19. Mai 2021 / 18:34 Uhr

Interview mit Giro-Fahrer Roger Kluge: "Schön war das nicht mehr, eher Leiden"

Interview mit Giro-Fahrer Roger Kluge: "Schön war das nicht mehr, eher Leiden"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
<b>Roger Kluge (Platz 150):</b> Der Profi des Teams Lotto Soudal bereitet die Sprints von Caleb Ewan vor. Vier Mal schlitterte der Australier knapp am Tagessieg vorbei, dann klappte es auf der elften Etappe in Toulouse endlich. Kluge hatte daran entscheidenden Anteil, genauso wie am zweiten Etappenerfolg nach Runde 16.
Mit Tempo: Für das belgische Team Lotto-Soudal tritt Roger Kluge vor allem auf Flachetappen kräftig in die Pedale. © imago images / Sirotti
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Der Eisenhüttenstädter Radprofi Roger Kluge spricht im SPORTBUZZER-Interview über den aktuellen Giro d’Italia, Stürze und harte Bergankünfte.

SPORTBUZZER: Herr Kluge, Halbzeit beim Giro d’Italia, wie ging es Ihnen bisher?

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Roger Kluge (35): Von sehr gut bis ganz schlecht war alles dabei.

Vielleicht erstmal die guten Dinge.

Bis wir richtig reingekommen sind, hat es leider ein paar Tage länger gedauert als gewünscht. Wir hätten gern schon am zweiten Tag den Etappensieg mit nach Hause genommen, hatten aber ein paar Abstimmungsschwierigkeiten. Das Minimalziel, mindestens eine Etappe zu gewinnen, haben wir mit zwei Siegen von Caleb Ewan übertroffen. Wir hätten gern nochmal eine Etappe geholt, aber leider musste Caleb wegen Knieproblemen aufgeben.

"Der beste Bergfahrer bin ich ja nicht"

Was ändert sich durch den Ausfall Ihres Kapitäns? Dürfen Sie nun selbst auf Etappensiege fahren?

Wenn ich in der Lage dazu wäre, ja. Aber am Montag zum Beispiel habe ich es nicht geschafft, noch ins Finale einzugreifen. Und ich bin seit Jahren in der Helferrolle, da ist es auch schwer, umzuschalten. Die eine oder andere flache Etappe kommt aber noch, vielleicht gibt es da noch ein paar Möglichkeiten, eventuell auch aus einer Ausreißergruppe heraus. Wenn im Finale Berge warten, wird es aber schwer für mich, der beste Bergfahrer bin ich ja nicht.


Auf der neunten Etappe nach Campo Felice, die Ineos’ Topfahrer Egan Bernal furios gewann, ging’s am Schluss ziemlich steil bergauf über eine Schotterpiste. War das noch Liebe zum Radsport oder nur noch Leiden?

Ich hatte da einen halbwegs guten Tag, kam gut über die ersten Berge und konnte mich lange am Feld festhalten; ich musste nicht so früh im Grupetto hinterherfahren. Aber am Schluss fragt man sich schon: Warum? Das Ziel hätten die Streckenplaner auch früher setzen können. Für die Zuschauer war’s sicher ein Spektakel, für uns extrem schwer. Die Piste war lehmig und in Verbindung mit dem Regen sehr, sehr klebrig. Diese zwei Kilometer hätte man sich sparen können, schön war das nicht mehr, eher Leiden.

Wie schmal ist der Grat geworden zwischen Spektakel und Sicherheit?

Sicherheit ist ein Riesenthema bei uns, gerade nach den schweren Stürzen im vergangenen Jahr. Da versuchen sich alle zu verbessern. Manchmal hätte man bei der Streckenführung aber den einen oder anderen Poller mehr aus dem Weg schaffen können, vor allem bei den Sprintetappen oder den Abfahrten. Man sieht auch, dass einige Beläge neu asphaltiert wurden für den Giro, bei manchen Straßen gibt es trotzdem Löcher und holprige Stellen.

Matej Mohoric legte bei einer Abfahrt einen Salto hin, als es ihn vom Rad katapultierte, das in zwei Teile brach. War das einem Fahrfehler geschuldet oder dem schlechten Untergrund?

Ich bin an ihm vorbeigefahren, da saß er schon auf dem Boden, die Radgabel war gebrochen. Wenn ich mir die TV-Bilder anschaue, tendiere ich eher zum Fahrfehler, auch wenn das nicht die schönste Abfahrt war. Für mich sah es so aus, als ob er hinten blockiert, sich kurz erschreckt, dann zu doll zieht, quer-steht und dann wieder löst. Aber man bräuchte eine Lupe, um zu erkennen, was am Rad dann zuerst bricht. Er macht ja so einen Satz vom Sattel, das kann keine Bremseinwirkung gewesen sein.

Inwiefern ist der Giro etwas stressiger für die Fahrer als die Tour de France, wo die großen Teams vielleicht eher das Tempo bestimmen und den Takt klarer vorgeben?

Ich würde sagen, die Tour ist nach wie vor die stressigste Rundfahrt. Aber es nimmt sich nicht viel. Bei der Tour sind die Sprintetappen schlimmer, weil es mehr Sprinter gibt. Da fahren dann sieben, acht Teams für ihre schnellen Leute, hier sind es vier, fünf Teams. Und es kommen mehr Teams bei der Tour dazu, die ihre Kapitäne fürs Gesamtklassement vorne halten wollen. Mag sein, dass beim Giro ein bisschen anders gefahren wird, aber im Finale will jeder vorne sein. Und grundsätzlich sind die Fahrer leistungstechnisch eher zusammengerückt. Wir wissen ja inzwischen, warum damals einige schneller gefahren sind. Da konnten nur wenige Tempo machen, entsprechend wurde das Feld länger gezogen. Jetzt fahren auch mal acht Teams vorne mit, weil viel mehr vorne fahren können, entsprechend wird es enger auf den Straßen.

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In Deutschland ist der Radsport kaum noch in den Schlagzeilen, außer es geht um Doping. Wie sehr nervt das Nischendasein?

Wir sind immer noch die Generation nach der, ich sag’ mal, schlimmen Generation. Insgesamt bessert es sich etwas, aber der Fokus ist noch deutlich kleiner als vor 20 Jahren. Trotz der Siege, die Sprinter wie Marcel Kittel oder André Greipel in den letzten Jahren herausgefahren haben, sind wir noch weit weg, wir hatten auch keinen Gesamtfahrer aus Deutschland, der – wie Jan Ullrich – die Tour gewinnen kann, auch wenn Emanuel Buchmann mal knapp am Podium dran war.

Sie kennen die Szene, die Spitzenleute. Ist dem Radsport der Kulturwandel gelungen, weg vom Doping, hin zu einem sauberen Sport?

Das ist schwer zu sagen. Leute, die betrügen, gibt es in allen Lebenslagen, nicht nur im Radsport. Aber sicherlich sind die Betrüger im Radsport weniger geworden.