09. Juli 2021 / 18:46 Uhr

„Keinen Fauxpas mit der Queen erlauben“: Jens Todt erinnert sich an Nachnominierung vor EM-Finale 1996

„Keinen Fauxpas mit der Queen erlauben“: Jens Todt erinnert sich an Nachnominierung vor EM-Finale 1996

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Empfang der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt/Main, einen Tag nach dem EM-Gewinn: Andreas Köpke, Matthias Sammer, Oliver Bierhoff, Oliver Reck, Thomas Strunz, Fredi Bobic, Jens Todt, Markus Babbel und Jürgen Klinsmann (v.l.).
Der Empfang der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt/Main, einen Tag nach dem EM-Gewinn: Andreas Köpke, Matthias Sammer, Oliver Bierhoff, Oliver Reck, Thomas Strunz, Fredi Bobic, Jens Todt, Markus Babbel und Jürgen Klinsmann (v.l.). © imago/Horstmüller
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Der Potsdamer Jens Todt wurde drei Tage vor dem EM-Finale 1996 nachnominiert und gewann den Titel. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 51-Jährige über den Moment des Vogts-Anrufs, warum er auf den Jubelbildern mit der Queen fehlt und seine geklaute Medaille.

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Bei der Fußball-Europameisterschaft 1996 ereilte die deutsche Mannschaft ein beispielloses Verletzungspech, weshalb Bundestrainer Berti Vogts vor dem Finale einen Spieler nachnominieren durfte – Jens Todt. Der 51-Jährige wohnt seit 18 Jahren in Potsdam und spricht 25 Jahre nach dem EM-Titel im SPORTBUZZER-Interview über die Feier mit Bundeskanzler Helmut Kohl, Augenringe bei den Kollegen und seine Ex-Vereine Hertha BSC, Hamburger SV und VfL Bochum.

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Herr Todt, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie einen Tag nach dem EM-Halbfinale beim Italiener in Bremen saßen und plötzlich die Nummer von Berti Vogts auf dem Handy erschien?

Jens Todt: Ich wusste zunächst überhaupt nicht, was das bedeuten sollte. Aber er kam sofort zur Sache und meinte: „Jens, wir haben große Verletzungsprobleme, die Uefa erlaubt uns einen Spieler fürs Finale nachzunominieren, das bist du. Dein Flug geht morgen um 8 Uhr.“ Wir haben sofort die Rechnung geordert, sind nach Hause gefahren und haben gepackt. Es war vor allem besonders, weil ich erst an dem Tag aus London zurückgekommen war. Wir hatten mit der Mannschaft von Werder Bremen das Halbfinale angeschaut, eine Art Betriebsausflug.

Standen Sie auf Abruf bereit und hatten deshalb immer das Handy dabei?

Das war die Handy-Anfangszeit, das muss so ein riesiger Nokia-Knochen gewesen sein. Der Anruf kam aber völlig überraschend, völlig aus dem Nichts. Ich stand zwar zwischen 1994 und 1996 immer wieder im Kader und hatte drei Spiele für die Nationalmannschaft gemacht, aber so richtig reingespielt hatte ich mich nicht.

Haben Sie in der Nacht vor dem Abflug gut geschlafen?

Ich habe tatsächlich sehr gut geschlafen und nicht Nägel kauend im Bett gesessen. Ich kannte ja die ganze Mannschaft und auch einige neue Werder-Teamkollegen wie Dieter Eilts oder Marco Bode.

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Vor dem Endspiel wurden sogar noch Spieltrikots mit den Namen der Ersatztorhüter Oliver Reck und Oliver Kahn bedruckt, weil es nur 14 einsatzfähige Feldspieler gab.

Sie mussten tatsächlich als Feldspieler bereitstehen, das ist natürlich zu einer Legende geworden.

Wie haben Sie die Stimmung im alten Wembley-Stadion am Endspieltag erlebt?

Wembley ist natürlich ein legendäres Stadion, vielleicht das Stadion schlechthin in der Fußballhistorie. Ich war ja halb Spieler und halb Zaungast, schon im Halbfinale gegen England war es als Zuschauer einfach großartig. Aber komischerweise habe ich an viele Spielszenen gar keine große Erinnerung mehr, obwohl das so ein prägender Tag war.

