemie-Angriff rollte in der sechsten Minute über Rechts. Aber Tommy Kind fand für seine Flanke keinen Abnehmer. Auf der anderen Seite wagte Nils Gottschick nach einer Viertelstunde einen Versuch, der aber auch zu nichts führte.

Die Hausherren hatten zunächst deutlich mehr vom Spiel, auch wenn ihnen die Idee für das Spiel ab der Strafraumgrenze fehlte. Den ersten echten grün-weißen Torschuss gab es kurz vor der Pause. Tim Bunge setzte den Ball rechts neben das Gehäuse. Ab der 20. Minute engagierte sich auch die Scholz-Elf stärker. Eine scharfe Hereingabe von Maik Georgi in der 24. Minute, die auch als Torschuss durchgehen konnte, war die gefährlichste blau-gelbe Aktion der ersten Hälfte. "Ich war mit unserem Spiel extrem unzufrieden. Da hatten doch alle einen Stift in der Hose", so Scholz.

Hektik kam erstmals in der 31. Minute auf. Ronny Surma ging an der rechten Seitenlinie rustikal in den Mann. Sofort bildete sich das berühmte Rudel, mittendrin Schiedsrichter Jens Klemm, der Surma und BSG-Kapitän Stefan Karau Gelb zeigte. Loks Nummer 19 war auch im weiteren Verlauf aktiver als nötig. Heiko Scholz reagierte zur Pause, brachte Pascal Ibold.

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Rote Karte bringt die Wende

Dezimiert wurde seine Elf dennoch. Steffen Fritzsch holte sich in der 60. Minute völlig zu Recht die rote Karte ab, nachdem er am Mittelkreis Karau unnötig von hinten von den Beinen holte. Karau blieb zunächst liegen, konnte dann aber weitermachen. "Im Grunde ist Lok zu diesem Zeitpunkt aufgewacht. Es hat sich eine alte Fußballregel bewahrheitet: Die Einen wissen, mit einem Mann weniger müssen sie eine Schippe drauflegen. Die Anderen meinen, sie können es jetzt ruhiger angehen lassen." 

Auch im zweiten Durchgang mangelte es an Torraumszenen. Ein Kopfball von Tommy Kind in der 76. Minute war die erste ernsthaftere Möglichkeite der Hausherren. Auf Seiten der Gäste hatte sich zuvor Nils Gottschick auf den Weg gemacht, doch Marcus Dölz warf sich dazwischen. Er verletzte sich bei der Aktion, musste behandelt werden. Gottschick sah Gelb.

Die Schlussviertelstunde gehörte im Wesentlichen den Probstheidaern. Sie profitierten von den schwindenden Kräften der Heimelf, die auf tiefem Boden kaum noch offensive Akzente setzten und sich nur sporadisch aus der eigenen Hälfte befreien konnten. Die Blau-Gelben erarbeiteten sich zwei Freistöße. Beide blieben ohne zählbares Ergebnis, auf der Anzeigetafel leuchtete auch nach 90 Minuten ein 0:0. "Wir haben uns hinten reindrücken lassen. Das war unnötig", monierte Benjamin Schmidt später. Er war mit Leistenproblemen ausgewechselt worden. 

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Das Spiel: BSG Chemie Leipzig - 1. FC Lok Leipzig Zur Galerie
Das Spiel: BSG Chemie Leipzig - 1. FC Lok Leipzig © dpa/Dirk Knofe

Verlängerung mit "Chemie-Riesen"


Ein wenig überraschend waren es die zuvor noch etwas kraftlos wirkenden Hausherren, die deutlich besser in die Verlängerung starteten. Zunächst scheiterte Bury per Kopf. Dann knallte er einen Freistoß mit Schmackes an den linken Pfosten. Es war die beste Gelegenheit der Chemiker bis zu diesem Zeitpunkt. Dennoch fehlte beiderseits weiter das Wichtigste: ein Tor. Das änderte sich erst in der 115. Minute.

Der Jubel bei den Gästen war grenzenlos. "Für mich ist das kein glücklicher Sieg", bekannte Christian Hanne. "Es ist ein wunderbares Gefühl jetzt, vor allem weil wir in den vergangenen Wochen nicht so viel gewonnen haben. Am Ende interessiert keinen, ob es irgendwie knapp war. Haken dran und fertig." Torschütze Watahiki trug nicht zu viel Stolz vor sich her. "Das war ja nicht mein erstes Tor überhaupt. Aber die Atmosphäre hier, toll." Auf grün-weißer Seite herrschte dagegen Katerstimmung, obwohl die Fans ihre Mannschaft für eine couragierte Leistung feierten. "Wir können uns für dieses Schulterklopfen nichts kaufen. Das braucht kein Mensch", gab Andy Müller unumwunden und sichtlich enttäuscht zu. "Wir hatten unsere Möglichkeiten."

Von einem Sieg für beide Seiten sprach dagegen BSG-Vorsitzender Kühne. "Es war ein friedliches Derby. Beide Fangruppen haben ihre Mannschaft toll unterstützt." Demuth sah das ähnlich. "Wir haben gezeigt, dass es in Leipzig nicht nur Chaoten gibt. Es war ein Fußballfest." Und auch wenn Heiko Scholz noch einmal betonte, lieber in der Red Bull Arena gespielt zu haben. "Ich war lange nicht mehr hier und habe mich gefreut. Immerhin hat die BSG Chemie wesentlich dazu beigetragen, dass aus mir ein ordentlicher Fußballer geworden ist."

BSG Chemie: Dölz; Karau; Wajer; Trogrlic; Müller; Heinze (116. Heyse); B. Schmidt (73. Bury), Bunge (82. Schlüchtermann); Ludwig; Kind; F. Schmid. 

1. FC Lok: Latendresse-Levesque; Trojandt; Hanne; Fritzsch; Georgi (97. Brügmann); Becker; Ziane; Gottschick; Surma (46. Ibold); Zickert; Wendschuch (68. Watahiki).