19. Januar 2019 / 09:43 Uhr

Wolfsburgs Robin Knoche im XXL-Interview: "Wenn man aus dem eigenen Stall kommt..."

Wolfsburgs Robin Knoche im XXL-Interview: "Wenn man aus dem eigenen Stall kommt..."

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Robin Knoche: Der Innenverteidiger machte einen guten Job, entschärfte viele Bälle von außen, hatte Herthas Stürmer Selke und Ibisevic immer im Blick und unter Kontrolle – wenn von den Gastgebern mal was nach vorn kam. - Note: 3
Robin Knoche: Der Innenverteidiger machte einen guten Job, entschärfte viele Bälle von außen, hatte Herthas Stürmer Selke und Ibisevic immer im Blick und unter Kontrolle – wenn von den Gastgebern mal was nach vorn kam. - Note: 3 © imago/Zink
Anzeige

Für die Rückrunde gilt er als gesetzt: Robin Knoche hat sich beim VfL Wolfsburg vom Eigengewächs zur festen Größe entwickelt. Seit 2005 gehört der gebürtige Braunschweiger zum Verein, ist damit dienstältester VfLer. Der SPORTBUZZER hat mit ihm ausführlich über die "Wölfe" und die Bundesliga gesprochen.

Anzeige

Herr Knoche, Sie sind jetzt 26, gelten vor jeder Saison als Innenverteidiger Nummer 3 oder Nummer 4 im Kader und spielen dann doch regelmäßig – werden Sie chronisch unterschätzt?

Anzeige

Vielleicht. Ich hatte immer weniger Talent als andere, und das war mir auch immer bewusst. Ich mache das mit Einsatz und Bereitschaft wett, denke ich. Daraus entwickelt sich dann auch eine spezielle Einstellung. Ich gebe beim Aufwärmen vor den Trainingseinheiten genauso 100 Prozent wie bei den Übungen danach oder im Spiel.

Hat es Sie nie genervt, dass immer wieder neue Spieler für Ihre Position gekommen sind? Dante, Klose, Bruma...

Nein, das ist doch überall so. Wenn man aus dem eigenen Stall kommt, hat man es generell schwerer als Spieler, die vielleicht für viel Geld von außerhalb geholt werden. Deren Preis muss man ja rechtfertigen, das ist ganz normal. Ich konnte das immer verstehen, was aber nichts daran geändert hat, dass ich mich darüber auch geärgert habe. Im Endeffekt zählt die Leistung. Als Innenverteidiger kann man sich nicht mal eben mit drei Toren ins Rampenlicht schießen. Für unsere Position gilt: Wenn man unauffällig war, war es gut – aber eben auch unauffällig.


Robin Knoche (rechts) schildert SPORTBUZZER-Redakteur Andreas Pahlmann seine Sicht der Dinge ausführlich.
Robin Knoche (rechts) schildert SPORTBUZZER-Redakteur Andreas Pahlmann seine Sicht der Dinge ausführlich. © Roland Hermstein

Es gibt bei Ihnen immer wieder Skepsis, wenn es um Beweglichkeit oder Schnelligkeit geht. Fühlen Sie sich da immer gerecht beurteilt?

Jeder hat seine Schwächen und seine Stärken. Und jeder sollte am besten wissen, welche das jeweils sind. Geärgert habe ich mich, als unter Trainer Martin Schmidt meine Schnelligkeit plötzlich zum öffentlichen Thema wurde. Da hätte ich mir gewünscht, dass das eher intern besprochen wird.

Halten Sie selbst fehlende Schnelligkeit für eine Schwäche bei Ihnen?

Ja, aber das war schon in der Jugend so und ich bin es gewohnt, das kompensieren zu müssen. Ich war nie der Schnellste. Heute muss ein Innenverteidiger auch nicht unbedingt schnell sein, es kommt vielmehr darauf an, dass er gut steht und auch in der Lage ist, die Spieler vor sich gut zu stellen.

Es gab immer mal wieder Wechselgerüchte...

Als Dante und Timm Klose hier waren, einer von beiden neben Naldo spielte, ich dann wirklich nur noch Innenverteidiger Nummer 4 war und ich mich zudem zwischendurch noch verletzt hatte, war dann schon die Überlegung da: Vielleicht habe ich als Spieler aus dem eigenen Nachwuchs nicht so sehr das Standing, vielleicht wäre das bei einem anderem Verein besser. Aber ich habe mir dann stattdessen über Trainingsarbeit meine Einsätze hier wieder geholt.

VfL Wolfsburg: Die Spieler im Formcheck vor dem Rückrundenstart

Koen Casteels, Torhüter: Stach im Torwarttraining heraus, gerade bei der Strafraumbeherrschung – bereit für den Start. Zur Galerie
Koen Casteels, Torhüter: Stach im Torwarttraining heraus, gerade bei der Strafraumbeherrschung – bereit für den Start. ©

Aus dem aktuellen Kader hat nur Maximilian Arnold mehr Bundesliga-Spiele für den VfL gemacht als Sie – ist die Wandlung von „Der Junge aus dem eigenen Nachwuchs“ zu „Der alte Hase beim VfL“ schon abgeschlossen?