Auf den Fotos der Pokalübergabe durch Queen Elisabeth II. fehlen Sie als einziger Spieler, warum?

Nach dem Spiel war der Rasen voll mit Funktionären, irgendwann hieß es, wir müssen langsam mal hochgehen. Da kam jemand zu mir, ich glaube, es war Sepp Maier, und meinte: „Wir müssen vorsichtig sein, wir sind uns nicht sicher, ob es genug Medaillen gibt. Wir wollen uns protokollarisch keinen Fauxpas erlauben und die Queen steht plötzlich ohne Medaille für dich da, bleib du lieber auf dem Rasen.“ Ich habe meine Medaille dann einen Tag später bekommen, die wurde mir aber leider bei einem Einbruch in unsere Wohnung in Potsdam geklaut – und ich vermute, dass derjenige gar nicht weiß, dass das ein Original ist.

Fredi Bobic sagte später einmal, dass die Party so wild gewesen sei, dass man alles hätte renovieren müssen. Wie haben Sie die Feier erlebt?

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Alle saßen im Whirlpool oder der Badewanne und planschten, es gab Zigaretten und Zigarren und Bundeskanzler Helmut Kohl stand in der Kabine.

Hat sich jemand beim Feiern besonders hervorgetan?

Im Zweifel würde ich sagen: Mario Basler (lacht). Mehmet Scholl war schon sehr lustig, ein sehr ironischer Typ, das mochte ich. Auf jeden Fall hatten einige Spieler beim Empfang auf dem Frankfurter Römer Augenringe.

Welchen Stellenwert hat der EM-Titel für Sie?

Ich bin schon stolz darauf, dabei gewesen zu sein, das muss man ja auch erst einmal hinkriegen. Aber ich weiß natürlich auch, dass die Arbeit von den anderen gemacht wurde. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich Berti Vogts als erstes in den Sinn gekommen bin.

Direkt nach dem Ende Ihrer Spielerkarriere 2003 beim VfB Stuttgart sind sie nach Potsdam gezogen, wie kam es damals dazu?

Ich habe damals als Chefscout bei Hertha BSC gearbeitet, wir hatten erst ein Kind und wir haben eine Wohnung oder ein Haus in Berlin gesucht. Durch Zufall kamen wir dann an eine Wohnung in Potsdam in der Nauener Vorstadt. Es hat uns dort sofort so gut gefallen, auch die ganze Stadt, obwohl wir wirklich niemanden kannten. Es war auf jeden Fall die beste Entscheidung unseres Lebens, Potsdam ist unser Zuhause, auch wenn das damals gar nicht so geplant war. Unsere beiden weiteren Kinder sind hier geboren, Potsdam war immer die Familienbasis, egal,wo ich gearbeitet habe.

Potsdam hat sich seit 2003 stark verändert, wie haben Sie die Entwicklung wahrgenommen?

Nach fünf Jahren in der Nauener Vorstadt wohnen wir jetzt seit 13 Jahren in der Berliner Vorstadt. In der Anfangszeit war Potsdam wahnsinnig offen, Leute aus ganz Deutschland kamen, alle waren sehr kommunikativ. Im Winter lag ein starker Kohlegeruch in der Luft, weil noch viele Heizungen mit Kohle befeuert wurden. Als wir kamen, hatte Potsdam 120 000 Einwohner, inzwischen sind es 180 000. Das macht natürlich auch etwas mit dem Stadtbild, auch verkehrstechnisch hat die Stadt natürlich Probleme. Es ist ja auch schick geworden, in Potsdam zu wohnen. Ich habe schon wirklich sehr viele Städte gesehen, aber Potsdam ist die schönste.

Bei Hertha war nach einem Jahr wieder Schluss, warum war der Job nichts für Sie?

Das Verhältnis zwischen Aufwand und Spaß hat nicht gepasst. Sportlich lief es katastrophal, Hertha hat gerade so die Klasse gehalten und ich war in den ersten sechs Monaten in 25 Ländern. Dann hatte ich auch noch einen Autounfall auf der Autobahn wegen Übermüdung, das war für mich der letzte Grund, dann zu sagen, dass das nichts für mich ist.

