16. April 2021 / 16:06 Uhr

Jörg Niebuhr: „Weiße Hose, rosa Jackett – das war echt gewöhnungsbedürftig“

Jörg Niebuhr: „Weiße Hose, rosa Jackett – das war echt gewöhnungsbedürftig“

Jürgen Hansen
Peiner Allgemeine Zeitung
Jörg Niebuhr mit gesammelten Utensilien zahlreicher Wettbewerbe. Kleines Bild: Jörg Niebuhr als Turner in Aktion im Jahr 1990. Das Bild entstand in der BBZ-Halle in Vöhrum beim Kampf um die Deutsche Mannschafts-Meisterschaft..
Jörg Niebuhr mit gesammelten Utensilien zahlreicher Wettbewerbe. Kleines Bild: Jörg Niebuhr als Turner in Aktion im Jahr 1990. Das Bild entstand in der BBZ-Halle in Vöhrum beim Kampf um die Deutsche Mannschafts-Meisterschaft.. © Jürgen Hansen/Christian Bierwagen
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Der Vöhrumer Jörg Niebuhr wechselte den Platz, blieb aber im Metier: Der frühere Bundesliga-Turner wurde Kampfrichter. Aktuell wertet er bei der Europameisterschaft in Basel. 

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An die Sommer-Universiade 2015 im südkoreanischen Gwangju erinnert sich Jörg Niebuhr schmunzelnd. „Wettkampfrichter sind normal im gedeckten Anzug gekleidet, in Gwangju mussten wir eine weiße Hose und dazu ein rosa Jackett tragen. Das war echt gewöhnungsbedürftig“, erläutert der Vöhrumer seine Ausstaffierung bei den Studenten-Weltsport-Spielen 2015. Für ihn war es eine von vielen Sport-Großveranstaltungen, bei denen er als Turn-Kampfrichter zum Einsatz kam.

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Auch während seiner aktiven Karriere hat es der 56-Jährige wie kaum ein anderer Turner des Kreises Peine weit gebracht. So nahm er an Länderkämpfen teil und turnte viele Jahre für den TK Hannover in der Bundesliga.

Mehr vom Turnen

Seine einstigen Paradedisziplinen Ringe und Boden hat Niebuhr schon lange nicht mehr geturnt. „Einen Handstand am Barren kriege ich noch hin, aber bis auf ab und zu Gymnastik und Krafttraining machen ist es das für mich in Sachen Sport“, betont der Umweltschutz-Techniker, der einst mit Weltmeister Andreas Aguilar, dem Olympia-Teilnehmer Andreas Japtok und dem auch als „Turnclown“ bekannten Alfred Lefebre in der TK-Bundesliga-Mannschaft stand.

„Wir hatten viel Spaß zusammen und haben heute noch Kontakt. Es war eine schöne Zeit“, blickt Niebuhr auf seine erfolgreichen 80er-Jahre zurück, in denen er unter anderem bei den deutschen Meisterschaften an den Ringen den dritten Platz belegte und Vierter am Boden wurde. Für ganz oben auf dem Treppchen hat es für ihn auf höherer Ebene jedoch nie gereicht. „Dafür war ich als Mehrkämpfer zu schlecht, besonders am Seitpferd.“

Seine ersten Schritte auf der Matte machte er als Vierjähriger bei Arminia Vöhrum, stand dort unter den Fittichen von Werner Jaeschke. „Ihm habe ich sehr viel zu verdanken. Er kümmerte sich um alles und hat mich von allen Trainern am meisten geprägt.“ 1977 wechselte das vielversprechende Talent ins Bundes-Leistungszentrum beziehungsweise zum TK Hannover in die niedersächsische Landeshauptstadt und verbesserte dort stetig sein Können.

Einen Einschnitt in der Karriere bildete das Jahr 1990. „Es war die Zeit nach der Wende. Da traten auf einen Schlag die DDR-Turner auf den Plan. Und es waren einige Weltklasse-Athleten dabei. Die standen leistungsmäßig vor mir, ich hatte keine Chance mehr auf die Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften“, erinnert sich Niebuhr, der noch bis 1993 für Hannover in der 1. Bundesliga turnte. Anschließend „tingelte“ er noch drei Jahre für 1860 Bremen in der 2. Liga.