So würde ich das nicht ausdrücken, aber natürlich kenne ich hier jeden Grashalm und jeden Ablauf, kann den jungen Spielern helfen, nicht nur auf dem Platz. Ich sehe mich schon als einer derjenigen, die Verantwortung übernehmen. Davon haben wir in dieser Saison aber einige in der Mannschaft.

Ist das der große Unterschied zu den beiden Saisons zuvor?

Auch. Die neuen Spieler passen charakterlich, haben sich toll integriert, wir haben als Mannschaft sehr viel Spaß miteinander – und haben dabei hart gearbeitet, um auch die Ausdauer-Defizite wettzumachen, die wir in den beiden Jahren zuvor vielleicht hatten.

Heißt das, dass das Team in den letzten Jahren nicht optimal trainiert hat und auch deshalb unten drin hing?

Das hängt bestimmt auch damit zusammen, ja. Wir bringen jetzt eine andere Fitness und damit auch eine ganz andere Präsenz auf den Platz. Nicht nur gegen den Ball, auch mit dem Ball, da funktionieren die Automatismen jetzt viel besser. Jeder weiß, was zu tun ist. Und das wiederum hängt mit dem Selbstvertrauen zusammen. In den vergangenen Jahren war bei vielen der Gedanke im Kopf: Was passiert, wenn das jetzt schiefgeht? Das hemmt. Wenn du aber frei im Kopf bist, bekommst du eingeübte Abläufe viel besser hin.

Die schönsten Bilder aus dem VfL-Trainingslager 2019 in Portugal

Immer für einen Spaß zu haben: VfL-Kapitän Josuha Guilavogui. Zur Galerie
Immer für einen Spaß zu haben: VfL-Kapitän Josuha Guilavogui. ©

Der VfL hatte in der vergangenen Saison keine stabile Führung. Wie wichtig war das?

Der eine macht sich über so etwas mehr Gedanken, der andere weniger. Wenn es diese Wechselspiele in der Führung gibt, macht es das für die Spieler sicherlich nicht leichter – aber das darf nie eine Ausrede für schlechte Leistungen auf dem Platz sein. So wie es jetzt mit Jörg Schmadtke als Geschäftsführer und Marcel Schäfer als Sportdirektor ist, ist es auf jeden Fall sehr gut.

Was ist in dieser Saison drin? Manager und Trainer versuchen eher, die Erwartungen zu dämpfen – zumindest öffentlich –, während die Spieler immer häufiger sagen: So, jetzt sind wir Fünfter, jetzt wollen wir da auch bleiben.

Natürlich wissen wir, wie wir in den vergangenen Jahren waren. Da ist es normal und richtig, nach außen hin nicht zu hohe Erwartungen zu schüren, weil das auch zu großen Enttäuschungen führen kann. Aber wir Spieler wollen natürlich das Bestmögliche rausholen. Und das heißt: Wir wollen diesen fünften Platz mit allem, was wir haben, verteidigen. Denn natürlich wäre es schön, wieder ins internationale Geschäft zu kommen.

Wie schätzen Sie die Liga insgesamt in dieser Saison ein?

Die Mannschaften sind sehr ausgeglichen, mehr als in den Jahren davor. Es ist schwerer geworden, als Favorit seine Spiele zu gewinnen.

Woran liegt das?

Viele Mannschaften wissen einfach, was zu tun ist. Man hat bei der WM 2018 den Trend schon gesehen: Wer spielerisch nicht mithalten kann, verteidigt dafür eben sehr geordnet sein Tor – da ist es dann nicht einfach für die, die das Spiel machen.

Mehr über den VfL Wolfsburg

Joachim Löw hat gesagt, es war ein Fehler, bei der WM auf Ballbesitz-Fußball zu setzen, der VfL etablierte in dieser Saison eine Art Gegentrend, kam über Ballbesitz zum Erfolg...

Das macht ja auch mehr Spaß (lacht).

Aber wie funktioniert das?

Übers Läuferische. Die Freilaufbewegungen müssen immer wieder da sein, das flexible Wechselspiel auf den Positionen muss da sein. Dafür musst du viel laufen. Wenn du statisch spielst und immer nur den Ball von links nach rechts spielst, kann das jeder Gegner verteidigen – egal, wie gut deine eigenen Spieler sind.

Dieses Wechselspiel zwischen 4-3-3 und Raute ist schon eine Eigenart, eine spezielle VfL-Taktik. Zieht man als Spieler auch daraus Selbstbewusstsein, wenn man weiß: So wie wir spielt nicht jeder?

Ja, schon. Wir vertrauen dieser Taktik, darum baut sich mit jedem erfolgreichen Spiel das nötige Selbstbewusstsein auf. Das hat man vor allem in den letzten sechs Spielen vor der Winterpause gesehen. Wir haben unseren eigenen Stil und können mittlerweile sagen: Warum sollen wir uns nach dem Gegner richten? Soll der sich doch nach uns richten.

Als Fünfter hat man eine gewisse Fallhöhe – und auch Angst davor?

