27. Mai 2019 / 13:36 Uhr

Jörg Schmadtke im SPORTBUZZER-Interview: Darum hat der VfL Wolfsburg einen neuen Trainer

Jörg Schmadtke im SPORTBUZZER-Interview: Darum hat der VfL Wolfsburg einen neuen Trainer

Andreas Pahlmann und Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Jörg Schmadtke spricht im großen SPORTBUZZER-Interview über den Trainerwechsel beim VfL Wolfsburg
Jörg Schmadtke spricht im großen SPORTBUZZER-Interview über den Trainerwechsel beim VfL Wolfsburg © Roland Hermstein
Anzeige

Jörg Schmadtke hat in seinem ersten Jahr als Manager des VfL Wolfsburg viel richtig gemacht. Vor zwölf Monaten kämpfte der Wolfsburger Fußball-Bundesligist in der Relegation noch gegen den Abstieg, jetzt hat sich der Klub für die Europa League qualifiziert. Im großen SPORTBUZZER-Interviews spricht der 55-Jährige über die abgelaufene Saison, den Abschied von Trainer Bruno Labbadia und dessen Nachfolger Oliver Glasner.

Herr Schmadtke, wie haben Sie eigentlich den sechsten Platz und den Einzug in die Europa League gefeiert?

Anzeige

Ich habe nach dem Augsburg-Spiel unten in der Kabine ein Radler getrunken. Hätte kälter sein können.

Klingt nicht nach Extase.

Anzeige

Sowieso nicht. Aber generell finde ich es wirklich sehr schade, dass du in diesem Job gar nicht mehr die Zeit hast, den Moment zu genießen, weil du gedanklich immer schon in der nächsten Phase, beim nächsten Schritt bist. Aber wahrscheinlich bin ich da selbst das Problem, weil ich für mich selbst nie das Gefühl zulasse: So, ich setze mich jetzt mal hin und lasse alles laufen.

Konnten Sie das noch nie?

Nicht, seit ich in dieser Art von Funktion bin. Dafür dreht sich im Fußball einfach alles zu schnell. Es gibt bestimmt Kollegen von mir, die das besser können.

Was hat der VfL in der vergangenen Saison besser gemacht als in den beiden Spielzeiten davor?

Das können Sie vermutlich besser beurteilen als ich, ich bin ja erst ein Jahr hier. Was ich sagen kann, ist: Wir arbeiten relativ ruhig, relativ strukturiert – und waren damit erfolgreich. Die Menschen hier in Wolfsburg sind dankbar dafür und registrieren durchaus, dass sich etwas gedreht hat. Spielerisch ist es schnell gelungen, wichtige Dinge umzusetzen. Dass wir mit sieben Punkten gestartet waren, hat dann schon sehr geholfen, weil es schnell für mehr Vertrauen ins eigene Spiel gesorgt hat.

Hat der VfL mit Platz sechs das Optimale herausgeholt?


Wenn man die Ausgangssituation sieht, dass wir vorher zweimal Relegation gespielt haben, kann die Antwort nur „Ja“ sein. Aber der Mensch ist ja so, dass er immer nur danach guckt, was noch besser hätte sein können – und dann siehst du natürlich auch die Spiele, in denen du etwas liegengelassen hast. Das geht wahrscheinlich jedem Verein so.

Ist der Bereich rund um Platz sechs das Level, auf den sich der VfL einpendeln sollte?

Ich glaube, dass dieser Bereich zwischen Platz vier und Platz zehn oder acht sein kann.

In der abgelaufenen Saison wäre wahrscheinlich keiner weinend aus dem Stadion gerannt, wenn es am Ende Platz acht oder Platz neun gewesen wäre...

...sind Sie da sicher?

Schon. Sie nicht?

Ich wäre da zumindest vorsichtig. Wir hatten natürlich vor der Saison bescheidenere Erwartungen, das stimmt. Aber wie sehr sich Erwartungen verändern können, hat man gerade in Mönchengladbach gesehen. Dort hätten alle vor der Saison Platz fünf unterschrieben – und dann kam die Phase, in der sie Zweiter waren, plötzlich als Konkurrent für Bayern und Dortmund galten. Gefühlt ist dann am Ende der fünfte Platz eine Enttäuschung, und ein über Jahre herausragender Spieler wie Thorgan Hazard wird sogar bei seiner Auswechslung ausgepfiffen. Ansprüche ändern sich, der Umgang mit bestimmten Themen dadurch auch, das ist leider so.

VfL Wolfsburg: Die Top-Fakten der Saison 2018/19

VfL Wolfsburg: Die Zahlen Zur Galerie
VfL Wolfsburg: Die Zahlen ©

Welche Erkenntnis folgt daraus für Sie?

Lass dich nicht treiben, lass dich nicht in die Irre führen. Nicht von den Medien, nicht von den Menschen, die die Dinge eher mit Fan-Denken und Fan-Herz betrachten.

Sie sind eh keiner, der sich treiben ließe...