Geld hat er mit seiner Lieblingssportart, die ihn zu Glanzzeiten trainingsmäßig fast täglich fünf Stunden forderte, indes kaum verdient. „Als ich im Bundeskader stand, gab es monatlich ein paar hundert Mark Sporthilfe. Aber das war es auch schon.“

Als Kampfrichter geht Niebuhr, der mittlerweile bei rund 250 Herren-Wettkämpfen Noten verteilte, ebenfalls so gut wie leer aus. „Wir kriegen keine Aufwandsentschädigung. Nur Reise- und Unterkunftskosten werden übernommen.“

Die Lizenz für das Unparteiischen-Amt holte er sich bereits 1993, konnte daher nach seiner aktiven Karriere fast nahtlos an den Wertungstisch wechseln – und zwar gleich in der Bundesliga. „Großartig vorbereiten brauchte ich mich nicht. Alle Regeln, Elemente und Abzüge sind mir ja bekannt.“

Für den Einsatz auf internationaler Ebene qualifizierte sich Niebuhr schnell, doch voran ging es nicht. Denn 1997 verlor er in der Öffentlichkeit kritische Worte über den damaligen Präsidenten des Welt-Turnweltverbandes (FIG). „Daraufhin wurde ich vom Chef der deutschen Kampfrichter geschasst, lag zehn Jahre für internationale Wettkämpfe auf Eis. Er sagte, den FIG-Präsidenten darf man nicht öffentlich kritisieren, höchstens intern.“ 2007 dann der „Salto rückwärts“. Niebuhr wurde quasi begnadigt und startete international als Kampfrichter durch, wertete unter anderem 2013 bei der Universiade in Kasan und 2014 bei den afrikanischen Meisterschaften und fährt nun zur Europameisterschaft (siehe unten).

In der jüngeren Vergangenheit ist nicht allein ihm aufgefallen, dass sich der Turnsport auf höherer Ebene rasant entwickelt hat. „Dreifach Salto, Vierfach Schraube. So etwas läuft mittlerweile superschnell ab. Selbst für geübte Augen ist es schwer zu erkennen, wieviel Drehungen die Athleten hingelegt haben. Deswegen wurden die Wertungsaufgaben der sechs Kampfrichter geteilt. Vier sind für das Erkennen der Schwierigkeitsgrade zuständig, zwei für Punktabzüge.“

Und wie sieht es beim Thema Parteilichkeit von Kampfrichtern aus? Niebuhr räumt ein, dass – nach seinen Worten – hin und wieder „gemauschelt“ wird. „Wenn das passiert, sind größere Verschiebungen aber nicht möglich, lediglich ein, zwei Plätze liegen drin. Und früher wurde und konnte mehr als heute gemauschelt werden, denn man hat ja jetzt auf dem PC mit einem Blick die Benotungen aller Richter im Auge. Zudem werden auf höherer Ebene alle Übungen per Video aufgenommen. Die Technik sorgt dafür, dass alles nachvollziehbar ist und Vorteilsnahme auffällt.“ Vermeintliche Schummeleien hin oder her: Für Jörg Niebuhr bilden sie die große Ausnahme. „Denn wir Turner stehen zusammen – Athleten, Trainer, Wettkampfrichter. Wir sind eine große Familie. Das gilt national wie international.“

Erste EM: Viele Tests, wenig Atmosphäre

Am Sonntag startete Jörg Niebuhr zu den Turn-Europameisterschaften nach Basel. „Es ist meine erste EM als Kampfrichter, und ich freue mich darauf“, sagt er. Doch die Freude wird durch die äußeren Umstände getrübt: „Es sind keine Zuschauer in der Halle, die gewohnte Atmosphäre fehlt. Sportler, Funktionäre, Kampfrichter – alle sind in Einzelzimmern untergebracht. Sich bei einem Getränk zusammenzusetzen und sich auszutauschen – das entfällt.“ Im Vorfeld muss jeder Teilnehmer einen PCR-Test machen, während der fünf EM-Tage nochmal, und vor der Abreise ein drittes Mal.