Überhaupt nicht. Würde man so denken, könnte man die optimale Leistung nicht mehr abrufen. Wir Spieler, die Trainer, der ganze Staff – alle gehen mit der Einstellung ran: Das nächste Spiel wollen wir gewinnen.

VfL Wolfsburg: Die Top-Ten-Momente 2018

VfL Wolfsburg: Die Top-Ten-Momente 2018 Zur Galerie
VfL Wolfsburg: Die Top-Ten-Momente 2018 ©

Man hat das Gefühl, dass es wieder einen anderen Zusammenhalt zwischen Team und Fans gibt, dass die Leute euch wieder als ihr Team akzeptieren.

Ich glaube, wir haben viele Leute schon im Sommer beim Testspiel gegen Neapel abgeholt, haben da schon einen Grundstein gelegt. Dann kam das Schalke-Spiel, nach dem wir uns intern einig waren: So ein Spiel hätten wir in den vergangenen Jahren noch verloren, diesmal haben wir es gewonnen, weil wir uns mit allem, was wir hatten, gewehrt haben. Mit Glück, aber unterm Strich verdient. Als dann noch der Sieg in Leverkusen dazu kam, hatten wir die Leute auf unserer Seite.

Der VfL gehört zu den Überraschungen der bisherigen Saison. Wer noch?

Eintracht Frankfurt. Supercup verloren, erste Pokalrunde raus – und dann haben sie sich als Mannschaft auf eine Art gefangen, die schon sehr beeindruckend war. Wie sie mit sechs Siegen durch die Europa League marschiert sind, war imponierend. Alle reden über die drei Spieler da vorn, die die Tore machen, aber der Rest der Mannschaft hält denen ganz stark den Rücken frei. Das ist eine enorm geschlossen agierende Mannschaft. Und Borussia Dortmund muss man natürlich auch nennen. Die haben sich in einen überragenden Lauf gespielt...

...und werden darum Meister?

Das wird noch einmal ganz, ganz eng. Bayern hat ja keine richtig schlechte Hinrunde gespielt, Mönchengladbach ist auch stark. Da können einzelne Spiele am Ende alles entscheiden.

Es gibt viel Fan-Unmut in der Liga.

Was da in einzelnen Vereinen los ist, ist nicht mein Thema. Was ich aber total verstehe, ist der Ärger über die Anstoßzeiten und dass viele Fans mit der Aufsplitterung der Spieltage nicht glücklich sind. Mir ist bewusst, dass das aufgrund der Fernsehverträge wohl kaum noch möglich ist, aber Sport lebt von seinen Zuschauern, da muss man bessere Lösungen finden. Samstag, 15.30 Uhr – das ist die Zeit, zu der Bundesliga gespielt wird.

Einfach, weil man das so kennt, weil man das als Kind und als Jugendlicher so erlebt hat, weil da Erinnerungen dranhängen. Mit dem Vater ins Stadion zu gehen, das waren Highlights – und man wusste, wann es Zeit dafür war. Das sollte man den Leuten nicht nehmen. Wir haben alle mehr davon, wenn die Stadien voll sind und uns unsere Fans auch auswärts unterstützen.

Die 13 Top-Fakten zur Hinrunde des VfL Wolfsburg

Die 13 Top-Fakten zur Hinrunde des VfL Wolfsburg Zur Galerie
Die 13 Top-Fakten zur Hinrunde des VfL Wolfsburg ©

Am Tag vor Heiligabend ein Sonntag-Spiel in Augsburg...

...ist vorsichtig gesagt eher unglücklich, ja. Obwohl dann doch mehr Fans von uns dabei waren, als man hätte annehmen dürfen. Aber ich bin generell dafür, lieber im Sommer eine englische Woche mehr zu spielen als bis unmittelbar vor Weihnachten.

Immerhin werden die Montag-Spiele 2020 abgeschafft.

Die sind ja auch ehrlich gesagt ziemlich bescheuert. Das ist kein Tag für ein Bundesliga-Spiel, wenn du als Fans am Dienstag vielleicht um 6 Uhr aufstehen musst. Man kann dann schnell das Gefühl kriegen, dass es echt nur ums Geld geht.

Hat die Liga generell so eine Art Image-Problem? Die Diskussion um Franck Ribery, sein goldenes Steak in Dubai und seine Kritiker-Beschimpfung danach wirkte sehr aufgeregt.

Ich war in dem Restaurant auch schon mal, das ist dort ja sehr bekannt. Vielleicht sind wir in Deutschland tatsächlich besonders kritisch und ärgern uns lieber über etwas, als dass wir etwas loben. Kritik ist ja immer auch einfacher. Wenn in den USA ein Top-Star seines Sports ein goldenes Steak isst, legt ihm wahrscheinlich irgendwer noch ein zweites dazu und alle sind begeistert.

Hier bekommen solche Themen zu schnell zu viel negative Aufmerksamkeit, statt zu sagen: Ist doch sein Ding, der kann doch machen, was er will. Riberys Wortwahl danach war dann sicherlich nicht richtig, das muss man auch klar sagen. Im Zeitalter der sozialen Medien sollte einem schon bewusst sein, was man wie und wo von sich gibt.