29. April 2021 / 07:22 Uhr

Jesse Marsch bei RB Leipzig: Fußball zwischen Nagelsmann und Rangnick?

Jesse Marsch bei RB Leipzig: Fußball zwischen Nagelsmann und Rangnick?

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Jesse Marsch tritt bei RB Leipzig die Nachfolge von Julian Nagelsmann an.
Jesse Marsch tritt bei RB Leipzig die Nachfolge von Julian Nagelsmann an. © IMAGO/GEPA pictures (Montage)
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RB Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff hatte schnelles Handeln versprochen und hält Wort. Jesse Marsch heißt der Mann, der ab dem 1. Juli die Nachfolge von Julian Nagelsmann antreten soll. Die Verhandlungen mit seinem bisherigen Arbeitgeber Salzburg laufen.

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Salzburg/Leipzig. Wer die Ortsmarken Salzburg/Leipzig liest, weiß, es ist wieder mal passiert, kommt auf dem kurzen Dienstweg ein Salzburger von der verlängerten Leipziger Werkbank an die Pleiße. Diesmal kein Roman Wallner, kein Stefan Ilsanker, kein Peter Gulacsi, kein Naby Keita, kein Amadou Haidara, sondern ein leibhaftiger Fußball-Lehrer. Jesse Marsch, 47, US-Amerikaner, raubeiniger Ex-Profi der Major League Soccer und seit 2019 Cheftrainer von Red Bull Salzburg, soll auf den abgängigen Julian Nagelsmann, 33, folgen. Die Österreicher bestätigten am Mittwoch entsprechende Gespräche. "Noch ist es nicht vollzogen. Wir sind seit Mittag in Gesprächen mit Leipzig. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen“, sagte Salzburgs Geschäftsführer Stephan Reiter

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Marsch arbeitete schon im Rangnick-Team

Eines muss man den hiesigen RB-Bossen lassen: Sie haben blitzartig Fakten geschaffen und nur einen Tag nach der Bekanntgabe des Nagelsmann-Wechsels alle Unklarheiten beseitigt. Ob die von Rasenball-Chef Oliver Mintzlaff erwähnte „Shortlist“ (kurze Liste) mit drei Aspiranten je existiert hat, sei dahin gestellt. Dass Marsch the one and only - der einzige Wahre - war und ist, war klar. Mintzlaff ist Marsch-Fan, hat den dreifachen Familienvater bei Red Bull New York gefordert und gefördert und ihn 2018 nach Leipzig gelotst.

Marschs damalige Hello-Leipzig-Antrittsrede ging so: „Es ist eine Ehre für mich, Teil dieses großen Clubs zu sein. Ich freue mich auf eine große Herausforderung, möchte die Bundesliga und den deutschen Fußball besser kennenlernen und meinen Teil zum Erfolg beitragen.“ Das mit dem Erfolg funktionierte, Rangnick/Marsch holten Platz drei in der Liga und erreichten das DFB-Pokal-Finale gegen die Bayern. Der damalige Plan sah für Marsch vor, dass er nach dem zwölfmonatigen Warten auf Godot Nagelsmann ins Trainerteam des Neuen wechselt. Daraus wurde nichts, weil der Cheftrainerposten in Salzburg ins Spiel kam.



In Salzburg, wo Fluktuation zum Geschäftsmodell gehört, schaffte es Marsch, gleich zwei Neuanfänge erfolgreich zu gestalten, wurde Meister und Pokalsieger, sorgte mit Jungstars wie Erling Haaland für spektakuläre Auftritte in der Champions League. Legendär: Das 3:4 der Österreicher beim FC Liverpool und die Pausenandacht der Coaches. Marsch blies seinen im ersten Durchgang etwas schüchternen Männern den Marsch, hätte mit diesem Vulkanausbruch a la Jürgen Klopp zweifelsohne ein nasses Handtuch entzündet.

Familienmensch, akribisch und impulsiv

Marsch hatte sich schon zu New Yorker Zeiten seinem Traum von Europa verschrieben, lernte eifrig Deutsch und schaffte den Sprung vom Big Apple zu Big Ralf Rangnick ohne Sprachbarriere. Sein langer Marsch führt ihn jetzt nach Leipzig, wo er in große Fußstapfen tritt. Frage aller Fragen: Kann der Mann auch ein Dickschiff wie die MS RB Leipzig steuern? In der RB-Chefetage ist man sich sicher: Yes, he can!

Wie tickt dieser Trainer und Familienmensch, der eine Frau, eine Tochter und zwei Söhne hat? Marsch ist ein gewissenhafter Arbeiter, hat seine Karriere akribisch geplant, feilt nicht minder intensiv an den Matchplänen für seine Fußballer. Er ist impulsiv, macht am Seitenrand viele Meter, nimmt seine Spieler mit auf eine hoch emotionale Reise - und gerne auch in den Arm. Er greift - anders als Nagelsmann - während des Spiels nicht 34 Mal in den Maschinenraum des Spiels ein, lässt die Profis spielen, die gut unterwegs sind und dabei auch mal die letzte Verästelung taktischer Überlegungen über Bord gehen. Marsch lässt eine Mischung aus dem Fußball von Rangnick und Nagelsmann spielen, steht für eine stete Kommunikation mit allen Bediensteten im Verein, ist ein Menschenfänger im positiven Sinn.

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Laut Kicker soll er Tottenham Hotspur und Eintracht Frankfurt wegen der Chance auf RB Leipzig abgesagt haben. Es gibt schlechtere Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit. Mit der Personalie Marsch ist die Variante Oliver Glasner vom Tisch. Gut möglich, dass der Wolfsburger Erfolgstrainer zurück in den warmen Salzburger Schoß wechselt.