25. November 2021 / 11:35 Uhr

Israels Nationalcoach Willi Ruttensteiner im Interview: "Das wird schwer für Union Berlin"

Israels Nationalcoach Willi Ruttensteiner im Interview: "Das wird schwer für Union Berlin"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Israels Nationalcoach Willi Ruttensteiner erwartet ein enges Duell zwischen Haifa und Union. Im Hinspiel siegten die Berliner mit 3:0.
Israels Nationalcoach Willi Ruttensteiner erwartet ein enges Duell zwischen Haifa und Union. Im Hinspiel siegten die Berliner mit 3:0. © IMAGO/Colorsport (Montage)
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Seit Sommer 2020 trainiert der Österreicher Willi Ruttensteiner die Nationalmannschaft Israels. In der jüngst beendeten WM-Qualifikation machte das Team unter anderem mit einem 5:2-Sieg gegen Österreich auf sich aufmerksam. Vor dem Conference-League-Spiel des 1. FC Union Berlin bei Maccabi Haifa erklärt der 59-Jährige im SPORTBUZZER-Interview Maccabis Stärken, den israelischen Weg und was ihn mit Matthias Sammer verbindet.

SPORTBUZZER: Herr Ruttensteiner, auf was muss sich der 1. FC Union im Sammy-Ofer-Stadion von Haifa einstellen?

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Willi Ruttensteiner (59): Dort herrscht eine wunderschöne Atmosphäre, das Stadion wird vermutlich ziemlich voll sein. Maccabi Haifa hat tolle, faire Fans, die ihre Mannschaft immer kräftig anfeuern. Sie sind ein richtiger Rückhalt.

Maccabi ist amtierender israelischer Meister. Welchen Stellenwert genießt der Verein im Land?

Maccabi ist ein absoluter Spitzenklub, der auf einer Höhe mit Maccabi Tel Aviv agiert. Die beiden Mannschaften liefern sich oft enge Duelle. Aus sportlicher Sicht kann man sagen, dass Maccabi einen technisch ansehnlichen Fußball spielt. Der Klub schafft es immer wieder, Legionäre, die Klasse haben, einzubinden und selbst junge, technisch sehr starke Spieler auszubilden. Ein gutes Beispiel ist der 19-jährige Suf Podgoreanu, der von Maccabis U 19 in die U 19 von AS Rom wechselte und jetzt bei Spezia Calcio in der italienischen Serie A spielt. Das spricht für Maccabis Nachwuchsarbeit. Eine herausragende Persönlichkeit ist in diesem Zusammenhang Klub-Präsident Ya’akov Shachar. Er leistet tolle Arbeit in der Jugend und hat schon viel in den Klub investiert.

Willi Ruttensteiner war lange Jahre Sportdirektor des Österreichischen Fußballverbandes. Jetzt coacht er die israelische Nationalmannschaft und lebt in Herzlia, einem Vorort Tel-Avivs.
Willi Ruttensteiner war lange Jahre Sportdirektor des Österreichischen Fußballverbandes. Jetzt coacht er die israelische Nationalmannschaft und lebt in Herzlia, einem Vorort Tel-Avivs. © imago images/GEPA pictures

In der Gruppe E der Conference League liegt Maccabi vor dem fünften Spieltag einen Punkt vor Union. Überrascht Sie das?

Die deutsche Bundesliga hat natürlich ein höheres Niveau als die israelische erste Liga, insofern schon. Normalerweise wird am Donnerstag auch Union gewinnen, sie haben mehr Qualität und eben die individuelle Klasse eines Bundesligisten. Aber Maccabi hat Topspieler in der Offensive wie Omer Atzili oder Dolev Haziza, die hervorragend dribbeln und Spiele allein entscheiden können. Das wird schwer für Union Berlin.


Unions 3:0-Sieg im Hinspiel in Berlin war aber eine klare Angelegenheit.

Das Spiel habe ich mir im Fernsehen angeschaut, Maccabi war damals etwas ersatzgeschwächt. Und es macht einen großen Unterschied, ob die Mannschaft zu Hause oder auswärts spielt. Bei der Nationalmannschaft ist das übrigens genauso.

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Die Spieler von Union Berlin in der Einzelkritik. ©

Zwischen Berlin und Haifa liegen rund 3500 Kilometer. Sind also vor allem die Reisestrapazen schuld?

Nicht nur, auch das Wetter spielt eine Rolle. Wobei Union nun Glück hat, die Temperaturen in Israel sind etwas milder. Zwischen Juli und September ist die Hitze hier enorm, die Luftfeuchtigkeit hoch, damit tun sich auswärtige Teams oft schwer.

Das Spiel am Donnerstag wird Ihr österreichischer Landsmann Christopher Trimmel aufgrund einer Sperre verpassen. Hätten Sie ihm gern persönlich zum Derbytor gratuliert?