Bei Hertha ist seit Juni Ihr EM-Kollege Fredi Bobic Sport-Geschäftsführer, wie nehmen Sie die Berliner wahr?

Ich freue mich sehr, dass Fredi da ist, wir haben uns auch schon auf einen Kaffee getroffen. Ich glaube, dass die Chancen gut stehen, aber man muss ihm auch ein bisschen Zeit geben. Nur weil Lars Windhorst Anteile gekauft hat, heißt das nicht, dass es automatisch sportlich läuft. Ich glaube, es wird ein Übergangsjahr werden, Fredi muss dabei die Möglichkeiten haben, seine Ideen umzusetzen.

Beim VfL Bochum waren Sie einst Manager, jetzt ist der Verein in die Bundesliga aufgestiegen, wie sehr haben Sie mitgefiebert?

Das freut mich total, ich habe auch Trainer Thomas Reis, mit dem ich schon damals in Bochum und beim VfL Wolfsburg zusammengearbeitet habe, gratuliert. In diesem Verein steckt wahnsinnig viel Herzblut drin, nach dieser langen Leidenszeit war der Aufstieg absolut verdient.

Beim Hamburger SV, wo Sie bis März 2018 Direktor Profifußball waren, hat der Aufstieg allerdings nicht geklappt. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe?

Es gibt jetzt eine längere Historie unterschiedlicher Ansätze, Trainer und Kaderzusammenstellungen. Bislang war es fast immer so, dass Spieler, die vorher echt was gezeigt haben, in Hamburg Schwierigkeiten hatten. Der Druck ist durch die Historie des Vereins größer, die Vergangenheit erdrückt fast alles. Aber grundsätzlich ist das ein gutes Team und Tim Walter, der in meiner Zeit beim Karlsruher SC A-Jugend-Trainer war, ein richtig guter Coach. Auch Michael Mutzel und Jonas Boldt machen einen super Job. Aber die Ligazusammensetzung ist mit dem Abstieg von Werder und Schalke noch schwieriger geworden.

Seit Ihrer Entlassung haben Sie keinen neuen Job bei einem Verein angenommen und sind seit kurzem Berater. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich habe lange überlegt, habe Fortbildungen in China, Japan, Argentinien und Uruguay gemacht. Danach fiel die Grundsatzentscheidung, dass ich selbstbestimmter arbeiten möchte. Seit wenigen Monaten vertrete ich Spieler, aber auch Trainer und Funktionäre, wie zum Beispiel Pablo Thiam ...

... der gerade als sportlicher Leiter zur Fußball-Akademie von Hertha gewechselt ist.

Ich glaube, es gibt künftig nicht nur einen Markt für Spieler, sondern auch für andere Spezialisten wie beispielsweise Scouts. Und da setze ich an und berate sie.

Zur Person: Spieler in Freiburg, Bremen und Stuttgart

  • Nach seiner Anfangszeit beim ASC Nienburg und TSV Havelse wechselte Jens Todt 1991, gemeinsam mit seinem Trainer Volker Finke, zum damaligen Zweitligisten SC Freiburg.
  • Nach fünf Jahren, Todt war inzwischen auch Nationalspieler (drei Einsätze), ging er zu Werder Bremen, drei Jahre später wiederum zum VfB Stuttgart, wo er 2003 seine Karriere beendete.
  • Nach einem Jahr als Chefscout bei Hertha BSC arbeitete Todt drei Jahre lang beim Nachrichtenmagazin Spiegel sowie Spiegel Online.
  • Im Juni 2008 wurde er ein Jahr lang Nachwuchsleiter beim Hamburger SV, ab Februar 2010 leitete er für eineinhalb Jahre das Nachwuchsleistungszentrum des VfL Wolfsburg.
  • Von Sommer 2011 bis April 2013 war der 51-Jährige Manager des VfL Bochum, ab Sommer 2013 bis November 2016 Sportdirektor des Karlsruher SC und von Januar 2017 bis März 2018 Direktor Profifußball des Hamburger SV.