11. Dezember 2019 / 12:36 Uhr

Tottenham-Trainer José Mourinho wie verwandelt: Charme-Offensive mit Fragezeichen

Tottenham-Trainer José Mourinho wie verwandelt: Charme-Offensive mit Fragezeichen

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ist mit vier Siegen aus fünf Pflichtspielen gut in seinen neuen Trainer-Job bei Tottenham Hotspur gestartet: José Mourinho.
Ist mit vier Siegen aus fünf Pflichtspielen gut in seinen neuen Trainer-Job bei Tottenham Hotspur gestartet: José Mourinho. © imago images/Paul Marriott
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Seit seiner Ankunft bei Tottenham Hotspur zeigt sich Trainer José Mourinho ungewohnt bescheiden und selbstreflektiert. Der Erfolg gibt "The Special One" mit vier Siegen aus fünf Pflichtspielen recht. Doch es kommen erste Zweifel aus, wie echt der Wandel von Mourinho wirklich ist.

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Ganz egal, wohin die Beziehung zwischen José Mourinho und Tottenham Hotspur führen wird – der 15 Jahre alte Callum Hynes wird immer diese besonderen Erinnerungen an den Trainer aus Portugal haben. Bei der Champions-League-Partie gegen Olympiakos Piräus vor zwei Wochen leitete der Balljunge mit seiner Handlungsschnelligkeit das 2:2 durch Harry Kane ein und hatte damit seinen Anteil daran, dass die Nordlondoner 4:2 gewannen und sich schon vor dem finalen Gruppenspiel an diesem Mittwoch beim FC Bayern wie auch die Münchner den Achtelfinal-Einzug sicherten.

Mourinho erklärte den Balljungen danach öffentlich zum Helden und lud ihn vor dem folgenden Spiel in der Premier League gegen Bournemouth (3:2) zum Mittagessen mit der Mannschaft ein. Der Coach produzierte damit eine Geschichte, die das Herz erwärmt – und so gar nicht zum Bild des arroganten und egozentrischen Misanthropen passt, das man in England spätestens seit seinem Aus bei Manchester United vor einem Jahr von Mourinho hatte.

"The Special One" - Das ist die Trainer-Karriere von José Mourinho in Bildern

Die erste Station von José Mourinho als Co-Trainer im Profibereich war der portugiesische Klub CF Estrela Amadora. Nach einem Jahr an der Westküste der iberischen Halbinsel ging es über die AD Ovarense zu den ersten namhaften Vereinen. Von Sporting Lissabon, über den FC Porto zog es The Special One dann zur ersten Größe außerhalb Portugals - und was für einer! An der Seite vom Engländer Sir Bobby Robson und später Louis van Gaal leitete er die Geschicke beim großen FC Barcelona. Und das mit Erfolg: In der Zeit von 1996 bis 2000 gewannen die Katalanen zwei Mal die Copa del Rey, zwei Mal die Meisterschaft und sogar den Europapokal der Pokalsieger.  Zur Galerie
Die erste Station von José Mourinho als Co-Trainer im Profibereich war der portugiesische Klub CF Estrela Amadora. Nach einem Jahr an der Westküste der iberischen Halbinsel ging es über die AD Ovarense zu den ersten namhaften Vereinen. Von Sporting Lissabon, über den FC Porto zog es "The Special One" dann zur ersten Größe außerhalb Portugals - und was für einer! An der Seite vom Engländer Sir Bobby Robson und später Louis van Gaal leitete er die Geschicke beim großen FC Barcelona. Und das mit Erfolg: In der Zeit von 1996 bis 2000 gewannen die Katalanen zwei Mal die Copa del Rey, zwei Mal die Meisterschaft und sogar den Europapokal der Pokalsieger.  ©
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Mourinho lobt Umstände und spricht über Zusammenarbeit mit Jung-Profis

Der 56 Jahre alte Trainer ist seit seinem Amtsantritt bei Tottenham vor drei Wochen gleich in mehrfacher Mission unterwegs. Er soll dem kriselnden Klub auch in dieser Saison die Qualifikation zur Champions League bringen und ihm mittelfristig Titel und Pokale bescheren. Gleichzeitig geht es ihm darum, seine eigene Reputation wieder herzustellen. Zu diesem Zweck fährt Mourinho eine Charme-Offensive, wie sie der englische Fußball selten erlebt hat.

