14. März 2018 / 07:39 Uhr

Interview mit Sportpsychologen: "Ist Per Mertesacker ein Einzelfall, Herr Herzog?"

Interview mit Sportpsychologen: "Ist Per Mertesacker ein Einzelfall, Herr Herzog?"

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sportpsychologe Matthias Herzog spricht im Interview über den Fall Mertesacker.
Sportpsychologe Matthias Herzog spricht im Interview über den Fall Mertesacker. © dpa/privat
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Ex-96-Profi Per Mertesacker berichtete vor wenigen Tagen in einem Interview offen über die hohe Belastung und den Druck im Profifußball. Wir sprachen mit dem Sportpsychologen und Bestsellerautor Matthias Herzog aus Garbsen über die Sportler-Angst vorm Versagen.

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Druck und Stress sind im Profisport allgegenwärtig, doch kaum ein Athlet spricht darüber. Anders Ex-96-Profi Per Mertesacker (33), der vor wenigen Tagen offen wie nie berichtete, wie ihm die psychische Belastung jahrelang beinahe körperliche Schmerzen brachte. Sein Körper habe auf die hohe Erwartungshaltung vor jedem Spiel mit Brechreiz und Durchfall reagiert, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Druck, das kennen auch die aktuellen Spieler von 96 – und die Möglichkeit auf den großen Sprung, die Quali für Europa, scheint zu lähmen. Wir sprachen mit dem Sportpsychologen und Bestsellerautor Matthias Herzog aus Garbsen über die Sportler-Angst vorm Versagen.

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Wie groß ist der Druck auf Profisportler tatsächlich, und ist Per Mertesacker ein Einzelfall?

Es ist extrem verbreitet, aber es ist sehr abhängig von Persönlichkeitstypen. Per Mertesacker ist eher introvertiert, sehr hilfsbereit, engagiert sich für die Jugend. Einer, der viel Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen legt. Andererseits ist er Perfektionist. Diese Art von Typen braucht Sicherheit, verfällt relativ schnell in Selbstzweifel und tut sich in Drucksituationen eher schwer. Es fällt ihnen leichter, wenn sie nicht so im Mittelpunkt stehen.



Da resultieren aus psychischen Problemen oft die körperliche Beschwerden, die er beschrieben hat. Durchfall und Übergeben sind sogar noch die geringsten Probleme. Oft kommen Schlafstörungen dazu, erhöhte Herzfrequenz, auch Panikattacken, es geht bis hin zu Verfolgungswahn. Die Spieler nehmen Druck nicht mehr als Herausforderung war, sondern als Bedrohung. Die Angst vorm Versagen ist oft riesig.

"Die sind ein bisschen wie Teletubbys auf Extasy"

Welche Typen gehen wie mit Druck um?

Es gibt vier Typen. Wir unterscheiden erstmal introvertierte und extrovertierte Menschen, da gibt es wieder zwei Untertypen. Bei den Introvertierten gibt es die menschenorientierten, Beispiel Mutter Theresa oder im Fußball Philipp Lahm. Der Unterstützer, der gern hilft. Die zweite Sorte ist sachorientiert, perfektionistisch, der Schnürsenkel-Bügler wie Sherlock Holmes oder Manuel Neuer. Ein Stratege, meistens in der Abwehr oder im Tor. Auf der anderen Seite stehen extrovertierte Typen, die gerne im Mittelpunkt stehen und viel besser mit Druck umgehen können. Extrovertierte auf der Sachebene sind Tarzantypen – Spieler wie Oliver Kahn, Lothar Matthäus, Stefan Effenberg.

Die haben große Ziele, sind sehr dominant, wollen immer gewinnen, sind meist richtige Narzissten. Und es gibt die extrovertiert-menschenorientierten Typen. Die sind ein bisschen wie Teletubbys auf Extasy, absolute Entertainer, Typen wie Jürgen Klopp. Die sind immer für jeden Spaß zu haben. Grundsätzlich sind alle Menschen Mischtypen. Die Faustregel: Extrovertierte brauchen den Druck, um überhaupt erst Topleistungen zu bringen. Die beste Motivation für den ist, wenn du ihm sagst: „Ich wette, das kannst du nicht.“ Wenn du das aber einem introvertierten Typen sagst, dann glaubt er das leider und lässt sich davon runterziehen.

