29. Juni 2020 / 13:07 Uhr

Jüdische Sportgeschichte in Leipzig: Vor 90 Jahren wurde der Jüdat gegründet

Jüdische Sportgeschichte in Leipzig: Vor 90 Jahren wurde der Jüdat gegründet

Yuval Rubovitch
Leipziger Volkszeitung
Am 1. April 1933 organisierte die NSdAP einen Judenboykott in ganz Deutschland.
Am 1. April 1933 organisierte die NSdAP einen Judenboykott in ganz Deutschland. Am Vorabend löste sich der Jüdat selbst auf. © Repro/LVZ-Bildarchiv
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Nicht einmal drei Jahre lang existierte der Jüdat, der Jüdische Arbeiter-Turn- und Sportverein Leipzig, der in der Südvorstadt zu Hause war. Zwei Monate vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten war das lang ersehnte eigene Vereinsheim fertig.

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Leipzig. Bevor die Nationalsozialisten das reichhaltige jüdische Leben in Leipzig durch Verfolgung und Ermordung zerstörten, existierten auch mehrere jüdische Sportvereine in der Messestadt. Jährliche Gedenkveranstaltungen erinnern noch heute an den Fußballclub SK Bar Kochba. Weniger bekannt ist der Jüdischer Arbeiter-Turn- und Sportverein (Jüdat). Vor genau 90 Jahren, am 28. Juni 1930, wurde dieser bei einer großen Turngala im "Metropol", dem Gebäude der heutigen „Skala“, gegründet.

"Überparteiische proletarische Klassenorganisation"

Schwimmen, Leichtathletik, Fußball, Handball und Turnen waren die ersten Abteilungen des Jüdat. Auf dem Vorwärts-Sportpark im Connewitzer Wald fanden zunächst Übungsabende statt, kurz darauf zog der Verein auf den Sportplatz an den Bauernwiesen am Fuße des heutigen Fockebergs in die Leipziger Südvorstadt um.

Von Beginn an nahm der Verein lebhaft an Aktivitäten des Arbeitersports teil, der als sozialdemokratische Alternative zu den bürgerlichen Leibesertüchtigungen die Massen anzog. Die Jüdat-Mitglieder waren im Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) organisiert, reisten zu Wettkämpfen, Punktspielen, regionalen und überregionalen Meisterschaften.

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Auf einer Generalversammlung im Februar 1931 wurde ein Grundsatzprogramm schriftlich festgelegt. Darin hieß es: „Der Jüdat ist eine überparteiische proletarische Klassenorganisation, die parteipolitisch nicht gebunden ist. Mit dem Beitritt zum Verein ist nicht der Eintritt in eine politische Partei verbunden, noch wird dies verlangt. In unseren Reihen hat jeder, der unser Statut anerkennt, Platz.“ Der Verein war auch keinesfalls zionistisch ausgerichtet, jedoch definierte er sich auch nicht explizit als anti-zionistisch.

Eigenes Vereinsheim kurz vor Machtergreifung

Nach wenigen Monaten zählte der Jüdat bereits 200 Mitglieder, fast alle waren auch aktive Sportler. Die Jugendarbeit war dabei eine zentrale Aufgabe. Das Jugendhaus der sozialistischen jüdischen Jugend befand sich in der ehemaligen Töpferstraße 3 unweit des Richard-Wagner-Platzes. Heimabende des Vereins fanden bis November 1932 dort statt. Als Turnhalle wurde die der heutigen Lessing-Grundschule in der Lessingstraße genutzt - die damals eine Frauenberufsschule war. Handball und Fußball wurden indes auf der Bauernwiese gespielt, Schwimmen und Wasserball übte man im Stadtbad aus. Die Schachabteilung spielte bis November 1932 im Lokal der jüdischen Arbeitergemeinschaft am Ranstädter Steinweg 21.

Zwei Monate vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 war das so lange ersehnte eigene Vereinsheim des Jüdat auch endlich gebaut und konnte in der Ritterstraße 7 in der Leipziger Innenstadt eingeweiht werden. Am 10. Dezember 1933 fand dort die erste Mitgliederversammlung des Jüdat statt. In den folgenden Monaten wurden im Vereinsheim vor allem Schach und Tischtennis gespielt sowie Vorträge für die Vereinsjugend gehalten.

Selbstauflösung am 31. März 1933

Noch im Februar und März 1933 versuchte der Verein seine Arbeit irgendwie weiterzuführen. Am 17. März berichtete der Verein über die schließlich letzte Mitgliederversammlung im Vereinsheim, über ein Spiel der zweiten Fußballmannschaft und der Frauenhandballmannschaft sowie über die nächsten Begegnungen der Tischtennisabteilung. Der Atem reichte noch bis zum 12. Mai 1933. An diesem Tag ließen die Nationalsozialisten die überwiegende Mehrheit der noch existierenden 6886 Arbeitersportvereine in Deutschland verbieten und zwangsauflösen. Am 25. März war bereits die Bundesschule und Geschäftsstelle des ATSB in der Fichtestraße in Leipzig durch SA-Einheiten überfallen und besetzt worden.

Der Sportplatz des Jüdat lag ganz in der Nähe der Galopprennbahn Scheibenholz (oben).
Der Sportplatz des Jüdat lag ganz in der Nähe der Galopprennbahn Scheibenholz (oben). © Google Maps
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Zu den letzten registrierten Lebenszeichen des Jüdat im Gemeindeblatt der Leipziger israelitischen Religionsgemeinde gehört ein Bericht über den Sieg der Tischtennisabteilung gegen den Bezirksmeister „Eiche“ am 30. März und Siege der drei Fußballmannschaften. Laut Vereinsmitglied Moritz Zollmann löste sich der Jüdat am 31. März 1933 selbst auf, „weil die Mitglieder dem Verein die Gefolgschaft versagten“. Das sagte Zollmann den Polizeibeamten, die am 9. Mai seinen Bruder Rudolf, den letzten Vorsitzenden des Jüdat, in der Wohnung in der Berliner Straße aufsuchen wollten, um das Vermögen des Vereins einzuziehen.

Rudolf hatte sich zu diesem Zeitpunkt zum Glück bereits in Sicherheit gebracht. Mit Verfügung des Polizeipräsidiums Leipzig vom 23. Mai 1933 war der Verein auch offiziell aufgelöst. Moritz Zollmann wurde am 19. Mai 1934 in „Schutzhaft“ genommen und kam ins Zuchthaus nach Zwickau. 1937 gelang ihm die Flucht nach Frankreich wo er erneut verhaftet und dann nach Auschwitz deportiert wurde. Der letzte Vorsitzende des jüdischen Sportvereins Jüdat wurde 1942 im Alter von 30 Jahren im Konzentrationslager ermordet.

Das Buch "Mit Sportgeist gegen die Entrechtung - Die Geschichte des jüdischen Sportvereins Bar Kochba Leipzig" von Yuval Rubovitch erscheint im August 2020 im Verlag Hentrcih & Hentrich. Die hier niedergeschriebenen Informationen zum Jüdat stammen aus diesem Buch.