07. April 2021 / 19:08 Uhr

Bosse der IceFighters Leipzig und der Saale Bulls im Doppel-Interview: "Eishockey ist eine Lebenseinstellung"

Bosse der IceFighters Leipzig und der Saale Bulls im Doppel-Interview: "Eishockey ist eine Lebenseinstellung"

Uwe Köster
Leipziger Volkszeitung
IceFighters Geschäftsführer André Krüll (l.) und Saale Bulls Präsident Daniel Mischner.
IceFighters Geschäftsführer André Krüll (l.) und Saale Bulls Präsident Daniel Mischner. © Christian Modla
Anzeige

Unterschiedlicher kann eine Saison nicht laufen: Die IceFighters Leipzig ohne Aufstiegsambitionen in die DEL2, starten am Freitag gegen die Crocodiles Hamburg in die Playoffs. Die Saale Bulls Halle hingegen kassierten einen bitteren Dämpfer. Der Tabellendritte wurde durch Corona ausgebremst. Playoffs adé. Der SPORTBUZZER hat mit André Krüll und Daniel Mischer gesprochen.

Anzeige

Leipzig. Die Oberliga-Saison der IceFighters Leipzig und Saale Bulls Halle hat einen verrückten Lauf genommen. Während die Leipziger Ende 2020 sechs Wochen wegen Corona-Infektionen nicht auf dem Eis standen, spielten sich die Saalestädter durch die Pandemie. Nun wurde der Erzrivale als Tabellendritter nach der Hauptrunde vor den Playoffs in die Sommerpause geschickt: Zehn Corona-Fälle hebelten den Aufstiegsaspiranten aus. Die IceFighters starten am Freitag gegen die Crocodiles Hamburg in die Playoffs. Leipzigs Geschäftsführer André Krüll (41) und Halles Präsident Daniel Mischner (43) kamen zum SPORTBUZZER-Interview in die Redaktion. Ein Interview, das vor wenigen Jahren wegen der beiderseits gepflegten Abneigung beider Vereine so nicht möglich gewesen wäre.

Anzeige

SPORTBUZZER: Vor drei, vier Jahren hätten wir zum Interview sicher Boxhandschuhe mitbringen müssen…

André Krüll: Das vielleicht nicht, aber wir hätten viel weiter auseinander gesessen.



Daniel Mischner: Wir sind und werden keine Freunde, wir sind Konkurrenten. Aber die Wertschätzung ist gegenseitig da. Und jetzt haben wir eine Wellenlänge gefunden.

Liegt das an Corona?

AK: Corona hat ein gemeinsames Ziel in Mittelpunkt gerückt.

DM: Wir sind auf Arbeitsebene zusammengerutscht. Und wir sind in der Oberliga am längsten dabei.

War das Corona-Jahr ein verschenktes Jahr?

DM: Dass wir spielen, war und ist wichtig. Sonst bist du bei Fans und Sponsoren aus dem Kopf. Sven Gerike hat zum Saisonstart gesagt, er glaubt nicht, dass die Playoffs gespielt werden. Ich bin selbst erstaunt, dass es so lange funktioniert hat.

AK: Nicht nur wir haben uns gefunden, auch die anderen Clubs. Wir haben uns zusammengeschlossen. Die Spontanität hat gut geklappt. Das war intern fast optimal organisiert für die Probleme, die wir hatten. Mit der Playoff-Geschichte sind wir nicht zufrieden. Die ist nicht vertretbar.

Sehen Sie genau so, Herr Mischner, oder?

DM: Ich dachte, wir kriegen das alles hin und sind die einzige Mannschaft, die verschont bleibt. Die positiven Fälle eine Woche vor den Playoffs sind der Super-Gau. Wir können nicht sagen, wo es herkommt. Jetzt befinden wir uns im luftleeren Raum. Zeit zum Traurigsein und Runterkommen war nicht. Wir haben 40 Leute in Quarantäne. Es ist nicht zu fassen: Du bist sportlich gut unterwegs, schneidest mit Platz drei ab. Dann bist du raus, ohne ein Spiel verloren zu haben.

Sollen die Playoffs überhaupt gespielt werden?

DM: Wer spielen kann, soll es zu Ende spielen. Nur, welchen Wert hat das am Ende?

Anzeige

Es soll einen Aufsteiger geben.

AK: Es wird der aufsteigen, der kein Corona hat.

DM: Ich bin gespannt, wie viele Spieler in den nächsten Tagen nicht mitspielen. Ich kann mir vorstellen, dass getrickst wird.

Wird Corona auch in der kommenden Saison noch Thema sein?

DM: Ich gehe davon aus, dass wir unter Auflagen spielen werden.

AK: Ich sehe noch keine Zuschauer im September. Die Geschichte dauert bestimmt noch Minimum ein Jahr.

Mehr zu IceFighters Leipzig

Was bedeutet das wirtschaftlich?

DM: Das ist schwer einzuschätzen. Die Sponsoren geben dir nur einmal das Geld ohne Gegenleistung oder kaufen Karten für nichts. An Einnahmen haben wir die Gelder der Sponsoren, Finanzhilfen und Einnahmen von Sprade.tv. Der Gehaltsverzicht hat auch sehr geholfen. Die Spieler und alle Angestellten haben auf 20 Prozent verzichtet.