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Es heißt häufig, es gebe keine richtigen Anführer mehr im Fußball ...

Es gibt immer mehr introvertierte, zurückhaltende Spieler, auch in der Nationalmannschaft. Die haben von Natur aus mehr Probleme mit Druck, können aber mit den richtigen Methoden lernen, damit umzugehen. Aber das passiert noch viel zu selten. Stattdessen sprechen Profis nicht darüber, damit würden sie ja eine vermeintliche Schwäche eingestehen. Weil sie denken, dass Leute sie auslachen oder der Trainer sie vielleicht auf die Bank setzt, vielleicht ihre Karriere am Ende ist. Darum sprechen sie mit niemanden darüber, teilweise nicht mal mit dem Umfeld, weil sie immer Sorge haben, dass es rauskommt. Und das macht die Sache natürlich umso schlimmer, weil das Ventil fehlt.

Setzen denn Vereine vermehrt auf psychologische Unterstützung?

Viele nicht. Die Sorge der Spieler ist ja berechtigt, aussortiert zu werden. Als etablierter Profi, als junger Spieler sowieso. Stellen Sie sich vor, einem Club wird ein Spieler angeboten – riesiges junges Talent, aber der sagt, dass er mit Druck nur schwer umgehen kann. Da überlegt die Vereinsführung dann zweimal, ob sie den Spieler haben wollen. Und eigenes Denken ist oft nicht erwünscht. Die meisten Talente scheitern nicht am Profibereich, weil sie zu schlecht spielen, sondern weil sie es mental nicht überstehen. Da wird zu wenig gemacht, weil viele Vereine meinen, dass sie sich nur um das Spielerische kümmern sollten.

Dabei resultiert eine besonders hohe Verletzungsanfälligkeit oft aus Druck, Depression, Stress. Aber die Vereine suchen nur nach körperlichen Ursachen. Danach wird umso härter im Fitnessraum gearbeitet, aber die Frage ist doch: Arbeiten die auch an der Birne? Zu häufig leider nicht, da gibt es für die Zukunft noch extrem viel Potenzial. Die Spieler werden immer noch oft wie eine Ware angesehen. Das ist aber ein Problem, das es nicht nur um Fußball gibt. Ich arbeite mit Athleten aus anderen Sportarten zusammen, die mir sagen: Wenn mein Nationaltrainer wüsste, dass ich zu dir komme, würde ich aus dem Kader fliegen.

Per Mertesacker: Seine Karriere in Bildern:

Per Mertesacker spielte bis zu seinem elften Lebensjahr in seinem Heimatort für den TSV Pattensen. 1995 wechselte er in den Jugendbereich von Hannover 96. Unter Jugendtrainer Jürgen Stoffregen schaffte der 1,98-Meter-Hüne am Profitraining teilzunehmen.  Zur Galerie
Per Mertesacker spielte bis zu seinem elften Lebensjahr in seinem Heimatort für den TSV Pattensen. 1995 wechselte er in den Jugendbereich von Hannover 96. Unter Jugendtrainer Jürgen Stoffregen schaffte der 1,98-Meter-Hüne am Profitraining teilzunehmen.  © Hannoversche Allgemeine Zeitung

Nach dem Suizid von Robert Enke war Fußball-Deutschland geschockt, wollte mehr tun für die psychische Gesundheit von Spielern. Hat sich wirklich so wenig geändert?

Es sagen immer alle: Wir kümmern uns. Aber die wenigsten kümmern sich wirklich. Die meisten Trainer denken immer noch, dass sie alle Probleme allein lösen könnten. Auch, weil Trainer häufig die Sorge haben, dass es ein Machtverlust ist. Denn als Mentaltrainer bist du natürlich sehr nah dran an den Spielern, hast großen Einfluss. Es ist weiterhin nicht wirklich akzeptiert.

