03. September 2019 / 06:00 Uhr

Joachim Löw über die EM 2020, die neuen Anführer im DFB-Team und seine Hoffnungsträger

Joachim Löw über die EM 2020, die neuen Anführer im DFB-Team und seine Hoffnungsträger

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Bundestrainer Joachim Löw im SPORTBUZZER-Interview
Bundestrainer Joachim Löw im SPORTBUZZER-Interview © Achim Keller
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Bundestrainer Joachim Löw spricht im SPORTBUZZER-Interview über Titelträume, Selbstkritik und neue Arbeitsbedingungen. Zudem nennt er die Säulen im DFB-Team und verrät, von welchen Youngstern er besonders viel erwartet.

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SPORTBUZZER: Herr Löw, wie ist es ihnen ergangen, als Sie bei den letzten Länderspielen erstmals in ihrer Amtszeit aufgrund einer Verletzung nicht auf der Bank saßen?

Joachim Löw (59): Es ging mir in jeder Hinsicht schlecht. Es war komplett ungewohnt und ich konnte ehrlicherweise nicht gut mit der Situation umgehen. Ich war zu Hause und sehr angespannt. Das kenne ich von der Bank in diesem Ausmaß nicht. Es war eine gewisse Hilflosigkeit da, man kann nicht eingreifen – das führt schon zu einer Nervosität. Selbst als wir gegen Estland und in Weißrussland in Führung gegangen sind, hat sich die Anspannung nicht so einfach gelöst. Das hätte ich so nicht erwartet. Das brauche ich nicht noch mal.

Die WM ist abgehakt, der Umbruch eingeleitet, die EM-Quali hat erfolgreich begonnen. In der Weltrangliste steht Deutschland auf Platz 15 – ist das die Realität?

Diese Klassifizierung hat mich ehrlicherweise noch nie interessiert, ich mache das an anderen Parametern fest, wo wir stehen. Ich spüre eine Aufbruchstimmung bei uns, einen neuen Spirit. Man merkt, dass die Jungs Bock haben, in den nächsten Jahren etwas zu erreichen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Viele Dinge, die wir vor einigen Monaten eingeleitet haben, wurden gut umgesetzt. Man merkt aber auch, dass noch etwas die Stabilität fehlt - wie in der zweiten Halbzeit in Amsterdam. Die junge Mannschaft ist extrem motiviert, hört zu und ist auch lernwillig. Aber das ist ein Prozess und dieser hat bei der Generation zuvor auch ein paar Jahre gedauert.

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Ist Deutschland 2020 schon wieder titelreif?

Im Moment geht es erst mal darum, uns zu qualifizieren. Die letzten Spiele – wie der Sieg in Holland – haben schon gezeigt, dass wir auch die großen Mannschaften schlagen können. Aber ein Turnier ist schwer einzuschätzen und zu berechnen. Wir sind noch ein Jahr davor, haben gerade einen Neubeginn eingeleitet. In einem Turnier muss am Ende alles stimmen, wenn man ins Finale kommen will. Wir sind auf einem guten Weg und wollen zurück in die Weltspitze, wir haben Potenzial. Aber das müssen wir erst bestätigen. Die Qualität der Spitzenteams ist sehr eng zusammen in Europa.

Kann man aus dem Jahrhundertschock 2018 auch etwas Positives mitnehmen für die Zukunft?

Wir haben aus den Turnieren immer etwas mitgenommen. Nach 2018 haben wir eine knallharte Analyse gemacht intern, bei uns Trainern angefangen: Was haben wir falsch gemacht? Welchen Gegner falsch eingeschätzt? Da haben wir Erkenntnisse mitgenommen, die uns 2020 helfen werden. Wie wir beispielsweise 2014 auch von den Fehlern profitieren konnten, die wir 2012 gemacht haben.

Was sind das für Erkenntnisse?

Beim ersten Spiel war es fast schon arrogant von mir, davon auszugehen und zu erwarten, dass wir Mexiko in der ersten halben Stunde hinten reindrücken, sie zu Fehlern zwingen und unsere Tore machen. Aber es war WM, das erste Spiel, da hätte ich es am besten wissen müssen, dass bei allen Ungewissheit herrscht – das haben wir unterschätzt. Der Rückschlag hat uns dann völlig aus dem Konzept gebracht und das wäre vielleicht vermeidbar gewesen, wenn wir gleich etwas defensiver reingegangen wären. Aber wir kamen aus der erfolgreichsten Quali aller Zeiten, hatten den Confed Cup gewonnen, riesiges Selbstvertrauen. Unser Spiel war darauf ausgerichtet, dass wir es gnadenlos durchziehen, unabhängig vom Gegner. Das war im Nachhinein ein zu hohes Risiko.

