26. April 2020 / 20:08 Uhr

Infektionszahlen in Japan steigen an: Austragung der Olympischen Spiele im Juli 2021 nicht sicher 

Infektionszahlen in Japan steigen an: Austragung der Olympischen Spiele im Juli 2021 nicht sicher 

Felix Lill
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ob die Olympischen Spiele wirklich im Jahr 2021 stattfinden können, ist noch nicht klar. 
Ob die Olympischen Spiele wirklich im Jahr 2021 stattfinden können, ist noch nicht klar.  © imago images/ZUMA Wire/Montage
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Seit der Verschiebung von "Tokyo 2020" schießen die Infektionszahlen in Japan nach oben. Ob die Olympischen Spiele wie nun geplant im Juli 2021 stattfinden können, ist wegen der Auswirkungen der Corona-Krise ungewiss. 

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Eine Zeit lang sah es so aus, als wäre Japan von Covid-19 kaum betroffen. In vielen Teilen der Welt gab es längst Ausgangssperren, da lief der Alltag in dem ostasiatischen Land noch recht unverändert weiter. Die Leute sollten möglichst im Homeoffice arbeiten, Schulen blieben geschlossen, Restaurants und Bars öffneten aber weiterhin. Diverse Sportevents waren zwar seit Fe­bru­ar abgesagt, doch das größte von allen sollte dennoch stattfinden: Die Olympischen Spiele, so betonten die Organisatoren über Wochen, würden ganz bestimmt im Juli dieses Jahres beginnen.

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Seit aber am 24. März auf großem internationalen Druck hin "Tokyo 2020" in den Sommer 2021 verschoben wurde, sieht auch in Japan vieles anders aus. Die Zahl bestätigter Infektionsfälle hat sich im April von rund 2.000 auf über 13. 000 mehr als versechsfacht. Nur einen Tag nach der Olympiaverschiebung erklärte Tokios Gouverneurin Yuriko Koike die ersten Anordnungen zum Daheimbleiben. Anfang April rief dann Premierminister Shinzo Abe den Ausnahmezustand für die größten Me­tro­pol­re­gio­nen aus. Seit vergangener Woche gilt die Maßnahme für das ganze Land.

Viele Japaner wollen Olympia nicht mehr

Und es kommen Zweifel auf. Laut einer Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK finden drei Viertel der Befragten, der Ausnahmezustand hätte früher verhängt werden sollen. Und noch vor der Olympiaverschiebung gaben zwei Drittel in einer Umfrage von Yahoo Japan an, dass sie "Tokyo 2020" gar nicht mehr wollen. Viele glauben, das lange Insistieren auf dem Olympiaplan und die späte Reaktion auf die Gesundheitskrise hängen zusammen. Der Vorwurf: Offizielle hät­ten so lange am Olympiaplan festgehalten, wie er noch zu retten schien, und dafür Fragen der öffentlichen Gesundheit vernachlässigt.

Das IOC und Japan als Gastgeberland haben die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben. Der SPORTBUZZER hat dazu internationale Pressestimmen gesammelt. Zur Galerie
Das IOC und Japan als Gastgeberland haben die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben. Der SPORTBUZZER hat dazu internationale Pressestimmen gesammelt. ©

Der Politikprofessor Koichi Nakano von der Sophia-Universität in Tokio gehört zu den profiliertesten Kritikern der japanischen Regierung. Über das Telefon sagte er: "Premierminister Abe und Tokios Gouverneurin Koike wollten die Olympischen Spiele unbedingt dieses Jahr veranstalten. Es ging ihnen um Wirtschaftspolitik und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit." Und weiter: "Auch als sie ahnten, dass sich dieser Plan wegen des Coronavirus nicht umsetzen lässt, warteten sie noch ab, ehe sie deutliche gesundheitspolitische Entscheidungen fällten. So wollte man ‚Tokyo 2020‘ unbedingt retten", glaubt Na­ka­no. Tatsächlich war Japan schon im Februar vom Virus betroffen. Nachdem durch das Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" auch Personen auf dem Festland infiziert waren, zählte für einige Zeit nur China mehr Infektionsfälle.

Japan reizt Testkapazitäten nicht aus - hohe Dunkelziffer

Dass die Fallzahlen fortan in anderen Ländern explodierten, nicht aber in Japan, liegt kaum am Krisenmanagement. Schließlich reizt das ostasiatische Land inmitten der Coronakrise seine Testkapazitäten nicht aus, so dass die Dunkelziffer von Infektionsfällen um ein Vielfaches höher sein könnte. Während Japan bis Ende März auf kaum 30.000 Tests pro Woche kam, sind es mittlerweile rund 70. 000 pro Woche. Zum Vergleich: Deutschland hat zuletzt pro Woche rund 360. 000 Tests durchgeführt.

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Auch Hitoshi Oshitani, Virologieprofessor an der Tohoku-Universität in Sendai und Mitglied des Krisenstabs der Regierung, gehörte zu den frühen Warnern. Schon im Fe­bru­ar, also rund einen Monat vor dem Beschluss zur Verschiebung, hielt er die geplante Austragung von Olympia für unrealistisch. Aber er dementiert, dass Japans Offizielle bis dahin bewusst Risiken vernachlässigt hätten: "Es stimmt, dass wir das Ausmaß unserer Tests nicht besonders erhöht haben. Wir glauben, dass das auch nicht nötig ist", erklärt Oshitani. "Wir verfolgen stattdessen die Kontaktpersonen der bestätigten Infektionsfälle, um Cluster zu erkennen. In den Clustern testen wir also intensiver." Zwar werden dadurch Fälle übersehen, aber dieses Pro­blem gebe es überall auf der Welt.

Nicht für alle Beobachter klingt dieser Ansatz nach bloßer Pragmatik im Krisenmanagement. Kritiker erkennen darin auch ein Wegsehen oder sogar Verharmlosung.

Ob die Spiele im Juli 2021 stattfinden können, ist ungewiss

Olympia sollte einen Aufschwung generieren, von der Internationalisierung japanischer Betriebe bis zu einem Tourismusboom ausländischer Besucher in Japan. Die Verschiebung kostet nun weitere Milliarden Euro. Und ob die Spiele wie nun geplant im Juli kommenden Jahres stattfinden können, ist ungewiss. Mehrere Gesundheitsexperten haben schon gesagt, dass es dafür einen Impfstoff braucht – zu dem Athleten wie Zuschauer Zugang haben.