22. Mai 2020 / 14:03 Uhr

Ansgar Brinkmann über 96: "Schlechte Personalpolitik wird im Profifußball bestraft"

Ansgar Brinkmann über 96: "Schlechte Personalpolitik wird im Profifußball bestraft"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Ach, Hannover 96 ... Ansgar Brinkmann ist nicht unbedingt voll des Lobes.
"Ach, Hannover 96 ..." Ansgar Brinkmann ist nicht unbedingt voll des Lobes. © imago images/pmk
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Früher zauberte der "weiße Brasilianer" Ansgar Brinkmann für Bielefeld, stieg 2002 mit Arminia Bielefeld in die Bundesliga auf. Er spielte auch für den VfL Osnabrück, erster Gegner von Hannover 96 nach der Corona-Pause. Im Interview mit dem SPORTBUZZER spricht der 50-Jährige über den Neustart.

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Hallo Herr Brinkmann, normalerweise sind Sie bei jedem Bielefeld-Heimspiel im Stadion. Am Sonntag beim 1:1 gegen Osnabrück waren Sie nicht auf der Alm – oder haben Sie irgendwo auf einem Baum gesessen?

Nein, nein, natürlich nicht, ich habe mich den Vorschriften entsprechend verhalten und zu Hause vorm Fernseher gesessen.

Bleibt Bielefeld für Sie der Aufstiegsfavorit Nummer eins? Die Verfolger Hamburg und Stuttgart haben ja auch gepatzt.

Die Frage ist ja in der derzeitigen Situation: Wer nimmt diese Bedingungen am besten an? Nur wer das macht, steigert seine Chancen, an die Leistungsgrenze zu kommen. Du darfst nicht jammern: alles skurril, alles blöd – nein, das ist professioneller Sport, auf den sich jeder einstellen muss.

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Das ist Bielefeld gegen Osnabrück nur bedingt gelungen.

Stimmt. Aber es ist in der Tabelle nichts passiert. Wir waren schon in der vergangenen Saison die beste Rückrundenmannschaft, die Arminia macht einen richtig guten Job. Mit diesem Kader da oben zu stehen – das ist außergewöhnlich gut. Aber was sich Hamburg und Stuttgart schon geleistet haben, das ist bedenklich. Man hat den Eindruck, die beiden wollen nicht aufsteigen. Dass du mit so einer Qualität im Kader keine Konstanz hinbekommst, wundert mich. Stuttgart müsste mit 15 Punkten Vorsprung vorm Dritten Erster sein.

Wie schätzen Sie Ihren anderen Ex-Klub VfL Osnabrück ein?

Trainer Daniel Thioune hat da was auf den Weg gebracht, was seinesgleichen sucht. Dass irgendwann mal ein Einbruch kommt, wenn du dich nicht gleich für drei, vier, fünf Millionen Euro verstärkst, ist logisch. Die Pause kam dem VfL nicht ganz ungelegen, glaube ich.

Wenn sie den Klassenerhalt schaffen, und nur darum geht es, dann war es eine große Saison. Und das traue ich ihnen auch zu. Thioune hat unfassbar viel Empathie – für den Fußball, fürs Kollektiv, aber auch für jeden Einzelnen. Ich weiß ein bisschen, wie er arbeitet, ich habe noch mit ihm zusammengespielt. Er ist ein ganz starker Stratege, der auch für höhere Aufgaben prädestiniert ist.

Das sind die restlichen Spiele von Hannover 96 in der Saison 2019/20 in der 2. Bundesliga nach der Corona-Zwangspause:

28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) Zur Galerie
28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) ©

Am Samstag kommt 96 – für Hannover wird es ein Kaltstart ...

Ach, Hannover 96 ... Wenn man eine schlechte Personalpolitik macht, wie das bei 96 seit ein, zwei, drei Jahren der Fall ist, dann wird man im Profifußball bestraft. Sie haben sich gefangen, das ist wohl wahr. So gehören sie ins sichere Mittelfeld, aber das kann ja nicht der Anspruch sein.

Keine Zuschauer, fünf Auswechselungen, Dynamo Dresden startet an diesem Wochenende immer noch nicht in die Liga – kann das, was am Saisonende herauskommt, noch gerecht sein?

Nein, natürlich nicht. Das ist auch zum Teil Wettbewerbsverzerrung. Wenn Dresden, wenn sie aus der Quarantäne kommen, gegen eine Mannschaft spielt, die ein bisschen im Rhythmus ist, dann ist das ein klarer Nachteil. Corona ist nun mal höhere Gewalt. Aber dass die Saison zu Ende gespielt wird und es Auf- und Absteiger geben soll, ist besser als nichts. Jetzt sieht man mal, wer dafür sorgt, dass der Fußball so einen Stellenwert hat – das sind die Fans in der Kurve.

Ansgar Brinkmann - seine besten Sprüche

Ansgar Brinkmann ist für seine Sprüche bekannt. Zur Galerie
Ansgar Brinkmann ist für seine Sprüche bekannt. ©

Ist es denn gerecht, dass die Fußballer wieder spielen dürfen – und andere Profisportler müssen noch warten?

Der einzige Grund, den Fußball wieder zu starten, kann für mich nur sein, massiv Arbeitsplätze zu erhalten – und damit meine ich nicht, die Gehälter der Spieler zu sichern. Aber der Fußball kann natürlich auch nichts dafür, dass er die finanziellen Mittel für eine Saisonfortsetzung hat, die er nun ausspielt.

Haben Sie in Corona-Zeiten auch ein bisschen entschleunigt?

Ich bin von Bielefeld erst mal in meine Heimat nach Bakum bei Vechta übergesiedelt, da wohnt meine Mama, die ist 85, auf die passe ich auf. Diese Zeit ist ja gar nicht mit Geld aufzuwiegen. Sie hat viele alte Geschichten erzählt, die ich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Meiner Mama geht es Gott sei Dank gut, sie ist fit und wird hoffentlich noch lange leben.