SPORTBUZZER-Fußballchef Heiko Ostendorp traf Bundestrainer Joachim Löw zum Interview
SPORTBUZZER-Fußballchef Heiko Ostendorp traf Bundestrainer Joachim Löw zum Interview © Achim Keller
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Nach der WM gab es so viel Kritik wie noch nie. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich glaube nicht, dass es mich als Mensch verändert hat. Aber es hat das Bewusstsein gestärkt und die Sinne wieder geschärft, dass wir es auf neuen Wegen versuchen müssen, andere Lösungen zu suchen, offen für Innovationen zu sein, auch unsere Spielweise anzupassen.

Und Sie haben sich irgendwann von Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng getrennt. Warum nicht gleich nach der WM?

Bei der Nationalmannschaft kann man ja nicht einfach so alles von heute auf morgen verändern. Ich war mir nach der WM auch nicht sicher, weil ich wusste, dass gerade diese drei Spieler noch immer Weltklasse sein können – und das können sie heute immer noch. Es kam die Nations League, die wir auch intern vielleicht etwas zu hoch gehängt haben. Wir haben gedacht: das ist ein Wettbewerb, dazu noch in einer Gruppe mit Frankreich und den Niederlanden, da brauchen wir alle, vor allem die Erfahrenen und Etablierten, die zeigen wollen, dass wir es besser können.

Und dann?

Wir hatten auch gute Momente, gerade gegen Frankreich und die Niederlande, es war nicht alles schlecht. Aber die Ergebnisse, die waren nicht gut, und wir sind letztlich abgestiegen. Da war mir klar: Jetzt müssen wir den Umbruch einleiten. Mit der EM-Quali beginnt ein neuer Zyklus. Aber ich wollte bewusst die Vorbereitung abwarten und sehen, wie die Spieler aus der Winterpause kommen. Vor der Quali wollten wir es dann durchziehen, entscheiden, auf welche Spieler mit Perspektive wir setzen. Wir wussten: die anderen sind immer noch gut, sehr gut sogar. Aber jetzt ist es Zeit für den Umbruch.

Gab es eigentlich auch mal die Idee, noch weitere Spieler zu rasieren oder ging es in ihrem Kopf immer nur um Hummels, Müller, Boateng?

Wir haben mehrere Szenarien diskutiert, wobei mir der Begriff des Rasierens überhaupt nicht gefällt. Wir wollten Räume schaffen für Spieler, denen wir zutrauen, zukünftig Stützen dieser Mannschaft sein zu können. Genauso klar war mir aber, dass wir weiter erfahrene Säulen brauchen. Diese Rolle haben nun Neuer und Kroos, auch Reus und Gündogan.

Der DFB-Kader für die Spiele gegen Holland und Nordirland

Tor: Manuel Neuer (FC Bayern München) Zur Galerie
Tor: Manuel Neuer (FC Bayern München) ©

Sie hätten den drei Spielern aber auch noch ein Hintertürchen auflassen können…

Ich weiß nicht, ob es im Fußball so etwas wie Endgültigkeit gibt. Aber ich habe den Spielern deutlich gesagt, dass ich ohne sie plane. Weil ich keine Eiertänze wollte – das sind Weltmeister, die haben acht, neun Jahre für Deutschland Topleistungen abgerufen. Sie haben Überragendes für unser Land geleistet, sind Idole, waren immer mit Stolz und voller Hingabe bei der Nationalmannschaft. Ich persönlich habe diesen Spielern so viel zu verdanken. Es hatte für mich auch was mit Respekt zu tun, ihnen in aller Offenheit reinen Wein einzuschenken, ich wollte Klarheit. Ich muss als Trainer diese Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, so schmerzhaft das dann auch ist.

Sie wurden auch für das Vorgehen hart kritisiert.

Das kann ich verstehen. Aber heutzutage ist es doch so, dass wenn ich vorher mit dem Verein, Beratern oder anderen Leuten gesprochen hätte, möglicherweise etwas durchgesickert wäre. Wenn ich am Abend mit dem einen Essen gegangen wäre, hätte der wiederum schon mit einem anderen gesprochen. Ich weiß, dass es den perfekten Weg nicht gab. Schon gar nicht bei einer Trennung. Deshalb stand für mich über allem, dass die Spieler es von mir im persönlichen Gespräch erfahren. Diese Gespräche dauerten nicht lang. Die Spieler sind enttäuscht und wollen dann ja auch nicht stundenlang reden.