Das stimmt. Aber wenn alle um einen herum verrückt spielen, dann wird es schwieriger – und manchmal kannst du da nicht mehr gegensteuern.

Passt die Saisonbilanz des VfL zu den Ansprüchen von VW?

Nach meinem Eindruck schon. Zum einen ist VW zufrieden, weil es bei uns nicht brannte und sie darum nicht eingreifen mussten. Und zum anderen war es die prognostizierte ruhige Saison – mit dem I-Tüpfelchen Europa.

Weckt das bei VW Begehrlichkeiten? In den vergangenen Jahren war der übergroße Ehrgeiz der VfL-Mutter durchaus immer mal wieder ein Problem.

Ich glaube, dass man uns bei VW sehr gut zuhört und unsere Einschätzungen nachvollziehen kann. Dafür bin ich sehr dankbar. Keiner fabuliert Fantasieziele und sagt mir: Jetzt setz’ das mal um. Es ist schon allen klar, dass es dauern kann, bis es ein bisschen wächst.

Wie schwer ist es jetzt, nach einer unerwartet guten Saison eine weitere gute Saison folgen zu lassen?

Wenn die Mannschaft den Drive beibehält und weiterhin weiß, dass man arbeiten muss um Ziele zu erreichen, bin ich da guter Dinge. Es wird neue Einflüsse durch das neue Trainerteam geben, das könnte etwas Zeit brauchen, das muss man einkalkulieren.

Der VfL wäre nicht der erste Klub, der in Schwierigkeiten kommt, weil er drei Wettbewerbe zu spielen hat.

Das muss aber nicht so kommen. Drei Wettbewerbe sind dann ein Problem, wenn du mitten in der Saison Grundsätzliches ändern musst – denn dafür hast du in den englischen Wochen keine Zeit.

Also sollte es – etwa bei der taktischen Grundausrichtung – sehr früh einen guten Plan geben?

Im Idealfall ist das so, ja.

Gehört dazu auch, möglichst schnell alle Neuzugänge beisammen zu haben?

Da die Basis stimmt und wir an diesem Kader nicht mehr so viel verändern müssen, ist der Zeitpunkt da jetzt nicht so entscheidend.

Zwei Neuzugänge stehen schon fest, reden wir jetzt eher über zwei oder eher über fünf weitere Neue?

Eher über zwei. Wir haben ja immer noch einen Kader, der zu groß ist. Und da muss ich auch mal sagen, dass ich ein bisschen stolz darauf bin, dass wir mit diesem großen Kader ohne viel Theater durch die vergangene Saison gekommen sind. Das ist nicht selbstverständlich und lag wohl auch daran, dass es sportlich gut lief. Aber das wird nicht auf mehrere Saisons übertragbar sein.

VfL-Manager Jörg Schmadtke (r.) im Gespräch mit Engelbert Hensel (l.) und Andreas Pahlmann.
VfL-Manager Jörg Schmadtke (r.) im Gespräch mit Engelbert Hensel (l.) und Andreas Pahlmann. ©

Können Sie verstehen, dass sich viele Leute immer noch fragen, warum es mit Bruno Labbadia in Wolfsburg nicht weitergeht?

Erst einmal sollten wir festhalten, dass es die Entscheidung von Bruno Labbadia war, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Ich höre immer noch Sachen wie „Er wurde entlassen“ – das stimmt einfach nicht.

Es kam der Eindruck auf, er sei damit nur einer Entscheidung des Vereins zuvorgekommen.

Ja, ich akzeptiere, dass man diesen Eindruck haben kann. Aber es war nicht so. Unsere Ausgangslage war: Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen, müssen wir ein paar grundsätzliche Dinge besprechen und uns einig darüber sein, wie es weitergehen soll. Dem ist er zuvorgekommen – weil er sich verändern wollte.

Hätten Sie denn mit Labbadia unter bestimmten Bedingungen weitermachen wollen?

Ja. Ich habe immer gesagt, wir werden eine ergebnisoffene Diskussion führen. Dass das keiner geglaubt hat...

...lag auch am zeitlichen Ablauf. Dass man erst im April über einen auslaufenden Trainervertrag reden will, ist schon ungewöhnlich.

Ja, aber das war sein Wunsch. Den haben wir respektiert – und ihn damit auch in seinen Belangen unterstützt.

Hatten Sie irgendwann einmal das Gefühl, dass Labbadias Abschieds-Ankündigung den Saisonerfolg gefährdet?

Nein. Weil ich nie den Eindruck hatte, dass das die Mannschaft auch nur annähernd in Unruhe versetzt.

Haben Sie dafür mit der Mannschaft reden müssen?

Ich war in dieser Saison nicht einmal bei der Mannschaft, um eine Grundsatzansprache zu halten. Das war einfach nicht nötig. Normalerweise hast du in jeder Saison ein- oder zweimal das Gefühl, mal dazwischengehen zu müssen. Aber ich habe unsere Saisonziele nie gefährdet gesehen. Auch in der Winterpause nicht, als es kritische Stimmen gab, weil wir auf Neuzugänge verzichtet haben.

Externe oder VfL-interne Stimmen?

