04. Mai 2020 / 11:54 Uhr

"Dann kannst du keinen absteigen lassen": Achim Sarstedt über den Bundesliga-Neustart

"Dann kannst du keinen absteigen lassen": Achim Sarstedt über den Bundesliga-Neustart

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Achim Sarstedt (rechts, mit Volker Finke) fordert beim Neustart in der Bundesliga eine chancengleiche Wettbewerbssituation.
Achim Sarstedt (rechts, mit Volker Finke) fordert beim Neustart in der Bundesliga eine chancengleiche Wettbewerbssituation. © imago images/Eibner
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Achim Sarstedt war lange Assistent von Volker Finke beim SC Freiburg. Der 60-Jährige erläutert im XXL-Interview mit dem SPORTBUZZER unter anderem, wo Deutschland im Nachwuchsbereich Defizite hat und warum es beim Bundesliga-Neustart Wettbewerbsnachteile gibt.

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Achim Sarstedt weiß, wie man von ganz unten nach ganz oben kommt. Der Fußballlehrer aus Garbsen hat die Erfahrung von weit mehr als 700 Bundesliga-Spielen als Co-Trainer und früherer Leiter des Wolfsburger Nachwuchsleistungszentrums.

Seine eigene Karriere begann damals in Stelingen, zusammen mit Volker Finke trainierte er dann den TSV Havelse, von 1991 bis 2007 arbeitete er an Finkes Seite beim Bundesliga-Auf-Ab-Aufsteiger SC Freiburg. Über Hoffenheim, mit Ralf Rangnick, ging es für Sarstedt zum VfL Wolfsburg. Dort war Sarstedt auch noch Assistent der Bundesliga-Trainer Lorenz-Günther Köstner und Armin Veh.

Seit 2010 fliegt der 60-Jährige regelmäßig nach China, um Talente zu sichten und zu fördern. Ihm zur Seite steht die chinesische Fußballlegende Guangming Gu. Der war einst erster chinesischer Fußballprofi in Deutschland, spielte in den 90er-Jahren 108-mal in der 2. Liga für Darmstadt. Weixin Gu, Sohn des früheren Profis, koordiniert als Projektleiter die Zusammenarbeit zwischen der Sportuniversität Peking und Hannover.

Aber jetzt bremst die Corona-Pandemie Sportdirektor Sarstedt und sein Kompetenzteam aus und zwingt sie ins Homeoffice. Der SPORTBUZZER hat mit Sarstedt gesprochen.

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Wann waren Sie das letzte Mal in China?

Im Herbst letzten Jahres. Eigentlich wollten wir jetzt im Frühjahr wieder hin. Angenommen, ich wäre hingeflogen – ich glaube nicht, dass ich so schnell zurückgekommen wäre. Der avisierte Schüleraustausch liegt erstmal auf Eis. Aber hinsichtlich Analyse und Planung glühen die Drähte zwischen Peking, Frankfurt und Hannover via Homeoffice. Es handelt sich um ein auch für Profivereine interessantes internationales Projekt. Es gab auch regional positive Rückmeldungen – sowohl von Michael Tarnat, dem Leiter des 96-Nachwuchsleistungszentrums, als auch von Martin Kind.

Da auch in Deutschland in der Juniorenausbildung noch immer verschiedenste Fehler gemacht werden, sind innovative Entwicklungsprojekte zwingend nötig. Und in diesen Kontext ordnen wir unsere avisierte Zusammenarbeit mit dem NLZ von 96 ein.

Welche Fehler werden gemacht?

Es geht zum Beispiel um das Thema entwicklungsgemäße Spiel- und Trainingssteuerung: 1. Frage: Dürfen 16-Jährige schon in der Bundesliga spielen? Das ist ja abhängig von individuellen Entwicklungen. Ein 16-Jähriger Moukoko von Borussia Dortmund ist ja körperlich schon so ausgereift, dass er in der U19 spielen kann.

Man müsste, blödes Wort, eine entwicklungsphysiologische Homogenität hinbekommen – gleiche Körper müssen gegen gleiche Körper spielen. Wenn einer 20 Kilo mehr wiegt und in der Pubertät schon zwei Jahre weiter ist, kann er dich im Sport besiegen, obwohl er vielleicht spieltechnisch und -taktisch schwächer ist. Das ist eine Problemstellung, die noch nicht geklärt ist – auch in Deutschland. 2. Frage dazu: Dürfen 16-Jährige noch in der U14 oder U15 spielen? Diese Problematik ist viel gravierender.

Ob in Hannover geboren, als Talent verpflichtet oder Stammkraft im 96-Nachwuchs: Diese Talente schafften ihren Durchbruch nicht bei 96 und verdienen jetzt woanders mit dem Fußball ihr Geld.

Niko Gießelmann: Der linke Verteidiger wurde 1991 in Hannover geboren. Mit 15 Jahren wechselte er von der SC Langenhagen zu Hannover 96. Dort war er sechs Jahre aktiv, lief in der Reserve der Roten 74 Mal auf (15 Tore, 5 Vorlagen). Mit den Profis auf dem Feld zu stehen, war ihm nicht vergönnt. 2013 wechselte er zu Greuther Fürth, absolvierte 132 Spiele im Kleeblatt-Dress und ist aktuell Stammspieler beim Bundesligaaufsteiger Fortuna Düsseldorf.  Zur Galerie
Niko Gießelmann: Der linke Verteidiger wurde 1991 in Hannover geboren. Mit 15 Jahren wechselte er von der SC Langenhagen zu Hannover 96. Dort war er sechs Jahre aktiv, lief in der Reserve der "Roten" 74 Mal auf (15 Tore, 5 Vorlagen). Mit den Profis auf dem Feld zu stehen, war ihm nicht vergönnt. 2013 wechselte er zu Greuther Fürth, absolvierte 132 Spiele im "Kleeblatt"-Dress und ist aktuell Stammspieler beim Bundesligaaufsteiger Fortuna Düsseldorf.  ©

Wann sollten den Jugendspieler in ein Nachwuchsleistungszentrum wechseln – möglichst früh?