War das der schwierigste Tag ihrer Amtszeit?

Es war ein sehr schwieriger Tag, ja. Das hat mich sehr viel Kraft gekostet, da ich eine sehr emotionale Bindung gerade zu diesen drei Spielern habe. Vor ein paar Jahren waren sie es, denen ich Raum in der Nationalmannschaft schaffen musste und wollte.

Ist im Zuge dieser Entscheidung etwas kaputt gegangen?

Das glaube ich nicht. Es gibt schon wieder sehr gute Kontakte. Der WM-Titel wird uns immer verbinden.

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Wie weit steht ihr Gerüst für 2020 schon?

Der erweiterte Kreis steht, ganz klar. Die Mannschaft muss sich jetzt vor einem Turnier auch langsam einspielen, deshalb brauchen wir eine grundsätzliche Linie, einen roten Faden, auch personell. Wir haben schon sehr viele junge Spieler, denen wir jetzt das Vertrauen geben und die Verantwortung übernehmen sollen. Wenn zwei die gleiche Leistung bringen, entscheiden wir uns jetzt eher für denjenigen mit Perspektive. Wenngleich wir auch hier die richtige Mischung brauchen. Denn wenn wir die ganz großen Spiele wieder gewinnen wollen, brauchen wir auch Erfahrung, nicht nur Unbekümmertheit.

Leroy Sané war vor einem Jahr noch nicht gut genug, jetzt wird er plötzlich vermisst

Ja, jetzt wird er vermisst. Er hat sich in den Spielen nach der WM in toller Form gezeigt. Als Spieler, der den Gegner destabilisieren kann mit seiner Schnelligkeit, mit seiner Unberechenbarkeit, seiner Torgefahr. Aber er hat auch vor der WM einige Spiele gemacht. Jetzt ist er weiter, reifer.

13 Jahre als Trainer sind heute eigentlich undenkbar. Warum sind Sie der ewige Jogi?

Der ewige sicher nicht, nein. Noch mal 13 Jahre werde ich sicher nicht Bundestrainer sein (lacht).

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, aufzuhören?

Selbstverständlich. Nach jedem Turnier hinterfragt man sich. 2018 war ich relativ schnell sicher, dass ich weitermachen möchte, obwohl die Enttäuschung riesig war. 2014 habe ich länger gebraucht, 2016 auch. Ein paar Tage nach Russland habe ich mit Oliver Bierhoff zusammen gesessen und wir haben uns ganz offen und ehrlich gefragt: Haben wir die Motivation noch? Können wir die Mannschaft wieder aufrichten? Und für uns beide war klar, dass wir so nicht gehen werden. So nicht.

Was hat sich in ihren 13 Jahren als Bundestrainer verändert?

Die aktuelle Generation tickt einfach anders. Die Spieler setzen mehr auf Kommunikation, sie wollen auch über die Medien angesprochen werden, wollen die Dinge sehen, verstehen, die man mit ihnen bespricht. Für uns bedeutet das, dass wir gewisse Informationen stärker als früher visualisieren. Auch diese klaren Hierarchien wie früher gibt es nicht mehr. Die jungen Spieler trauen sich, Kritik zu üben, sie sind reifer, wollen mitreden. Alles hat sich weiterentwickelt. Körperlich sind die Spieler inzwischen am Limit, da gibt es nicht mehr viel Verbesserungspotenzial. Aber im Bereich der kognitiven Fähigkeiten, der Handlungsschnelligkeit, dem Treffen von Entscheidungen, ist noch einiges möglich. Man spielt heute, wenn der Gegner Zeit hat, sich zu organisieren, gegen eine Wand. Wir haben jahrelang alles gemacht über Ballbesitz, mit Passsicherheit. Wir haben uns die Gegner oftmals so zurechtgelegt, wie wir es wollten. In 70, 80 Prozent der Fälle wussten wir: Wenn wir unser Spiel machen, knickt der Gegner irgendwann ein. 2018 sind wir in diesem Ballbesitz fast gestorben, es gab keine schnellen Umschaltphasen mehr, wir haben es zu langsam gemacht. Im Kopf und auf dem Platz. Wir hatten nicht mehr die Bereitschaft, den Gegner mit Tempoläufen in Verlegenheit zu bringen. Deshalb mussten wir unser Spiel wieder anpassen, denn die Herausforderungen sind andere geworden.

Nationalmannschaft: Alle Debütanten unter Joachim Löw

Klickt euch hier durch alle Debütanten von Bundestrainer Joachim Löw in der Nationalmannschaft - von Malik Fathi bis Mark Uth! Zur Galerie
Klickt euch hier durch alle Debütanten von Bundestrainer Joachim Löw in der Nationalmannschaft - von Malik Fathi bis Mark Uth! ©

Ist die Zeit des Ballbesitzfußballs also vorbei?

