19. November 2020 / 07:36 Uhr

"Nicht sinnvoll": Ex-Recke Timo Kastening sieht Europacup- und Länderspiele kritisch

"Nicht sinnvoll": Ex-Recke Timo Kastening sieht Europacup- und Länderspiele kritisch

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Ex-Recke Timo Kastening sieht Europacup- und Länderspiele kritisch, versetzt sich aber auch in die Lage der Verbände.
Ex-Recke Timo Kastening sieht Europacup- und Länderspiele kritisch, versetzt sich aber auch in die Lage der Verbände. © imago images/Lacy Perenyi
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Am Donnerstag wäre Timo Kastening mit Melsungen heimgekehrt. Weil sich die Gäste jedoch in Quarantäne befinden, fällt das Spiel bei den Recken aus. Guter Zeitpunkt für ein ausführliches Interview. In Teil eins spricht der Ex-Recke unter anderem über den Sinn von Länderspielen in der Pandemie.

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Hallo Herr Kastening, wie geht es Ihnen in Quarantäne?

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Mir geht es gut. Zwei Wochen in der eigenen Wohnung, da soll man nicht meckern. Alles entspannt. Vor der Quarantäne habe ich auch nicht viel anderes gemacht. Ich habe rund 70 Quadratmeter und einen kleinen Balkon. Vom Verein habe ich ein Indoor-Fahrrad geliefert bekommen und Hantelscheiben, damit ich mit fit halten kann. Ich gucke Serien, lerne wieder spanisch. Torge Johannsen hat mich neulich besucht und mir eine Gitarre mitgebracht, die wollte ich jetzt mal spielen lernen. Alles in allem: Es gibt sicher Menschen, denen geht es schlechter.

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Aber Vorsicht mit den Hantelscheiben! Ihre Ex-Kollegen Nejc Cehte und Morten Olsen haben sich böse Verletzungen zugezogen beim Krafttraining.

Ja, ich weiß. Deswegen nehme ich nicht so viel Gewicht. Da passe ich schon auf.

Sie selber wurden immer negativ getestet?

Bis jetzt ja. Am Montag wurden wir wieder getestet – negativ. Am Donnerstag bekommen wir die Ergebnisse vom Test am Mittwoch.

Die Laufbahn von Timo Kastening in Bildern

Timo Kastening wechselt als Jugendspieler 2008 vom TSV Barsinghausen in den Recken-Nachwuchs. Dieses Bild zeigt ihn 2011. Zur Galerie
Timo Kastening wechselt als Jugendspieler 2008 vom TSV Barsinghausen in den Recken-Nachwuchs. Dieses Bild zeigt ihn 2011. ©

Haben Sie keine Angst? Man zittert doch jetzt sicher viel mehr als bei den turnusmäßigen Test?

In der Tat hatte man sich als Sportler schon ein bisschen gewöhnt an die vielen Tests. Weil man sie einfach machen musste. Man hat die Konsequenzen kaum mehr im Kopf gehabt. Jetzt, wo es Fälle in der Nationalmannschaft und bei uns gibt, guckt und wartet man ganz anders auf die Ergebnisse. Und hofft, dass sie negativ bleiben.

Haben Sie sich wirklich sicher gefühlt während der EM-Qualifikationsreise?

Ja. Ich muss noch einmal betonen: Der DHB hat wirklich alles für uns und unsere Sicherheit getan. Es wurde auf alles geachtet. Wir wurden super behandelt. Umso überraschender, dass sich Spieler infiziert haben.

Hand aufs Herz – hätte die Länderspielreise wirklich sein müssen mit Blick auf die vielen Coronafälle?

Ich bin kein Fan davon, Sportarten zu vergleichen. Aber ich sage immer: Das Gute vom Fußball kann man sich zum Handball ziehen. Wenn der große Bruder es aber schon nicht schafft, die Nationalmannschaftsreisen aufrecht zu erhalten – man sieht ja, was da für ein Chaos herrscht, und es ist ein Freiluftsport – dann halte ich es auch für sehr schwer, solche Spiele im Handball aufrecht zu erhalten. Ich habe das schon vor der Reise kritisch beäugt und tue das auch jetzt. Es ist nicht sinnvoll, Europacup- und Länderspiele aufrechtzuerhalten.

Auf der andern Seite versuche ich, mich auch in den DHB und den europäischen Verband EHF hineinzuversetzen. Die Nationalmannschaft ist das größte Zugpferd, was wir haben. Und wenn wir das wegwerfen, besteht die große Gefahr, dass wir komplett von der Bildfläche verschwinden. TV-Rechte, Gelder, Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – das wäre alles weg.

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<b>10. Spieltag:</b> TuSEM Essen (A), Sonntag, 29. November, 16 Uhr Zur Galerie
10. Spieltag: TuSEM Essen (A), Sonntag, 29. November, 16 Uhr ©

Was heißt das für die anstehende WM im Januar in Ägypten? Absagen oder teilnehmen?

Wenn die WM stattfindet, sollte jeder Sportler sich frei entscheiden dürfen, ob er teilnehmen möchte oder nicht. Klar: Wir Spieler haben eine Vorbildfunktion, auch unter gesundheitlichen Aspekten. Aber ich möchte unsere Sportart repräsentieren. Und solange wir das können und die WM stattfindet, bin ich der Erste, der spielen will und wird.

Sie sind noch jung und voller Kräfte. Andere, ältere Kollegen wie Domagoj Duvnjak oder Steffen Weinhold, klagen, dass die Belastung ohnehin schon viel zu groß ist in dieser Saison. Sie plädieren mehr oder weniger, auch wegen Corona, direkt für eine WM-Absage.

Ich bin kein Hendrik Pekeler, der gefühlt seit acht, neun Jahren alle drei Tage ein Spiel hat und dessen Körper geschunden ist. Ich kann die Sichtweise aber absolut nachvollziehen. Ich weiß auch, dass sich aus Sicht dieser Spieler was ändern muss. Die breite Masse oder eine starke Spielergewerkschaft sehe ich aber nicht. Also muss jeder für sich gucken, was er vertreten und seinem Körper antun kann.