23. November 2020 / 20:33 Uhr

Zurück aus der Blase: Christian Dieners wertvoller ISL-Trip

Zurück aus der Blase: Christian Dieners wertvoller ISL-Trip

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Bei der ISL 2020 belegte Christian Diener Platz drei mit seinem Team London Roar. 
Bei der ISL 2020 belegte Christian Diener Platz drei mit seinem Team London Roar.  © Mine Kasapoglu/ISL
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Sechs Wochen lang absolvierte der Potsdamer Rückenschwimmer Training und Wettkämpfe beim Camp der International Swimming League in Budapest. Das lohnte sich für ihn in vielerlei Hinsicht.

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An seine heimische Umgebung muss sich Christian Diener erst einmal wieder gewöhnen. Am Montag kehrte der Rückenschwimmer des Potsdamer SV in die Brandenburger Landeshauptstadt zurück, nachdem er sich zuletzt sechs Wochen lang in einer Blase durch Budapest bewegt hatte. Ein abgeschottetes Pendeln zwischen Hotel und Schwimmarena an der Donau. Nach täglichem Training und sechs Wettkämpfen im Rahmen der International Swimming League (ISL) sagt er: „Ich bin froh, das gemacht zu haben.“

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Rekordflut in der Sport-Dürrezeit

Am Sonntag ging die zweite ISL-Saison mit dem großen Finale zu Ende. Nach dem Silberrang im Premierenjahr der privat organisierten Wettkampfserie belegte Dieners Team London Roar dieses Mal Platz drei. In der coronabedingten Sport-Dürrezeit waren die zahlreichen Rennen in Budapest eine Rarität für die Weltklasse-Schwimmer, die andernorts – was Wettkämpfe betrifft – derzeit weitestgehend auf dem Trockenen sitzen. In der ISL setzte derweil eine Rekordflut ein. 14 Kurzbahn-Weltbestmarken (fünf davon im Juniorenbereich), sechs Europarekorde und eine deutsche Bestzeit wurden aufgestellt.

In Bildern: Die Brandenburger "Bilder der Woche" der Saison 2020/21.

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Das sind die Brandenburger "Bilder der Woche" der Saison 2020/21. ©

Letztere ging auf das Konto von Diener, der über 50 Meter zuschlug und nun rundum bislang Deutschlands bester Kurzbahn-Rückenschwimmer ist. Denn auf den 100- und 200-Meter-Distanzen hielt er die Rekorde schon zuvor und kratzte in Ungarns Hauptstadt mehrfach an ihnen. Der 27-Jährige lieferte immer auf hohem Niveau ab. „Ich bin sehr zufrieden mit meinen Leistungen“, sagt er und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Es sollte eine Eigenschaft eines Profis sein, konstant seine Leistungen abzurufen.“

Guter Testlauf für Olympia

Jörg Hoffmann war auch zufrieden. Mit den Darbietungen seines Schützlings, aber auch der Teilnahme an dem Camp generell. „Im Vorfeld gab es viele Skeptiker, aber ich denke, dass das da gut aufgegangen ist“, meint der Stützpunkttrainer. Der Deutsche Schwimm-Verband hatte die ISL wegen der Corona-Pandemie zuvor als „nicht kalkulierbares Risiko“ bezeichnet und erklärt, dass sie „aus medizinischer Sicht nicht durchgeführt werden“ sollte.

In den sechs Wochen von Budapest trat letztlich keine Covid-19-Infektion unter den rund 300 Aktiven auf. „Christian war dort in der Blase vermutlich sicherer als hier bei normalen Abläufen in Potsdam“, sagt Hoffmann. Das Hygienekonzept sei streng gewesen, betont Diener. „Aber nur dadurch funktioniert es.“ Er könne sich vorstellen, dass Olympia 2021 in Tokio ebenfalls unter solchen Bedingungen ausgerichtet wird – insofern sei es für ihn ein guter Testlauf gewesen.

Hohe Prämien ausgelobt

Und auch in finanzieller Hinsicht scheint sich der Trip gelohnt zu haben. Die ISL war von Konstantin Grigorishin angeschoben worden, einem in Russland lebenden ukrainischen Oligarchen, der mitunter fragwürdige politische Beziehungen pflegt. Er hat Geld – und davon viel. Mit weiteren Partnern kreierte Schwimm-Fan Grigorishin ein Hochglanzprodukt, an dem die Top-Athleten lukrativ beteiligt werden sollen. Etwas, das sie beim Weltverband Fina vermissten.

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Allein an Prämien soll Diener laut dem Fachportal swimswam.com diese Saison rund 36.000 US-Dollar im ISL-Becken gefischt haben. Damit hat er von den acht deutschen Startern am meisten verdient, liegt insgesamt auf Rang 43 der Bilanz. Spitzenreiter mit fast 292.000 US-Dollar ist US-Star Caeleb Dressel, der in Budapest für das Siegerteam Cali Condors vier Weltrekorde hinlegte. Darüber hinaus ist allen Aktiven von September 2020 bis Juni 2021 ein monatliches Honorar in Höhe von 1500 US-Dollar versprochen worden.

Die ISL versteht sich als Sportshow. Sie besticht durch ihren Teamcharakter in einer Einzelsportart, ein Punktesystem, das für Abwechslung beim monotonen Bahnenziehen sorgt, und durch außergewöhnliche Rennformate. Diener durfte beispielsweise zweimal in den sogenannten Skins ran. Eliminierungsrennen über 50 Meter und drei Runden – mit jeweils nur drei Minuten zwischen den Starts. Einmal gewann der Potsdamer das K.o.-Spektakel, beim anderen Mal schied er in Runde zwei aus.

Neue Reize in der Tokio-Vorbereitung

Viel Spaß habe er gehabt, sagt der mehrfache EM-Medaillengewinner. Auch im Training, wo der britische WM-Dritte über 200 Meter Rücken, Luke Greenbank, sein wichtigster Partner war. Betreut wurde Diener von Melanie Marshall, Trainerin des Brust-Olympiasiegers Adam Peaty, dem auch zwei Weltrekorde in Budapest gelangen.

Es habe ihm gefallen, „nach neuen Plänen und gegen meinen Konkurrenten zu schwimmen“, sagt Diener. In Abstimmung mit Hoffmann habe der Olympiasiebte von Rio auch Einfluss auf die Inhalte der Einheiten nehmen können. Dass solche Experimente in der Tokio-Vorbereitung ein Wagnis seien, findet Coach Hoffmann nicht: „Christian war da in besten Händen. Und das, was er da gemacht hat, waren gute Reize für den Formaufbau.“ Der nun in heimischer Potsdamer Umgebung fortgeführt werden soll.