09. Juli 2021 / 09:28 Uhr

„Verletzt und vorgeführt“: Fünfkämpferin Janine Kohlmann spricht über Nichtnominierung

„Verletzt und vorgeführt“: Fünfkämpferin Janine Kohlmann spricht über Nichtnominierung

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
German athlete Janine Kohlmann competes in the women s pistol shooting and cross country event during the Modern pentathlon moderner Fünfkampf World Championships, in Mexico City, Mexico, 10 September 2018. Modern Pentathlon World Championships in Mexico !ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG! PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xJosexMendezx MEX24 20180910-636722152339488912
Janine Kohlmann verpasste zum zweiten Mal denkbar knapp ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen. © Jose Mendez/imago/Agencia EFE
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Die Potsdamerin hatte fest mit der Nominierung für die Olympischen Spiele gerechnet, doch der Verband zog ihr eine andere Athletin vor. Um solche Fälle künftig zu vermeiden, will der Verband nun den Nominierungsvorgang ändern.

Die Enttäuschung ist Janine Kohlmann auch rund zwei Wochen nach ihrer Nichtnominierung für die Olympischen Spiele in Tokio deutlich anzumerken. „Für mich ist das alles so ungerecht, ich fühle mich verletzt und von einigen Funktionären des Verbandes vorgeführt und bin sehr enttäuscht, wie alles abgelaufen ist“, sagt die Moderne Fünfkämpferin, die schon zum zweiten Mal denkbar knapp an einer Olympiateilnahme vorbeigeschrammt ist.

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Doch während sie 2016 zwar einen Quotenplatz für das deutsche Team geholt hatte, aber durch die nationalen Nominierungskriterien zwei andere Sportlerinnen nachvollziehbar den Vorzug bekamen, gestaltet sich das dieses Jahr anders. Denn aus Sicht der Potsdamerin müsste sie laut der deutschen Nominierungsrichtlinien nach Tokio fahren – und nicht ihre Berliner Konkurrentin Rebecca Langrehr, die vom Verband schließlich den Vorzug bekam.

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Für Kohlmann dreht sich der Fall vor allem um den Stichtag, der vom Verband gesetzt wurde. Die Leistungen bis zum 14. Juni 2021 wurden in ein weltweites olympisches Ranking aufgenommen. Auf dem dritten Rang liegt dort die Berlinerin Annika Schleu, auf Platz 15 Kohlmann und auf Rang 26 Langrehr. Anschließend hatte der Weltverband eine Liste mit den 36 Sportlerinnen verschickt, die sich über die olympische Rangliste qualifiziert hatten. Das war am 15. Juni. Eine Woche später hatten allerdings vier Verbände Sportlerinnen gestrichen, weshalb Langrehr auf der internationalen Liste nachgerückt war.

Der deutsche Verband sah anschließend alle drei Sportlerinnen auf der Liste als gleichberechtigt an und wandte daraufhin die nationalen Qualifikationskriterien an, wodurch Langrehr durch ihren sechsten Platz bei der Weltmeisterschaft, der stärker gewichtet wurde, vor Kohlmann rückte. „Es kann nicht sein, dass Nachrücker gleichbehandelt werden“, sagt deshalb Kohlmanns Potsdamer Stützpunkttrainerin Claudia Adermann, „alle sind davon ausgegangen, dass die Liste vom 14. Juni bindend ist – nur nicht die Bundestrainerin und die Heimtrainerin von Rebecca Langrehr.“

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Unklarheit über Stichtag

Auch bei Janine Kohlmann, die wegen einer Hüftverletzung und dem überraschenden Tod ihres Pferdes, eh schon eine schwierige Saison hatte, herrscht deshalb Unverständnis. „In den Nominierungskriterien steht klar, dass der Stichtag der 14. Juni ist. Die Bundestrainerin sagte dann zu mir, dass das nicht so gemeint sei“, erzählt die 30-Jährige.

Susanne Wiedemann, Sportdirektorin beim Deutschen Verband für Modernen Fünfkampf, erklärte auf SPORTBUZZER-Anfrage: „Der Nominierungsprozess ist nicht so einfach wie in anderen Sportarten, weil er vom Weltverband aus in zwei Phasen abläuft. Der Stichtag 14. Juni in den deutschen Nominierungskriterien bezieht sich dabei auf die Schließung der Olympischen Rangliste.“ Dass Kohlmann nicht glücklich mit der Entscheidung ist, kann Wiedemann nachvollziehen. „Die Situation war sehr emotional. Der Verband hat seine Informations- und Fürsorgepflicht gegenüber der Athletin erfüllt. Im Verband sind derzeit mehrere ehemalige Moderne Fünfkämpfer in Verantwortung, die selber aus unterschiedlichen Gründen nicht für Olympische Spiele nominiert wurden. Von daher ist uns bewusst, dass es keine Kommunikation gibt, die die Wunden einer solchen Nominierungsentscheidung heilen kann“, sagt die Sportdirektorin.

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Doch auch die Umstände schon vor der Nominierung trugen ihren Teil zum Unmut von Janine Kohlmann bei. „Bevor der Verband irgendetwas entschieden hatte, kamen die Anwälte der Sportkameradin Langrehr und konstruierten ,gutachterlich’ einen Anspruch auf deren vorrangige Berücksichtigung, obwohl ich international den zweiten Olympia-Nominierungsplatz erkämpft hatte. Da denke ich mir: Wenn ich im Recht bin, muss ich mir keinen Anwalt nehmen, erst recht nicht schon vor der Entscheidung“, sagt Kohlmann. Auch sie ließ sich später juristisch beraten, genau wie der Verband. „Im ganzen Prozess waren mehrere Juristen beteiligt. Das alleine zeigt die Komplexität und Emotionalität. Im Rahmen der gegebenen Sachlage wurde die Entscheidung unter Beachtung der Kriterien und Vorgaben getroffen. Dies geschah in engster Abstimmung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund, wie auch unter Einbindung der Athletenvertreter und des Good Governance Beauftragten des Verbandes“, sagt Wiedemann.

Anfechtbar ist die Entscheidung nicht mehr, der Verband habe sich laut Kohlmann so lange mit der Nominierung Zeit gelassen, bis sie nicht mehr reagieren konnte. „Die Entscheidung muss man irgendwann akzeptieren, egal, ob sie nun richtig oder falsch ist. Aber dabei muss man empathisch miteinander umgehen und das fand ich in diesem Fall sehr problematisch“, meint Claudia Adermann, aus deren Potsdamer Trainingsgruppe Fabian Liebig und Patrick Dogue den Sprung zu den Olympischen Spielen schafften, während Kohlmann und Marvin Dogue als Ersatzleute nominiert wurden. „Wir haben versucht, sie als Team aufzufangen. Wir trainieren so, also würden sowohl sie als auch Marvin nach Tokio fahren“, sagt Claudia Adermann.

Beim Verband will man indes Lehren aus der Situation ziehen. „Der deutsche Verband hat bereits ein Gespräch nach den Olympischen Spielen mit seinem Dachverband (UIPM) avisiert. Ziel wird es sein, das bisher zweistufige Verfahren mit Allokation und Reallokation zu einem Verfahrensweg zusammen zu fassen“, sagt Wiedemann – um Unklarheiten künftig zu vermeiden.

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