Nein, definitiv nicht! Wer das glaubt, macht einen großen Fehler. Man muss ihn nur etwas anders ausüben. Und es ist nicht mehr so wie früher, dass die Defensive Turniere gewinnt, sondern die Mannschaft, die Tore erzielt.

Welche Mannschaft ist für Sie aktuell das Nonplusultra im Weltfußball?

Viele Nationen lösen fast alles über individuelle Klasse: Frankreich, Brasilien, Argentinien. Spanien kommt eher über mannschaftliche Geschlossenheit und Automatismus-Fußball. Aber oft ist es dann doch so, dass die Individualisten den Unterschied ausmachen – ein Mbappe oder ein Neymar, die allen davonlaufen und dann ein Tor erzielen.

Deutschland hat diese Spieler aktuell nicht?

Wir haben schon Spieler, die dazu in der Lage sind wie Sané, Gnabry, Werner oder Brandt. Die haben ein riesiges Potenzial, aber noch nicht diese Konstanz wie Messi oder Ronaldo, die seit Jahren 30, 40 Tore in ihren Ligen erzielen. Wir hatten eine Zeit lang kaum 1 gegen 1 Spieler, jetzt haben wir sie wieder.

Haben Sie eigentlich öfter den Wunsch, wieder als normaler Bürger unterwegs zu sein?

Diese Sehnsucht habe ich manchmal schon, ja. Grundsätzlich erfahre ich viel positive Resonanz, die Leute sind eigentlich immer freundlich. Das ist eine wunderbare Erfahrung, und ich freue mich auch über diese Wertschätzung. Aber sobald ich vor die Türe gehe, habe ich keine Privatsphäre mehr. Weniger für mich als mehr für meine Freunde oder Familien-Mitglieder ist der Umgang damit nicht immer so einfach. Sie merken ja auch, wenn man beim Essen in einem Restaurant unter Beobachtung steht. Ich weiß aber, dass das dazu gehört.

Bundestrainer Joachim Löw im SPORTBUZZER-Interview
Bundestrainer Joachim Löw im SPORTBUZZER-Interview © Achim Keller

Wie sehr hat im Laufe der Jahre auch das Thema Integration eine wichtige Rolle gespielt?

Das ist aus meiner Sicht nach wie vor ein ganz wichtiges gesellschaftliches Thema, das jeden Einzelnen angeht. Bewusst thematisieren mussten wir das in all den Jahren mannschaftsintern nie, was ja ein deutliches Zeichen dafür war, dass wir es selbstverständlich gelebt haben. Das kann Sport, das kann Fußball leisten mit seiner verbindenden Kraft. Jeder hat jeden respektiert, egal welcher Herkunft, egal welche Hautfarbe oder Religion. So wie es sein soll.

Dennoch schwappte das Thema brutal hoch im Zuge der Erdogan-Affäre. Was hätten Sie im Nachhinein anders machen müssen?

Diese Frage haben wir uns alle wirklich oft gestellt, aber es gibt bis heute niemanden, der diese ultimative Lösung hatte.

Wie groß ist ihr Einfluss auf die Spieler heute noch?

Jeder Spieler ist heute sozusagen ein eigenes Unternehmen, hat Beraterstäbe um sich herum. Es geht um Karriereplanung, hochdotierte Werbeverträge, alle sind in den sozialen Netzwerken unterwegs. Meine Kernaufgabe sehe ich darin, auf die sportlichen Belange Einfluss zu nehmen, Tipps zu geben, zu helfen. Und selbst da sind meine Möglichkeiten begrenzt, weil man sich nur alle paar Monate sieht. Gerade das Zwischenmenschliche ist viel intensiver, wenn es auf ein Turnier zugeht und man mal sechs, acht Wochen am Stück zusammen ist. Die Nähe muss ich praktisch jedes Mal aufs Neue wiederherstellen. Manchmal denke ich mir: Wenn ich die Jungs mal drei, vier Monate jeden Tag hätte, das wäre ein Sechser im Lotto.

Sind Sie am Ende eher Vater oder Lehrer?

Man muss den Spielern eine gewisse Empathie entgegenbringen, Vater ist dennoch nicht das richtige Wort – aber die Spieler sollten schon das Gefühl haben, dass ich sie verstehe. Und natürlich bin ich auch Lehrer, weil ich ihnen etwas beibringen will, was uns zum Erfolg führt.

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