Beides.

War der Verzicht auf Winter-Neuzugänge eine wirtschaftliche oder sportliche Entscheidung?

Sowohl als auch. Wirtschaftlich war es nicht möglich, und weil wir mit 28 Punkten in die Winterpause gegangen sind, war es sportlich nicht nötig.

Ballkontakte, Einwechslungen, Tore: Die Saison-Ranglisten des VfL Wolfsburg

Die VfL-Rankings zum Durchklicken Zur Galerie
Die VfL-Rankings zum Durchklicken ©

Aber der Trainer hätte schon gern neue Spieler gehabt.

Ja. Aber er ist mit dem Kader, den er hatte, dennoch sehr gut zurande gekommen.

Was haben Sie zu ihm gesagt, als Sie ihn vor dem Augsburg-Spiel verabschiedet haben.

Ich habe mich bedankt und ich habe ihm alles Gute gewünscht.

Wurde aus Ihrer Sicht das Thema „Schmadtke und Labbadia mögen sich nicht“ zu sehr aufgebauscht?

Das kann sein, aber für mich ist vor allem wichtig, dass ich das schon trennen kann, die persönliche Ebene und den beruflichen Umgang.

Aber andere in Ihrer Branche drücken sich dann diplomatischer aus – und wenn Sie offen sagen, dass bei Ihnen die Chemie nicht stimmt, fällt das eben auf.

Aber dafür kann ich ja nichts. Am Ende wird es mein Problem, weil es andere anders machen und ich auffalle. So ist das eben.

Befeuert wurde die Diskussion um Labbadia auch, weil recht früh der Name Oliver Glasner auftauchte...

Oliver Glasner kenne ich seit zwei Jahren als Trainer, weil ich persönliche Kontakte nach Linz habe. Aber als sein Name Anfang des Jahres hier in den Medien auftauchte, war ich total überrascht. Denn die Frage, ob er vielleicht bei uns Trainer wird, stellte sich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht.

Was sprach am Ende für ihn?

Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, wie er Fußball sieht und versteht. Marcel Schäfer und ich hatten ein Treffen mit ihm einen Tag nachdem wir mit einem anderen Kandidaten gesprochen hatten. Und dieses Treffen war schon gut. Und mit Oliver Glasner haben wir uns dann viereinhalb Stunden am Stück nur über das Spiel an sich unterhalten. Das war extrem intensiv, und hinterher wussten wir: Das ist der richtige für uns.

Und wie lässt er spielen?

Er hat klare Vorstellungen davon, wie er spielen will, was die Mannschaft mit dem Ball machen soll und wie sie es durch rechtzeitige Positionierung vermeidet, nach Ballverlusten Probleme zu bekommen. Aber wenn ich das jetzt alles aufzähle, wecken wir vielleicht Erwartungen, die wir dann aus welchen Gründen auch immer doch nicht erfüllen können. Klar ist: Wir werden vieles sehr schnell umsetzen müssen. Denn der sechste Platz und das 8:1 haben die Erwartungen größer werden lassen. Das ist allen bewusst.

Schmidt und Co.: So schnell waren Labbadias Vorgänger beim VfL wieder weg

Die Amtszeiten der VfL-Trainer Zur Galerie
Die Amtszeiten der VfL-Trainer ©
Mehr zum VfL Wolfsburg

Was das VfL-Spiel noch gebrauchen könnte, wäre etwas mehr Tempo...

Tempo wird nicht nur immer wichtiger, Tempo ist immer mehr entscheidend. Ich habe mich anlässlich des A-Jugend-Spiels gegen Stuttgart mit DFB-Trainer Guido Streichsbier unterhalten. Wir haben uns gefragt: Sah der Fußball zu unserer Zeit auch schon so aus? Und die Antwort war: Nein. Bei uns musste der erste Ballkontakt nicht perfekt sein, weil wir immer noch einen zweiten oder dritten hatten, um den Ball zu kontrollieren. Diese Zeit und diesen Raum hast du heute nicht mehr, weil das Spiel und die Spieler immer schneller geworden sind. Wenn du diese Fähigkeiten in deiner Mannschaft hast, macht das den Unterschied aus. Deshalb kommst du heute an Tempo, Passschärfe und der Fähigkeit zum guten ersten Kontakt nicht mehr vorbei. Das sind entscheidende Kriterien, die am Ende die Qualität des Fußballs ausmachen.

Wann werden Sie ein Saisonziel benennen?

Vielleicht gar nicht. Wir sind gut beraten, die Dinge erst einmal anlaufen zu lassen. Die Idee ist schon, uns auf diesem hohen Niveau zu stabilisieren. Aber ich bin grundsätzlich kein Freund davon, irgendetwas öffentlich zu formulieren. Intern müssen wir uns im Klaren darüber sein, wo es hingehen soll und dass wir alles, was möglich ist, mitnehmen wollen, jeden Krümel einsammeln, nichts fahrlässig herschenken. Aber wir müssen das nicht nach Außen tragen, das wäre nur Nährboden für Enttäuschungen.