Das wird ja immer so rübergebracht, als wenn die Sichtung in der E-und D-Jugend losgeht, die Besten kommen ins NLZ – und dann wird der Flaschenhals immer schmaler, einige rutschen raus und die Besten bleiben übrig. Das ist ein Irrglaube. Es gibt immer wieder ein In-und Out. Ich denke, die Breite muss relativ lange aufrechterhalten werden, damit sich Toptalente entwickeln können – und zwar nicht 100, sondern 1000. Die Qualität der Spieler, im Sinne von langfristiger Profiperspektive, siehst du mit 13, 14 oder 15 noch nicht.

Wirklich nicht?

Nein, und es ist leider noch extremer. Nehmen wir doch mal Marco Reus. Der hat in Dortmund in der U17 im zweiten Jahr gar nicht mehr gespielt. Er ist dann zu Rot-Weiß Ahlen gegangen, hat da gespielt – und ist über den zweiten Bildungsweg wieder zurück in den Profibereich gekommen. Selbst in der B-Jugend, also mit 16 oder 17 Jahren, ist es oft noch zu früh, zu sagen, ob einer ein Toptalent wird und sich in der Bundesliga durchsetzt. Leroy Sané ist in der B-Jugend von Leverkusen zu Schalke gegangen ...

... und?

Was denken Sie, wie viele Startelfeinsätze er im ersten und zweiten Jahr in der B-Jugend von Schalke hatte?

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Nicht so viele, wenn Sie so fragen.

Im ersten Jahr hat er bis zum letzten Spieltag kaum gespielt – und im zweiten Jahr bis zur Winterpause auch nicht einmal von Anfang an. Erst in den letzten acht, neun Spielen im zweiten B-Jugendjahr kam er dann. Er war also vor seiner hoffentlich noch ganz großen Karriere bis zur B-Jugend kein U-Nationalspieler, kein Auswahlspieler – nichts. Erst in der U19 wurde er vom DFB das erste Mal berufen – und ist dann durchgestartet.

Für diese Altersgruppe gibt es viele Beispiele – einige sind frühentwickelt und kommen relativ früh durch, Julian Brandt zum Beispiel. Den haben wir mit 15 von Oberneuland ins Internat nach Wolfsburg geholt, er war körperlich in der B-Jugend schon so weit, dass er A-Jugend spielen konnte. Und dann gibt es Spätentwickler wie Marco Reus. Du musst aber das ganze Spektrum abdecken.

Dieses Problem, dass einige Spieler früher und andere später entwickelt sind, ist nicht geklärt. Der biologische Unterschied in der U 15 beträgt teilweise bis zu sechs Jahre. Der eine ist körperlich auf dem Stand eines 12-Jährigen, der andere hat den Körper eines 18-Jähriger. Deshalb ist die Drop-Out-Gefahr sogar bis zu den spätentwickelten Toptalenten richtig groß.

Zurück zum Thema Corona und die Frage an den Trainer Achim Sarstedt: Wie bekomme ich eine Mannschaft, die mitten in der Saison acht Wochen raus war, kurzfristig wieder wettkampftauglich?

Angenommen, Sie betreuen eine Mannschaft und ich betreue eine Mannschaft – und meine Mannschaft hat zwei Wochen mehr Vorbereitungszeit, weil das ja von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich läuft. Dann ist das ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil für meine Mannschaft. Und dann kannst du eigentlich kein Team absteigen lassen.

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Marvin Bakalorz sprintet am nicht-leibhaftigen Gegenspieler vorbei. Zur Galerie
Marvin Bakalorz sprintet am nicht-leibhaftigen Gegenspieler vorbei. ©

Das heißt also: Wenn die Bundesliga ihre Saison zu Ende spielt, darf ihrer Meinung nach trotzdem keiner absteigen?

Es sei denn, alle haben einen Vorlauf von vier Wochen, wo sie entsprechend trainieren können. Leistungssteuerung ist mein Hauptmetier, ich kann das schon einordnen. Dass die Voraussetzungen so nicht zu schaffen sind, dass alle auf dem gleichen Level sind, das ist aber auch klar.

Wolfsburgs Sportdirektor Jörg Schmadtke hat das auch deutlich kritisiert.

Schmaddi ist ja nicht auf den Mund gefallen, der war mein Torwart, wir haben ihn ja damals nach Freiburg geholt. Spaß beiseite: Jörg ist ein intelligenter Junge, konstruktiv kritisch – und auch konfliktfähig. Man müsste es so lösen, dass am Ende auch die kritischen und schlauen Manager der Bundesliga meinen, wir kriegen eine chancengleiche Wettbewerbssituation irgendwie hin. Das ist die Grundvoraussetzung, denke ich. Dann kannst du das am Ende auch mit der Meisterschaft belohnen oder mit dem Abstieg bestrafen.

Aber im Zusammenhang mit Corona geht es ja nicht in erster Linie ums Gewinnen und Verlieren, sondern um Leben und Tod. So sollte man das als intelligenter Weltbürger auch einordnen.