Wahrscheinlich hat er sich die Sperre absichtlich eingehandelt, damit er kein zweites Mal 2:5 gegen ein israelisches Team verlieren muss, wie in der WM-Qualifikation im September! (lacht) Dass er nun bei Union Kapitän ist und auch in der österreichischen Nationalmannschaft eine gute Rolle spielt, hat er sich absolut verdient. Und persönlich hätte ich ihn sowieso nicht treffen können, da am Donnerstagabend Maccabi Tel Aviv gegen den Linzer ASK spielt. Ich werde mir dieses Spiel im Stadion anschauen, mein Assistent das von Haifa gegen Union.

Sie wurden 2018 als Sportdirektor verpflichtet, wie kam der Kontakt nach Israel zustande?

Die israelischen Verantwortlichen suchten jemanden, der bei einem kleineren Verband ordentliche Arbeit vorweisen konnte. Und ich war zufällig zu haben nach 18 Jahren beim ÖFB. Die Gespräche liefen gut, der Verband war begeistert – also unterschrieb ich einen Vier-Jahres-Vertrag.

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Als Nationaltrainer installierten Sie Andreas Herzog, den früheren Spieler von Werder Bremen. Dann kam Corona – und plötzlich mussten Sie ran.

Genau, der Vertrag mit Andi konnte im Sommer 2020 nicht verlängert werden. Der Verband fragte, ob ich Sportdirektor und Trainer machen könne. Nach dem Erfolg in der Nations League wollten Spieler und Verband, dass ich bleibe. Aber beide Rollen wären nicht auszufüllen gewesen. Jetzt ist meine Motivation, als Trainer weiterzuarbeiten, groß.

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Wie würden Sie die israelische Fußballschule beschreiben?

Die Israelis lieben das Spiel mit dem Ball, sie wollen gestalten, sauber aufbauen. Defensive ist nicht unbedingt die erste Intention. Und was die Strukturen betrifft, ist in den vergangenen Jahren viel bewegt worden; es gibt einen israelischen Weg, gerade im Kinderfußball geht viel voran. Der Verband hat eine Akademie gegründet, die Inhalte werden im Wechselspiel mit den Klubs umgesetzt. Jetzt wird man sehen, ob das Land auch die Geduld hat, diesen Weg fortzuführen.

Hinter diesen Strukturen steckt Ihre Philosophie. Was ist Ihnen wichtig?

Das Thema Talentförderung ist und war mir wichtig, als ich hier angefangen habe. Da stand ich in meiner Zeit beim ÖFB zum Beispiel auch mit Matthias Sammer in Kontakt. Letztlich geht es immer um dasselbe: nämlich die Standards in allen Bereichen zu erhöhen. Trainerausbildung ist ein wichtiger Baustein; Kooperationsmannschaften, in denen sich junge Spieler entwickeln können, sind wichtig, auch der Breitenfußball. In Israel fehlen beispielsweise Spielfelder. Es ist unglaublich, wie wenig Felder es hier gibt. Aber die kleinen Vereine sind die Basis für den Kinderfußball. Die ersten Früchte dieser Arbeit zeigen sich bei der U 19 oder der U 21, die teils tolle Ergebnisse erzielen.

Die A-Nationalmannschaft wartet seit der WM 1970 auf die Teilnahme an einem großen Turnier. Auch in dieser WM-Qualifikation sind Sie gescheitert. Was fehlt noch?

Wir waren als Gruppendritter dicht dran, vor allem an Schottland. Und am Ende vor Österreich zu liegen, ist ein großer Erfolg. In der Nations League sind wir von der C-Liga in die B-Liga aufgestiegen und haben uns dort gehalten. Zudem haben wir in der Weltrangliste 20 Positionen gutgemacht und liegen nun auf Rang 79. Das sind kleine Schritte, aber gute Schritte.

Mit Ihrer Arbeit ist das Land also rundum zufrieden?

Das müssen Sie andere fragen. Aber natürlich ist die Erwartungshaltung immer, dass man mal eine Qualifikation für ein großes Turnier meistert, deshalb werden wohl nicht alle zufrieden sein.

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Sie wohnen in Herzlin, einem Vorort Tel-Avivs, 80 Kilometer südlich von Haifa. Wie haben Sie sich eingelebt?

Als Nationaltrainer muss ich in dem Land wohnen, das ich trainiere, ganz klar. Und ich bereue keinen einzigen Tag, ich habe eine wunderschöne Zeit, auch wenn die Unruhen durch die Kriegssituation natürlich gewöhnungsbedürftig sind.

Wie kommen Sie sprachlich zurecht?

"Wie geht’s dir?" und ähnliche Sätze kann ich auf Hebräisch, ansonsten ist die Businesssprache in Israel Englisch, die Sprache ist im Alltag also kein Problem, auch bei der Nationalmannschaft nicht.

Ihr Vertrag als Nationaltrainer läuft im Mai 2022 aus – wie geht’s weiter?

Das müssen wir bald entscheiden und eine Lösung finden.

Würden Sie gerne verlängern?

Ich will der Entscheidung nicht vorgreifen, am Ende muss das Gesamtpaket stimmen. Ich bin sonst auch offen für neue Aufgaben.