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Er preist seine Spieler, sogar von Liebe ist die Rede, lobt seinen Vorgänger Mauricio Pochettino, die Schiedsrichter und sogar den Komfort der klubeigenen Schlafgemächer (“riesige Kissen, teure Bettdecken – so gut”). Besonders auffällig ist, mit welcher Hingabe er über die Zusammenarbeit mit jungen Profis spricht. Bisher galt der Portugiese als Trainer, der den Nachwuchs konsequent ignoriert und lieber auf ihm treu ergebene Routiniers setzt.

Presse zweifelt an Mourinhos Wandel: Auch bei vorherigen Stationen gut gelaunt begonnen

Der neue Mourinho gibt sich entspannt, selbstkritisch und bescheiden, doch es drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei seiner Verwandlung um eine riesige PR-Aktion in eigener Sache handelt. Tottenhams Fans beobachten den Neuankömmling mit Vergangenheit beim Stadtrivalen FC Chelsea argwöhnisch, die englische Presse versieht ihre aktuellen Studien über den Portugiesen mit der Einschränkung, dass er auch bei vorherigen Stationen gut gelaunt angefangen hatte, bevor er am Ende atmosphärische Trümmerfelder hinterließ. Ob er sich wirklich geändert hat, wird sich dann zeigen, wenn ihm der notorisch sparsame Klubchef Daniel Levy zum ersten Mal einen Transfer-Wunsch verweigert.

So ganz kann auch der neue Mourinho die größenwahnsinnige Version seiner selbst nicht verbergen. Als er bei seinem Einstand auf Tottenhams Niederlage im Champions-League-Finale im Frühjahr gegen den FC Liverpool angesprochen wurde, antwortete er, dass er die Situation nicht nachempfinden könne – schließlich habe er seine beiden Königsklassen-Endspiele gewonnen, 2004 mit Porto gegen Monaco, 2010 mit Inter Mailand gegen den FC Bayern.

Gute Resultate gegen Mourinho Recht

Im Grunde folgt Mourinhos Charme-Attacke konsequent seiner Logik, dass er alles für den schnellen Erfolg tut. Die Ergebnisse geben ihm bislang Recht. In fünf Spielen unter seiner Regie holten die Spurs vier Siege. Im Vergleich zu Pochettino hat der neue Trainer nur kleinere Änderungen vorgenommen. Neben den schon vorher gesetzten Harry Kane und Heung-min Son sprach Mourinho in der Offensive Dele Alli und Lucas Moura das Vertrauen aus. Sie sind die größten Gewinner des Trainerwechsels.

Vor allem Allis Aufblühen deutet an, dass Mourinho immer noch über eine gewisse Magie bei der Menschenführung verfügt. Gleich nach seinem Amtsantritt fragte er das in der Stagnation begriffene Supertalent, ob er Dele Alli sei oder sein Bruder. “Dann spiel auch wie Dele”, appellierte Mourinho. Mit der Degradierung des wechselwilligen Christian Eriksen zum Ersatzspieler stellte der Trainer außerdem früh seine Macht unter Beweis.

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Tottenham unter Mourinho erstaunlich unterhaltsam

Die Vorstellungen von Mourinhos Tottenham sind erstaunlich unterhaltsam, mit vielen Toren an beiden Enden des Rasens. Beim 5:0 am Wochenende gegen Burnley, unter anderem durch ein sensationelles Solo-Tor durch Son, blieben die Spurs zum ersten Mal unter dem als Defensiv-Fanatiker bekannten Trainer ohne Gegentor. Es war die ideale Vorbereitung auf die Reise zum FC Bayern, gegen den es im Hinspiel bekanntlich ein 2:7 gesetzt hatte. Weil beide Mannschaften schon im Achtelfinale stehen, wird Mourinho in München eine stark verjüngte Elf aufbieten. Der 15 Jahre alte Balljunge Callum Hynes ist allerdings nicht dabei.

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