21. März 2019 / 07:58 Uhr

Duell um den Vorstand des Hannover 96 e.V.: Sebastian Kramer im XXL-Interview

Duell um den Vorstand des Hannover 96 e.V.: Sebastian Kramer im XXL-Interview

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sebastian Kramer ist der Kandidat der Opposition für den Vorstandsposten.
Sebastian Kramer ist der Kandidat der Opposition für den Vorstandsposten. © Florian Petrow
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Am Sonnabend wird auf der Mitgliederversammlung des Hannover 96 e.V. der neue fünfköpfige Aufsichtsrat gewählt, dieser bestimmt im Anschluss den Vorstandsvorsitzenden und Nachfolger von Martin Kind. Sebastian Kramer, Vorstandskandidat der Opposition, bezieht im XXL-Interview mit dem SPORTBUZZER Stellung.

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Der 42-Jährige arbeitet in der Personalabteilung der Continental AG und lebt in der Wedemark, wo er sich unter anderem als Jugendtrainer und Jugendleiter engagierte. Kramer war zehn Jahre als Fanbeauftragter bei Hannover 96 tätig und war Mitbegründer sowie Vorstandsvorsitzender des ehemaligen Fan-Dachverbandes Rote Kurve e. V. Seit 2016 ist er amtierendes Mitglied des Aufsichtsrats des Vereins. Kramers sportliche Leidenschaft gilt der Leichtathletik, dem Radsport – und natürlich dem Fußball: Seit über ­30 Jahren hat er kaum ein ­96-Heimspiel im Stadion verpasst. Vor zehn Jahren wurde ihm vom Vorstand ehrenhalber die Vereinsmitgliedschaft auf Lebenszeit verliehen.

Rio Reiser hat gesungen: „Wenn ich König von Deutschland wär.“ Wenn Sie Präsident von Hannover 96 wären, was würden Sie machen?

Dann wäre ich glücklich und würden unser Konzept umsetzen. Seit mindestens 35 Jahren gehe ich ins Stadion. Das wäre für mich einfach eine Ehre, von den Mitgliedern und Fans gewählt zu werden. Wenn ich König von Deutschland wär? Oder König von 96? (denkt nach) Das Wort König würde ich gar nicht verwenden. Ich bin Mitglied und Fan.

Ausgleichender Charakter, Brückenbauer, das sind die Wörter, mit denen Sie sich als Kandidat vorgestellt haben. Welche Brücken möchten Sie bauen über die großen Gräben?

Ich bin überzeugt, dass Versöhnung mit Brücken noch möglich ist. Die Hoffnung ziehe ich aus den Gesprächen mit aktiven Sportlern und Mitgliedern. Dort hieß es: Versuch es doch mal! Wenn es jemanden gibt, der mit einem anderen Charakter an die Sache herangeht, bist du derjenige, der auf alle zugeht, sich auf Augenhöhe mit allen unterhält und nicht von oben herab. Damit alle das Gefühl haben, sie sind ein Teil des Ganzen.

Ich würde sagen, statt einer von 23 000 zu sein sollte ein Vorsitzender an der Spitze der 23 000 stehen?

Ich sehe mich als Sprachrohr. Als derjenige, der den Verein verkörpert. Ich werde mich nicht hinstellen und sagen: Ich entscheide jetzt hier dies oder jenes. Da kann ich direkt den Schlenker zu 50+1 machen. Es wird wichtig sein, alle Mitglieder zu fragen, bevor die Anteile des Vereins an die Gesellschafter durchgewunken werden. Wenn die Mitglieder dafür sind, ist es okay, sind sie dagegen, ist es auch okay.

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Und wenn das Schiedsgericht der DFL sagt: Es ist okay?

Dann sollten wir als Verein erst mal den Kontakt zur Liga suchen und sagen: Wir möchten, dass die Mitglieder das entscheiden, und nicht Einzelpersonen.

Carsten Linke hat gesagt, wenn die sogenannte Kind-Opposition gewählt wird, soll trotz der 50+1-Regel nicht bei den Kapitalgebern reinregiert werden. Sehen Sie das auch so?

Ich bin da bei ihm. Wir wollen, dass 50+1 bestehen bleibt, damit alle was davon haben. Nicht nur die Investoren, sondern auch der Verein. Das Vereinsheim ist jetzt zum Beispiel neu. Aber was ist in fünf Jahren? Da muss man vielleicht mal wieder etwas investieren. Und da genügen 70 000 Euro pro Jahr bei weitem nicht, die per Grundlagenvertrag jährlich an den Verein gezahlt werden sollen.