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Aber wenn’s schlecht läuft, setzen die Clubs plötzlich doch auf Mentaltrainer.

Genau! Das ist aber totaler Blödsinn. Denn wenn es nicht läuft, ist es meistens schon viel zu spät. Jeder Sportler kann davon profitieren, egal wie weit er oben ist. Erfolg ist zu 80 Prozent Kopfsache. Und der Druck als Profi heutzutage ist unmenschlich.

... dann gibt’s das Argument: Fußballer seien gut bezahlte Millionäre, die dürften sich nicht so anstellen.

Die Situation für die Spieler ist Fluch und Segen. Sie können ein Schweinegeld verdienen, gleichzeitig müssen sie lernen mit diesem Druck umzugehen. Das ist ein schlagkräftiges Argument zu sagen: „Du verdienst drei bis fünf Millionen Euro, hast fünf Autos in der Garage stehen, was willst du eigentlich von mir? Du musst mit dem Druck umgehen.“ Aber es ist eben wichtig, dass die Spieler offen darüber sprechen können, dass es diesen Druck gibt, dass das akzeptiert wird und auch eine Unterstützung stattfindet.

Die Profi-Handballer der TSV Hannover-Burgdorf gehen bestens mit dem neuen Druck um, sind auf dem besten Weg in Richtung Europa. Die Fußballer von 96 wirken ein wenig gelähmt vom zwischenzeitlichen Lauf. Warum ist das so unterschiedlich?

Das sind beides Profiteams, aber man muss schon deutlich unterscheiden zwischen den Sportarten. Die Erwartungshaltung ist bei den Handballern viel geringer. Von der Vereinsführung, auch von den Fans. Das macht es leichter, mit der Herausforderung umzugehen. Da wandeln sie den Druck in positive Energie, in Euphorie. Sie gehen über ihre Grenzen hinaus. Beim Fußball und bei 96 ist der Druck viel, viel größer, da stehen die Spieler viel mehr noch im Blickpunkt von allen Seiten, die Fans sind extremer. In Sachen Fans hat 96 in dieser Saison ohnehin eine Ausnahmesituation.

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Was macht der Stimmungsboykott denn mit den 96-Profis?

Wenn du machen kannst, was du willst, und bekommst keine Anerkennung dafür – irgendwann kann die Mannschaft das nicht mehr kompensieren. Jedes Heimspiel hat sich angefühlt wie ein Auswärtsspiel. Anerkennung ist ein Lebensmotiv. Die haben sie „nur“ von den Trainern bekommen, und in Form von Geld, aber das reicht Profis nicht. Sie spielen auch für die Fans, die Fans sind das wichtigste. Wenn du von denen keine Anerkennung bekommst, geht das eine Zeit gut, dann kippt die Stimmung. Auf der einen Seite steht die Möglichkeit mit Europa, auf der anderen Seite bekommen sie keine Anerkennung. Das ist für Spieler eine komische Situation.

50 Legenden von Hannover 96 - und was aus ihnen wurde

Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der <b>SPORT</b>BUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  Zur Galerie
Jiri Stajner, Szabolcs Huszti und Vinicius - nur drei bekannte Ex-Spieler von Hannover 96. Der SPORTBUZZER blickt auf weitere frühere 96-Legenden und zeigt, was sie heute machen.  ©

Und welche Rolle spielen die Sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Co. in der Frage nach dem Druck?

Eine extrem große. Das ist auch etwas, das Kritiker wie Lothar Matthäus nicht auf dem Schirm haben. Fußballer stehen ganz anders im Fokus, als noch vor ein paar Jahren. Die Spieler sind unter Dauerbeschallung, bekommen dauerhaft Input von allen Seiten, sind immer unter Beobachtung. Wie schnell ist heute eine Nachricht raus. Jeder hat eine Kamera am Handy und kann Bilder machen. Da reicht manchmal ein Kommentar, um dich schlecht dastehen zu lassen. Das ist irre, was möglich ist. Damit musst du erst einmal lernen, umzugehen ...

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