01. Dezember 2020 / 06:56 Uhr

Von "Glücksspiel" über "Armutszeugnis" bis "mysteriös": Internationale Pressestimmen zur Löw-Entscheidung

Von "Glücksspiel" über "Armutszeugnis" bis "mysteriös": Internationale Pressestimmen zur Löw-Entscheidung

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der DFB setzt weiter auf Bundestrainer Joachim Löw - so reagierte die nationale und internationale Presse auf die Entscheidung.
Der DFB setzt weiter auf Bundestrainer Joachim Löw - so reagierte die nationale und internationale Presse auf die Entscheidung. © imago images (Montage)
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Zwei Wochen durfte sich der Bundestrainer nach dem 0:6-Debakel gegen Spanien zur inneren Einkehr in den Schwarzwald zurückziehen. Dann beendet der DFB die Hängepartie um Löw mit einem klaren Votum - der SPORTBUZZER hat Pressestimmen zum Verbleib gesammelt.

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Joachim Löw hat es geschafft. Auch nach dem 0:6-Debakel in Spanien und einem heftigen öffentlichen Sturm in den Tagen danach setzt der Deutsche Fußball-Bund mit Blick auf die EM 2021 weiter unverdrossen auf den Bundestrainer. "Ein einzelnes Spiel kann und darf nicht Gradmesser für die grundsätzliche Leistung der Nationalmannschaft und des Bundestrainers sein", lautete ein zentraler Satz in der Mitteilung des Verbandes nach einer Telefonkonferenz mit der Entscheidung des DFB-Präsidiums am Montag.

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"Einvernehmlich" beschloss das Führungsgremium, "den seit März 2019 eingeschlagenen Weg der Erneuerung der Nationalmannschaft mit Bundestrainer Joachim Löw uneingeschränkt fortzusetzen". Diese Entscheidung sorgt in den nationalen und internationalen Medien für ein geteiltes Echo - der SPORTBUZZER hat einige Pressestimmen zusammengestellt.

Mehr vom SPORTBUZZER

Welt (Deutschland): "Die Nachricht überraschte kaum, man hatte sie aber eigentlich erst am Ende dieser Woche erwartet. (...) Wie es scheint, wollte der DFB die seit Tagen anhaltende öffentliche Debatte um Löw schneller beenden und für Klarheit sorgen. (...) Knapp zwei Wochen nach dem ,rabenschwarzen Abend' von Sevilla, wie Löw ihn bezeichnet hatte, ist die negative Atmosphäre einer Art Aufbruchstimmung gewichen – allerdings nur intern. Diese auch extern zu verkaufen, wird weitaus schwieriger. Persönliche Statements abseits der 42 schriftlichen Zeilen hätten dabei schon Montag helfen können. Die gab es aber nicht. Alle Beteiligten machten sich flugs auf den Heimweg."

Bild (Deutschland): "Die Entscheidung ist trotz der unbestrittenen Verdienste von Jogi Löw ein Armutszeugnis für den größten Verband der Welt und beweist einmal mehr die eklatante Führungsschwäche. ... Auch die Nationalelf hat weniger ein Qualitäts-Problem, sondern viel mehr ein Trainer-Problem. Löw hat die 2. Chance leider vergeigt, die er nach der WM-Blamage zu Recht bekommen hat. Sein Kredit ist aufgebraucht. Er wirkte zuletzt müde, ratlos und reagierte auf Kritik abgehoben. Für einen gesichtswahrenden Rücktritt, mit dem er vorbildlich Verantwortung übernommen hätte, fehlte ihm offenbar die Kraft oder die Einsicht. Oder beides."


Frankfurter Allgemeine Zeitung (Deutschland): "An einem desaströsen Spiel sollte man einen Bundestrainer nicht messen. So versuchte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Montag seine Entscheidung für die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Joachim Löw zu begründen. Und ließ dabei geflissentlich außer Acht, dass das erschütternde 0:6 gegen Spanien nicht der Grund, sondern der Anlass für die große Kritik am Weltmeister-Coach ist. An der Führungslosigkeit auf und neben dem Spielfeld ließen sich die großen, nun seit Jahren unübersehbaren Schwächen Löws exemplarisch erkennen. Ihm ist auch der zweite Umbau der Nationalmannschaft nicht gelungen. Er schaffte es nicht, den Widerstandsgeist der Mannschaft mit seiner Ansprache zu wecken noch mit taktischen Entscheidungen den Zusammenbruch zu verhindern."