Aber für ein neues Dach würde es reichen?

Ein anderes Beispiel: Wenn 50+1 fallen sollte, gehe ich davon aus, dass viele Mitglieder bei 96 aus dem Verein austreten, weil sie sich nicht mehr mit dem Verein identifizieren können. Dann bricht dem Verein eine große finanzielle Grundlage weg.

50+1 und die Markenrechte machen den Unterschied aus. Im Prinzip unterscheidet sich Ihr Konzept für den Verein sonst nicht von dem des Teams um Matthias Herter …

Stimmt. Bei den anderen steht auch das Thema Fanabteilung drin. Das hatten wir schon im Oktober im Konzept, im Aufsichtsrat hatten wir das Thema schon 2016 angesprochen, weil es dazu beitragen kann, bei dem Thema zu befrieden. Da hätte ich mir gewünscht, dass das Team Herter auf uns zukommt und sagt: Hey, wir finden eure Idee gut, das wollen wir auch machen. Jetzt haben sie es so übernommen, und das finde ich schade.

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Das 96-Stadion am Maschsee wurde 1954 eröffnet – und seither mehrfach umgebaut. ©

Martin Kind tritt nicht an. Kind ist also weg, eine Forderung aus der Kurve ist erfüllt. Werden Sie versuchen, Kind nach Auflösung des Aufsichtsrats in der Management GmbH auch als Geschäftsführer und Chef der Profiabteilung loszuwerden?

Ganz ehrlich. Das wurde konkret noch nie in unserem Kreis diskutiert. Wir könnten das tun, solange es 50+1 gibt. Aber das ist auf gar keinen Fall das Ziel und war nie das Ziel. Wir reden über das Ganze. Und Martin Kind ist ein Teil des Ganzen. Wir suchen nach Lösungen, in die wir Martin Kind einbetten können. Auch die Investoren sollen nicht denken, dass sie in eine Trümmertruppe investieren, sondern in einen Verein und Klub, der Strahlkraft hat.

Bringen Sie Investoren oder Sponsoren mit?

Ja. Wir haben Gespräche mit Geldgebern geführt, und die stehen definitiv zur Verfügung. Das sind lokale Investoren. In den Gesprächen wurde uns gesagt, dass großes Interesse daran besteht, zu investieren. Wobei ich noch mal sagen muss: Wir machen e. V., was Sie jetzt wissen möchten, betrifft den Profibereich.

Von welchen Geldgebern sprechen Sie? Über welche Beträge reden wir?

Das kann ich nicht sagen, da bitte ich um Verständnis.

Zum Streit gehören zwei Seiten. Hat Ihre Seite Fehler gemacht?

Wir haben auch Fehler gemacht. Wir sind ja keine Maschinen, die keine Fehler machen. Die Ursache liegt darin, dass der Vorstand nicht nach der Satzung handelt. Der Fehler war, sich nicht mit allen an einen Tisch zu setzen. Damit meine ich nicht nur Martin Kind, sondern auch andere, die im Hintergrund Einfluss nehmen. Wir machen diese Fehler in Zukunft nicht. Ich habe schon eine riesige Liste von Verbesserungsvorschlägen, zum Beispiel für die Abteilungen im Verein.

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Irgendwie geht es doch immer nur um Martin Kind, oder?

Es sollte um den Verein gehen, nicht um Martin Kind. Er mag ein netter Mensch sein, ich kenne ihn ja auch seit 20 Jahren.

Dafür hat die Fankurve ihn aber schon oft beleidigt. Bedauern Sie die Beleidigungen?

Ja, die gehen zu weit. Lieber Martin Kind, Beleidigungen sind etwas, was überhaupt nicht geht. Es gibt immer Leute, die über das Ziel hinausschießen. „Kind muss weg“ steht dafür, dass wir Dinge verändern wollen. Wer weiß, vielleicht steht da ja irgendwann „Kramer muss weg“.

Alle 96-Gesellschafter, nicht nur Kind, wollen, dass 50+1 fällt. Was sagen Sie den anderen?

Wir haben bei Gesellschaftern un­ser Konzept vorgestellt.

Bei wem?

Bedauere, das kann ich nicht sagen. Nach dem Gespräch war eine Beruhigung erkennbar. Dass hier Leute sind, die auch was auf dem Kasten haben. Ich arbeite bei der Conti, bewege in meiner Abteilung im Monat fast 400 Millionen Euro. Ich kann schon mit Geld umgehen.