07. Juni 2019 / 15:34 Uhr

Internationales Jugendturnier bei Frisch Auf Wurzen: Die Welt zu Gast bei Freunden

Internationales Jugendturnier bei Frisch Auf Wurzen: Die Welt zu Gast bei Freunden

Haig Latchinian
Leipziger Volkszeitung
Am 22. und 23. Juni können wieder die jungen Burkartshainer Kicker auf die Kinder vom FC Longjumeau aus Frankreich treffen.
Am 22. und 23. Juni können wieder die jungen Burkartshainer Kicker auf die Kinder vom FC Longjumeau aus Frankreich treffen. © Wilko Finke
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Es war jenes Fußballspiel am Himmelfahrtstag 2007, das überregional für Negativschlagzeilen sorgte. Die Partie der Nachwuchsteams des gastgebenden ATSV Frisch Auf Wurzen und Fortuna Chemnitz wurde von fremdenfeindlichen Rufen einer Gruppe alkoholisierter „Fans“ begleitet. Damals wie heute wehrt sich der Verein gegen den politischen Missbrauch seines Stadions und geht in die Offensive: Am 22. und 23. Juni 2019 veranstaltet er das vierte internationale Jugendturnier.

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Wurzen. Die dramatischen Nachrichten aus seiner alten Heimat ließen ihm keine Ruhe. Frisch Auf Wurzen fremdenfeindlich? Thomas Nikoleit, der als Kind für Empor kickte, liebt seine Geburtsstadt: „Alles, was ich bin, verdanke ich Wurzen.“ Und so beschloss er, etwas zurück zu geben. Obwohl er längst im fernen Frankreich lebt und arbeitet, trat er trotzig dem Wurzener Fußballverein bei. Seit 2011 ist er so etwas wie dessen Außenminister.

Zunächst initiierte er eine Reise der Wurzener E- und D-Jugend in die Nähe der Stadt Tours sowie ein Jahr später das Freundschaftsspiel der Männermannschaft gegen den Pariser Vorortverein FC Longjumeau. Noch im selben Jahr fuhr der Wurzener Nachwuchs zum Gegenbesuch. Freundschaftsspiele in der Nähe von Calais folgten. 2013 gab es in Wurzen das erste Internationale Jugendturnier.

Alle Kinder sind gleich

Die Idee: Ob weiße, gelbe, schwarze oder braune Hautfarbe – alle Kinder wollen nur Tore schießen. Der Plan ging auf. Auch dank Fördergeldern des Freistaates Sachsen wetteifern nach 2013, 2015 und 2017 nun abermals Mannschaften aus nah und fern im Frisch-Auf-Stadion. Die 12- und 13-jährigen Fußballer kommen aus Wurzen, Burkartshain, Warstein, Doberan, aber auch aus Frankreich, Italien, Polen und Tschechien.

Im Laufe der Zeit kickten in Wurzen zudem Teams aus Wales, Belgien, Ungarn, Lettland und Estland. Verein, Eltern und Sponsoren zeichnen sich immer wieder als perfekte Gastgeber aus: In der Zeltstadt gibt es täglich dreimal Essen, dazu manch gemeinschaftlichen Ausflug zu Völkerschlachtdenkmal, Stadtfest oder Tag der Sachsen. Diesmal soll es zum Sächsischen Familientag gehen, der im Park gefeiert wird.

DURCHKLICKEN: Das sind die Gästeteams beim internationalen Jugendturnier von Frisch Auf Wurzen

Vítejte ve Wurzenu! FK Slovan Chabařovice! Ein inzwischen guter Bekannter ist der FK Slovan Chabařovice aus Tschechien. Der Ort liegt in der Nähe von Usti nad Labem. Dadurch ist die Anreise für die Sportler aus dem Nachbarland kürzer als jene der anderen Teams. Natürlich auch wegen der guten Anbindung steht das 4. Internationale D-Jugendturnier regelmäßig auf dem Spielplan des Vereins. Inzwischen verbucht der Club aus Nordböhmen seine dritte Teilnahme, beginnend mit dem Turnier am Tag der Sachsen 2015. Die Wurzener freuen sich, die sympathischen Tschechen, die mit einer Polonaise in der Leipziger Innenstadt glänzten und im Bus zurück nach Wurzen für unvergessliche Stimmung sorgten, bei sich begrüßen zu dürfen. Zur Galerie
Vítejte ve Wurzenu! FK Slovan Chabařovice! Ein inzwischen guter Bekannter ist der FK Slovan Chabařovice aus Tschechien. Der Ort liegt in der Nähe von Usti nad Labem. Dadurch ist die Anreise für die Sportler aus dem Nachbarland kürzer als jene der anderen Teams. Natürlich auch wegen der guten Anbindung steht das 4. Internationale D-Jugendturnier regelmäßig auf dem Spielplan des Vereins. Inzwischen verbucht der Club aus Nordböhmen seine dritte Teilnahme, beginnend mit dem Turnier am Tag der Sachsen 2015. Die Wurzener freuen sich, die sympathischen Tschechen, die mit einer Polonaise in der Leipziger Innenstadt glänzten und im Bus zurück nach Wurzen für unvergessliche Stimmung sorgten, bei sich begrüßen zu dürfen. © dpa/Sportbuzzer
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Vom Koch zum „Außenminister“