Sport1 (Deutschland): "Die deutsche Nationalmannschaft ist kein Bundesligaverein, in dem man mit einer Trainerentlassung (oder einem abgesprochenen Rücktritt) mit neuem Personal auf der Trainerbank auf einen Kurzzeiteffekt hoffen kann. In einem Verband ticken die Uhren anders. Zudem hätte ein neuer Bundestrainer derzeit nicht mehr machen können als Löw: Spieler beobachten und telefonieren."

Kicker (Deutschland): "Jede andere Entscheidung, als weiter auf Löw zu setzen, hätte zu diesem Zeitpunkt letztlich ohnehin überrascht und sich aktionistisch ausgenommen. Denn eine Niederlage, mag sie mit 0:6 gegen Spanien noch so extrem deftig ausgefallen sein, kann nicht alles radikal verändern, wenn es ein überzeugtes Ja zu einem grundsätzlichen Konzept gibt. Und eben dieser "Weg der Erneuerung der Nationalmannschaft", so heißt es im DFB-Kommuniqué, solle ohne jede Einschränkung beibehalten werden."

Spiegel (Deutschland): "(...) Also war jede Entscheidung des DFB, die er zu fällen hatte, eine Güterabwägung. Jede Entscheidung konnte nur halb richtig sein, aber eben auch nur halb falsch. Mutlos und mutig zugleich. Eine Irgendwie-Entscheidung, um ein Lieblingswort des Bundestrainers aufzunehmen."

"Es ist ein Glücksspiel"

AS (Spanien): "(...) Von nun an kann ihn jede Panne seinen Job kosten, insbesondere im Hinblick auf seine Entscheidung, auf seine aussortierten Veteranen zu verzichten. Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng, die Architekten von Löws WM-Triumph 2014, wurden angesichts der vom Trainer selbst gewählten Erneuerung des Kaders aus der Mannschaft ausgeschlossen. Der Ruf nach einer Rückkehr des Trios könnte nicht lauter sein, aber Löw wird in diesem Punkt standhaft bleiben. Es ist ein Glücksspiel."

Joachim Löw: Seine Bundestrainer-Ära in Bildern

Weltmeister-Macher und Rekord-Bundestrainer: Bereits seit 2006 trainiert Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft. Seit der WM 2018 musste der 60-Jährige allerdings auch den einen oder anderen sportlichen Rückschlag hinnehmen. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die emotionalsten Momente der Ära Löw! Zur Galerie
Weltmeister-Macher und Rekord-Bundestrainer: Bereits seit 2006 trainiert Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft. Seit der WM 2018 musste der 60-Jährige allerdings auch den einen oder anderen sportlichen Rückschlag hinnehmen. Der SPORTBUZZER zeigt die emotionalsten Momente der Ära Löw! ©

Kronen Zeitung (Österreich): "Joachim Löw darf weitermachen. (...) Der Ex-Coach der Wiener Austria und des FC Tirol ist seit mehr als 14 Jahren Bundestrainer. In der jüngsten Vergangenheit zeigte die englische Mannschaft des FC Southampton, dass nach einer verheerenden Niederlage nicht immer die Entlassung des Trainers der richtige Weg ist: Dem österreichischen Trainer Ralph Hasenhüttl wurde vor einem Jahr nach einer 0:9-Watsche das Vertrauen ausgesprochen. Ein Jahr später war der Grazer Leader der Premier League."

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz): (...) "Mit einem solchen Entscheid, wie ihn der DFB-Präsident Fritz Keller, die Vizepräsidenten Rainer Koch und Peter Peters sowie der Schatzmeister Stephan Osnabrügge einstimmig trafen, vorzeitig an die Öffentlichkeit zu treten, lässt sich als grosse (sic!) Überraschung bezeichnen. (...) Was den DFB an Löw festhalten lässt, ist mysteriös. Derart nibelungentreu stand noch kein Präsidium zu einem Bundestrainer, zumal Löw seit nunmehr zwei Jahren den Nachweis schuldig bleibt, die versprochene Kehrtwende herbeizuführen."

L'Équipe (Frankreich): "Der Verband hat alle mit einem Treffen vor dem Großereignis am 4. Dezember überrascht (...) In einer reduzierten Diskussionsrunde war es tatsächlich Löw, der seinen Sanierungsplan vorstellen konnte, und seine Rede war sichtlich überzeugend."