AK: Auch bei uns gab es Gehaltsverzicht. Und ja, bisher sind wir gut durchgekommen. Die meisten Sponsoren haben wir bei Stange gehalten. Manche fahren ihr Budget runter, logisch. Aber in der nächsten Saison wird es schwieriger. „Helfen und retten“ kannst du nicht ewig durchziehen.

Wie haben die Übertragungen via Sprade.tv geholfen?

DM: Sprade ist eine Marketinggeschichte. Wir nehmen pro Spiel netto 2000 bis 3000 Euro ein. Genau das kostet etwa ein Spieltag ohne Zuschauer. Du bist praktisch bei plus/minus Null.

AK: Es hilft, präsent zu bleiben. Aber auf Dauer ist das schwierig. Es kann dauern, alle wieder ins Stadion zurückzuholen. Es gibt auch eine Entwöhnung.

DM: Und Ängstlichkeit! Das wird ein Thema von vier fünf Jahren sein, bis wir wieder dort sind, wo wir mal waren.

Glauben Sie das wirklich, fünf Jahre?

AK: Es wird ein langer Weg zur Normalität. Da kommt noch viel auf uns zu. Auch personell kommen Probleme. Die Spieler wollen eventuell anderswo Geld verdienen, auf dem Bau zum Beispiel. 

DM: Wir haben in Halle so zwei Spieler verloren. Die bauen lieber auf einen sicheren Job, als auf Ungewissheit mit Lohnverzicht. Im Eishockey verdienen die Jungs nicht viel Geld. Eishockey ist eine Lebenseinstellung.

Geht es mit Sprade.tv weiter?

AK: Ich war ein Gegner von Sprade. Aber es ist wichtig, um präsent zu sein. Wirtschaftlich ist das nicht optimal. Alle Leute wurden durch Corona gelehrt, sich zu dritt vor den Bildschirm zu setzen. Damit bin ich nicht so glücklich. Wie soll ich die Leute wieder ins Stadion holen?

Wie sehr fehlen die Zuschauer?

AK: Ohne Fans ist es fast ein anderer Sport, denn Eishockey ist ein sehr emotionaler Sport. Das merkt man auch den Jungs an.  

DM: Die Emotionen fehlen. Das ist doch ein Totentanz, ein Trainingsspiel auf dem Eis. Schon allein deshalb müssen die Fans zurückkommen. Außerdem: Am Live-Stream generierst Du nichts, wenn Leute zu dritt vor dem Bildschirm sitzen. 

AK: Du hast kein Catering, kein Merchandising. Auch der Umsatz der Gästefans ist nicht ohne.

Was bedeuten fehlende Fans für die Mannschaft?

AK: Die Jungs trainieren und fahren nach Hause. Das ist ein großes Problem für den Mannschaftssport. Was haben wir früher nach einem Derby gefeiert? Jetzt gehen sie duschen mit fünf Meter Abstand zum nächsten. Vielleicht wird ein Bier getrunken. Da ist viel kaputt gegangen.

Wird es wieder eine gemeinsame Aktion der IceFighters mit den Saale Bulls geben?

AK: Wir wollen das Sommer-Game wiederholen. Aber da brauchen wir Planungssicherheit mit Zuschauern.

DM: Ein Winter-Game wollen auch nochmal zusammen auf die Beine stellen. Außerdem müssen wir noch unsere Wetten einlösen.

AK: Das macht aber nur Sinn, wenn wieder Fans im Stadion sind.

Beide Vereine haben die DEL2 als Ziel ausgerufen. Fehlt dann nicht was, wenn einer aufsteigt?

AK: Die Derbys sind extrem wichtig. Doch es wäre fatal, wenn die Saison nur von einem Derby abhängt – sportlich und wirtschaftlich. Der Standort Leipzig ist ein DEL2-Standort. Aber wer solche Bedingungen hat wie ihr in Halle, müsste eigentlich eher aufsteigen. Wollt ihr das wirklich? Oder ist das nur ein Poltern?

DM: Früher habe ich rumgeeiert. Aber in den letzten Jahren haben wir gesagt, wenn es passiert, machen wir es. Du kannst es nicht planen. Das Sportliche gibt den Takt vor. Aber Leipzig gehört auch in die zweite Liga.

Worauf sind Sie beim Gegner neidisch?

DM: Leipzig hat ein größeres Einzugsgebiet mit mehr Einwohnern. Aber es gibt auch den Wettbewerb mit RB und DHfK. Sonst ist alles gut so wie es ist.

AK: Die Vereine sind komplett unterschiedlich. Das ist gut so und muss auch so bleiben. Aber ich hätte gerne das Stadionthema gelöst – so, wie es in Halle ist. Das gibt Planungssicherheit.

Wie ist der aktuelle Stand beim Thema der Eishalle?

AK: Wir sind in Gesprächen mit der Stadt. Es wird in die richtige Richtung gehen. Jetzt kommt vielleicht für uns auch eine schönere Zeit. Das hätte ich gerne schon vier, fünf Jahre eher gehabt. Dann wären wir sportlich schon weiter.

Leipzig hat seine Spielstätten-Krise, welche Krisen musste Halle bewältigen?

DM: Wie hatten drei: Zwei Überschwemmungen der Eishalle, jetzt ist die Corona-Krise unsere größte Baustelle.

AK: Als ihr gegen uns verloren habt, das war auch eine Krise.

DM: Die hattet ihr ja auch gegen uns.

Mit Stephanie Riedel