Kein Jahr ohne „Länderspiel“. Thomas Nikoleit vermittelt für Frisch Auf immer neue Kontakte in Europa. Lang ist’s her, als er im Hotel „Stadt Wurzen“ noch seine Kochlehre machte. Später arbeitete er im Café Sanne. Dann kam das Jahr 1989: Eben noch Koch in Bennewitz, heuerte der Wurzener als Kraftfahrer, später im Betonwerk sowie als Lagerarbeiter an. Die eigentliche Wende brachte ein Französischkurs an der Volkshochschule.

Nikoleit nutzte seine erworbenen Sprachkenntnisse und stieg in der Lyoner Notrufstation des ADAC ein. Seitdem ist er Wurzener Franzose oder französischer Wurzener. Seine Frau ist Russin, er selbst spricht fünf Sprachen. Sogar ein Team aus Algerien hatte er mal an der Angel. Doch die Nordafrikaner mussten damals kurzfristig absagen. „Schade, die Kinder hätten einreisen dürfen, die erwachsenen Betreuer bekamen jedoch kein Visum.“

Diplomat im Trainingsanzug

Dafür werden zur 4. Auflage des Turniers unter anderem Spieler aus Strasbourg erwartet, trainiert von einem Algerier. Auch für Olympique Club Roubaix kicken einige Jungs, deren Vorfahren aus dem Maghreb stammen. Nikoleit, Diplomat im Trainingsanzug, bahnte auch Kontakte auf die Insel an. Er weiß, wie groß die Freude bei Kindern sei, nach Wurzen reisen zu dürfen.

„Im Schweiße ihres Angesichts besserten die Waliser Jungs in ihrer Heimatstadt Llandovery die Reisekasse auf. In Supermärkten halfen sie tagelang beim Packen der Einkaufstüten.“ Doch damit nicht genug: „Ein spendables Fitnesscenter rief seine Mitglieder auf, die bis Wurzen fälligen 1500 Kilometer symbolisch auf Hometrainern, Laufbändern und Rudermaschinen zurückzulegen. Für jede geschaffte Meile gab es Bares.“

Wurzens U-15 war mittlerweile zum Gegenbesuch in Wales. Und überhaupt: Mal Gast, mal Gastgeber – für die Wurzener ist es das normalste von der Welt. Sowohl Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußballverbandes, als auch sein Muldentaler Amtskollege Harald Sather würdigten zuletzt die jahrelangen Bemühungen des Vereins: „Die 330 Mitglieder, darunter auch ausländische Kinder und Jugendliche, verbringen ihre Freizeit sinnvoll.“

Daher sei es umso bedauerlicher, so Winkler und Sather, dass der Fußball von einigen wenigen für politische Zwecke missbraucht werde. Zuletzt geschehen beim Heimspiel der Wurzener gegen Roter Stern Leipzig. Daniel Weist, Präsident von Frisch Auf Wurzen, machte das tief traurig. Einmal mehr sei der Verein in Verbindung mit Vorkommnissen erwähnt worden, die alles andere als mit Sport zu tun hätten.

Vermittlung humanistischer Werte

Jene 70 Personen, die sich als Wurzen-Anhänger ausgaben, kämen nur einmal im Jahr ins Stadion – zum Spiel gegen Roter Stern, schüttelt Weist den Kopf. Sein Verein wende sich entschieden gegen jede Form von politischem Extremismus, ob von links oder rechts. Die Vermittlung humanistischer Werte sei ihm wichtig. Es seien Werte, die nicht zuletzt am 22. und 23. Juni gelebt würden, wenn die Welt zu Gast in Wurzen ist.

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