29. Dezember 2020 / 10:54 Uhr

Joachim Löw und sein Schicksalsjahr 2021: Wie der Bundestrainer sich ändern muss - und was

Joachim Löw und sein Schicksalsjahr 2021: Wie der Bundestrainer sich ändern muss - und was

Patrick Strasser
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 Für Bundestrainer Joachim Löw wird 2021 ein Schicksalsjahr. 
Für Bundestrainer Joachim Löw wird 2021 ein Schicksalsjahr.  © imago/Sven Simon/regios24/Christian Schroedter/Poolfoto/Montage
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Nach dem 0:6-Debakel in Spanien geriet Bundestrainer Joachim Löw heftig in die Kritik und kämpfte um seinen Job. Bis zur Europameisterschaft gibt es einige Baustellen beim DFB-Team. Was Löw im EM-Jahr alles anpacken muss, damit 2021 zum Erfolg wird. 

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Island, Rumänien und Nordmazedonien – ein Aufgalopp, kaum echte Prüfungen für die deutsche Nationalelf zum Start ins Länderspieljahr 2021? Diese Partien in der Qualifikation für die WM 2022 in Katar finden Ende März statt. In jedem "normalen" DFB-Jahr würde man von einem Warm-up mit Blick auf die EM sprechen. Dieses Mal ist jedoch vieles anders. Schon der kleinste Ausrutscher dürfte in Fußball-Deutschland für hysterische Aufschreie sorgen. Nach dem peinlichen 0:6 im vergangenen November in Spanien reagiert man auf schwache Leistungen der Nationalmannschaft noch ein wenig sensibler, als man dies ohnehin schon immer tat. Der Druck auf den umstrittenen Joachim Löw ist folglich immens. Die EM 2021 wird zum Schicksalsturnier für den Bundestrainer, das Jahr 2021 zu seinem Schicksalsjahr:

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Es dürfte – so oder so – Löws letztes Turnier werden. Entweder ein triumphaler Abschied mit dem EM-Pokal – oder ein enttäuschender Abgang, etwa bei einem Ausscheiden in der Vorrunde. Doch was, wenn der Länderspieldreierpack im März unrund läuft, es Rückschritte gibt? Dann wäre Löw kaum zu halten. Schon seit dem Spanien-Debakel steht der 60-Jährige mit dem Rücken zur Wand. 2021 ist seine letzte Chance, ein Weltmeistercoach arbeitet auf Bewährung. Lothar Matthäus ging in seiner Sky-Kolumne nun hart mit Löw ins Gericht. Der Rekordnationalspieler erklärte, dass aus seiner Sicht "eine Handschrift des Trainers seit längerer Zeit nicht erkennbar" sei.

Was Bundestrainer Löw im EM-Jahr alles anpacken muss

Eine andere Rhetorik anwenden: Hier ist Löw auf einem guten Weg. Im Herbst wirft man ihm Arroganz und Selbstherrlichkeit vor, worauf er kontert: "Wenn jemand sagt, der Löw sei arrogant oder dünnhäutig, dann ist das eben so." Im Dezember klingt Löw demütiger, sagt über die EM: "Nach dem Turnier wird Bilanz gezogen." Außerdem versicherte er: "Ich habe die Motivation und habe sie nie verloren."

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Die Fans wiedergewinnen: Die Einschaltquoten sind im Jahr der Geisterspiele abgesunken auf Werte, die so niedrig waren wie seit 20 Jahren nicht. Lediglich 5,42 Millionen Zuschauer im Durchschnitt (Marktanteil von 18,2 Prozent) verfolgten den 1:0-Testspielsieg gegen Tschechien im Oktober. "Wir haben die Fans dermaßen enttäuscht. Ich kann die Wut und Enttäuschung absolut verstehen", erklärte Löw, während DFB-Direktor Oliver Bierhoff von einer "dunklen Wolke" gesprochen hatte, die über der Nationalelf schwebe. Löw glaubt: "Die Fans kann man nur mitreißen, wenn man gewinnt."

Die Balance im Spiel finden: Defensiv agierte die Nationalelf 2020 teils katastrophal (in den drei Oktober-Länderspielen kassierte man sieben Gegentore, im November folgte das 0:6 in Spanien), offensiv waren Lichtblicke zu erkennen. Doch das Gefälle zwischen guter Offensive (Timo Werner, Kai Havertz, Serge Gnabry und Leroy Sané) und der teils haarsträubenden Abwehrarbeit ist zu groß. Joshua Kimmich findet: "Wir müssen daran arbeiten, unsere PS auf die Straße zu bringen." Niklas Süle, Antonio Rüdiger, Robin Koch und Matthias Ginter müssen sich steigern, von den Außenverteidigern hat sich noch keiner der Kandidaten Marcel Halstenberg, Robin Gosens und Philipp Max (links) sowie Lukas Klostermann und Thilo Kehrer (rechts) durchgesetzt.

Toni Kroos stärken: Für Löw ist der Star von Real Madrid "ein Muster an Beständigkeit und Zuverlässigkeit." Doch der Führungsspieler führt zu wenig, ist zu leise auf dem Platz. Dabei braucht der Bundestrainer einen Taktgeber wie Kroos, der Kimmich an seiner Seite hat, um im Zentrum für Stabilität zu sorgen. Kroos hat den EM-Titel als letztes großes Ziel ausgegeben, wird sich steigern, wenn es ums Ganze geht. Darauf setzt Löw.

Die DFB-Kandidaten für die EM 2021 im Chancen-Check

Für die Europameisterschaft 2021 muss Bundestrainer Joachim Löw (links) noch die ideale Kader-Besetzung aus vielen Kandidaten finden. Der <b>SPORT</b>BUZZER bewertet die Chancen der einzelnen Spieler wie Thomas Müller, Jamal Musiala und Marco Reus (Mitte, von links). Zur Galerie
Für die Europameisterschaft 2021 muss Bundestrainer Joachim Löw (links) noch die ideale Kader-Besetzung aus vielen Kandidaten finden. Der SPORTBUZZER bewertet die Chancen der einzelnen Spieler wie Thomas Müller, Jamal Musiala und Marco Reus (Mitte, von links). ©

Mit den Aussortierten offen umgehen: Im März 2019 hatte Löw einen Schnitt gemacht, um den Umbruch voranzutreiben, sortierte das Weltmeistertrio Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus. Begründung: "Junge Spieler brauchen Zeit, um sich zu entwickeln." Doch die Rufe nach Hummels als Abwehrchef und Müller als Offensivkraft werden lauter. Stur hielt Löw dennoch am Verzicht auf die Ausgemusterten fest, er habe "keine Veranlassung" gesehen für eine Rückholaktion. Doch im Dezember betonte der Bundestrainer: "Wir müssen schauen, was uns den größtmöglichen Erfolg bringt." Dennoch: Ein ehrlicher Umgang mit dem Trio würde es Löw leichter machen.