10. März 2018 / 08:03 Uhr

Christoph Kramer: "Wir müssen aufpassen, dass wir die Fans nicht verlieren"

Christoph Kramer: "Wir müssen aufpassen, dass wir die Fans nicht verlieren"

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Christoph Kramer über Anstoßzeiten
Christoph Kramer über Anstoßzeiten
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Der Weltmeister spricht im Interview über seine Komfortzone in Mönchengladbach, warum ihn mehr Geld nicht interessiert, den Videobeweis, Eigenheiten von Pierre-Emerick Aubameyang und die große Gefahr, die Fans zu verlieren.

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Der Profifußball befindet sich in seiner wohl größten Zerreißprobe. Die Diskussionen über 50+1, Montagsspiele, den Videobeweis oder geldgierige Profis werden vehement geführt. Viele Fans stimmen mit den Füßen ab – und gehen nicht mehr ins Stadion, was die sinkenden Besucherzahlen bei den meisten Bundesliga-Klubs beweisen. Christoph Kramer, 27, Weltmeister 2014, Mittelfeldspieler bei Borussia Mönchengladbach, macht die Entwicklung Sorgen, wie er vor dem Spiel der Gladbacher am Sonnabend, 18.30 Uhr, bei seinem Ex-Klub Bayer Leverkusen bekennt.

Herr Kramer, Sie sind nach einem Abstecher von Leverkusen zurück nach Gladbach gewechselt und treffen nun auf ihren früheren Klub. Borussia haben Sie als Ihre Komfortzone bezeichnet, sodass ein Wechsel keinen Sinn mehr habe. Können Sie mit 27 Jahren sagen, dass Sie Ihre Karriere in Gladbach beenden wollen?

Ich weiß, dass ich mit dem Begriff Komfortzone aufpassen muss, weil der schnell negativ belegt wird. Entgegen jeglicher Psychologen-Meinung ist Komfortzone für mich aber rundum positiv besetzt. Bei Borussia existiert eine einheitliche Philosophie, niemand wird hier verrückt, wenn es mal Wellenbewegungen gibt wie in dieser Saison. Auch dann wird an Richtlinien, die nachgewiesenermaßen richtig sind für den Verein, festgehalten. Damit kann ich mich hundertprozentig identifizieren. Warum also sollte ich über einen Wechsel nachdenken?! Ich habe hier so vieles, was ich schätze und liebe.

Sie haben behauptet, dass Sie einen Bankbeamten verstehen könnten, der die Stelle wechselt, wenn er statt 3000 plötzlich 5000 Euro verdienen kann, für Sie aber die Aussicht auf 7 statt 4 Millionen Euro Gehalt nie ein Wechselgrund wäre.

Stimmt. Mir wäre die erwähnte Komfortzone, die Nähe zur Familie und den Freunden etc. immer wichtiger als noch mehr Geld. Wenn man sich nur noch über Geld definiert, ist das ganz sicher der falsche Weg. Wie viele Autos will man denn noch zu Hause stehen haben?! Deshalb ist noch mehr Geld ab einer Summe X für mich kein Anreiz. Aber so muss das ja nicht jeder sehen.

"Wenn man einen Aubameyang holt, weiß man, was man bekommt"

Zum Beispiel Pierre-Emerick Aubameyang, der seinen Wechsel zum FC Arsenal erstreikt hat. Gibt es keine Moral mehr im Profifußball?

Das wäre mir eine zu plakative Aussage. Es gibt eben spezielle Typen, und wenn man einen Aubameyang holt, weiß man, was man bekommt. Arsenal steht zwar imagemäßig sicher nicht über dem BVB, aber vielleicht war es ja schon immer Aubameyangs Traum, einmal in der Premier League zu spielen ...

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Mönchengladbach hatte zuletzt mehrfach mit Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zu kämpfen. Was denken Sie über den Videobeweis?

Mal davon abgesehen, dass mir die ständigen, zum Teil minutenlangen Unterbrechungen auf die Nerven gehen, heißt es doch, der Videobeweis würde den Fußball gerechter machen. Sieht man aber die bisherigen Entscheidungen, die wir hinnehmen mussten, hat uns der Videobeweis vielleicht schon fünf bis sechs Punkte gekostet, obwohl die TV-Bilder recht eindeutig waren. Fehlentscheidungen gehören schon immer zum Fußball, bloß treffen nun teilweise nicht mehr die Schiedsrichter auf dem Platz die Entscheidungen, sondern die Videoassistenten im stillen Kämmerlein.

Hat sich der Fußball zum Nachteil verändert?

Gerade in den letzten vier, fünf Jahren ist das ganze Drumherum noch einmal enorm gewachsen. VIP-Logen, Berater, E-Sport-Teams etc. Der Fußball boomt, und nirgendwo scheint man heutzutage vermeintlich so leicht an so viel Geld kommen zu können wie im Fußball. Nicht nur Spieler und Trainer, sondern gerade auch die, die sich im direkten Umfeld bewegen, können enorm verdienen. Auf diesen Zug will jeder aufspringen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

"Am geilsten: Alle Spiele am Samstag um 15.30 Uhr"

Die Fans machen aber nicht mehr alles mit. Beim Montagsspiel in Dortmund war der Signal Iduna Park gerade einmal zu zwei Dritteln gefüllt.

Dass bei Borussia Dortmund 25.000 Fans wegbleiben, das ist ein ganz krasses Zeichen! Ich jedenfalls finde es immer noch am geilsten, wenn alle neun Spiele am Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen werden. Das sage ich nicht nur als Fußball-Liebhaber, sondern gerade auch als Spieler. Wenn du unten auf dem Rasen stehst und plötzlich die Tormeldungen auf der Anzeigetafel aufleuchten und ein Raunen durch die Menge geht, das ist doch eine geile Atmosphäre. Deshalb habe ich jede Empathie für die Fans, die es traurig oder sauer macht, wenn montags ein Spiel angepfiffen wird.

Letztlich verdienen daran aber auch die Fußballer selbst.

Klar, man muss wohl auch die andere Seite sehen. Irgendwo muss das Geld, das alle verdienen wollen, herkommen. Und in gewisser Weise profitiert sogar der Fan als Endverbraucher, weil er an jedem Wochentag Fußball im TV sehen kann. Trotzdem bleibe ich dabei, dass Fußball in erster Linie immer Begeisterung und Leidenschaft sein wird. Und wir alle müssen höllisch aufpassen, dass wir die, die den Fußball tragen – und das sind am langen Ende immer die Fans –, nicht verlieren.