27. April 2020 / 22:24 Uhr

Judo: Berliner hilft französischem Superstar Teddy Riner auf die Sprünge

Judo: Berliner hilft französischem Superstar Teddy Riner auf die Sprünge

Ronny Müller
Märkische Allgemeine Zeitung
Judo: Nico Kanning und Teddy Riner privat
Teddy Riner (r.) legt Nico Kanning serienweise aufs Kreuz. © privat
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Der Berliner Nico Kanning will dem besten Judoka der Welt zum dritten Olympia-Gold verhelfen

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Teddy Riner ist der populärste Sportler Frankreichs. Der Judoka ist zweifacher Olympiasieger und zehnfacher Weltmeister. 2016 durfte der Schwergewichtler bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele die französische Fahne tragen. Der 31-Jährige ist beliebter als die französischen Fußball-Weltmeister. Überhaupt hat Judo einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Riner kämpft für die Judo-Abteilung von Paris St. Germain. Die Fußballer des Clubs gehören zu den besten in Europa. Es heißt, der brasilianische Superstar Neymar ist ein Fan von Riner – nicht andersherum. Wenn Teddy Riner zu den Spielen der PSG-Kicker geht, dann sitzt rechts neben ihm schon mal Nationaltrainer Didier Deschamps und links neben ihm Nico Kanning.

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Der Berliner ist seit elf Jahren an Riners Seite. Kanning ist eines der wichtigsten Puzzlestücke im System Riner. Der 36-Jährige ist Sparringspartner im Training, Gegnerimitator, Motivator und Freund. Egal ob Heimtraining, Trainingslager oder Wettkämpfe – Kanning ist immer dabei. „Im Januar und Februar waren wir fünf Wochen zusammen unterwegs“, erzählt Kanning. „Wir sehen uns öfter als unsere Familien.“

Einsätze für Rugby-Nationalmannschaft

So eine Geschichte hätte sich Kanning niemals erträumt, als er 2009 von Berlin nach Paris zog. Damals beendete er seine Judokarriere und wollte bei seiner Freundin leben. Lucie Louette war Europameisterin und viermal französische Meisterin, mittlerweile haben sie Tochter Lisa (knapp 3) und Sohn Louis (15 Monate). Nico Kanning war immerhin deutscher Vizemeister. In Paris trainierte er nur noch ein, zwei mal pro Woche Judo. Stattdessen spielte er als Quereinsteiger halbprofessionell Rugby, lief sogar für die deutsche Nationalmannschaft auf. Mit dem leistungsorientierten Judo hatte er jedenfalls abgeschlossen.

Bis er dem Trainer von Teddy Riner auffiel. „Teddy war damals schon viermal Weltmeister. Er hatte keine Partner im Randori“, erzählt Kanning. Wer will sich in den Trainingswettkämpfen schon vom besten Judoka der Welt, 2,04 Meter groß und 150 Kilogramm schwer, vermöbeln lassen. Kanning überlegte. „Ich war zwar nur da, um zu fallen. Aber das war eine einmalige Chance, die konnte ich mir nicht entgehen lassen.“ Zunächst machten Riner und Kanning zweimal wöchentlich Techniktraining. „Aber es hat so gut funktioniert, dass er mich ab 2014 immer dabei haben wollte.“ Seitdem sind sie unzertrennlich.


Judo: Nico Kanning und Teddy Riner privat
Teddy Riner (l.) und Nico Kanning verbringen mehr Zeit zusammen als mit den Familien. © privat

Auch wenn es der lebenden Wurfpuppe manchmal wehtut. In den Trainingswettkämpfen wird 120-Kilo-Mann Kanning bis zu 70 Mal pro Einheit geworfen. „Das ist jedes mal wie ein Block im Rugby.“ Er hat den Superstar auch schon selbst aufs Kreuz gelegt. „Aber dann muss ich damit rechnen, dass ich es doppelt und dreifach zurückkriege.“ Riner sei ein Spaßvogel und ein feiner Kerl. Aber verlieren kann er nicht. „Egal ob Uno, Fußball oder Songraten. Er ist absolut ehrgeizig, er will immer gewinnen.“ Deshalb konnte Kanning gut mitfühlen, als Riner im Februar beim Heim-Grand-Slam in Paris nach neun Jahren und 154 Kämpfen erstmals wieder verlor. „Ich habe mit ihm gelitten und habe mich gefragt, ob ich in der Vorbereitung alles richtig gemacht habe, ob ich fit genug war.“

Kanning macht alle Trainingseinheiten mit. In Bergläufen kann er seinen Meister sogar regelmäßig bezwingen. „Mein Wettkampf ist die Trainingseinheit. Wenn ich nicht fit bin, kann ich nicht dagegenhalten und Teddy nicht helfen.“ Dann wäre Randori sogar gefährlich. „Ich könnte mich verletzen.“ Kanning, sozusagen ein Trainingsweltmeister, könnte dank des Alltags mit dem Weltmeister sogar noch selbst kämpfen. „Für die Weltspitze würde es aber nicht mehr reichen.“

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Teddy Riner (l.) und Nico Kanning 2017 beim Champions-League-Spiel Paris St. Germain gegen Bayern München (3:0). Im Hintergrund Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß (r.). © imago

Stattdessen liebäugelt Kanning, der in Paris bereits einen Judoclub gegründet hat, mit einer Zukunft als Trainer. „Ich sehe es als Ausbildung und versuche alles an Infos von den Trainern aufzunehmen. Ich kenne Teddys Abläufe in- und auswendig. Wahnsinn, was ich in den Jahren gelernt habe.“ Kannings Expertise ist in der Vorbereitung auf Wettkämpfe schon jetzt sehr wichtig. Er schaut die Kämpfe der kommenden Kontrahenten im Internet an und imitiert ihren Kampfstil in der speziellen Vorbereitung. So muss er mal als Linksausleger und mal als Rechtsausleger auf die Matte. Und wenn etwa der Innenschenkelwurf Uchi Mata gegen die Linksauslage nicht klappt, ist der Sparringspartner schon mal als Psychologe gefragt. „Ich muss es dann auch mal zulassen, damit Teddy Selbstvertrauen bekommt. Natürlich so, dass er es nicht merkt. Wenn sich das Training dann im Wettkampf auszahlt, ist das natürlich schön.“

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Bei den Olympischen Spielen 2021 will Riner zum dritten Mal in Folge Gold holen. Mit Kannings Hilfe. Der Deutsche hofft, dass die coronabedingte Ausgangssperre bald gelockert wird und die beiden wieder zusammen trainieren können. Riner weiß die Unterstützung offenbar zu schätzen. „Er bedankt sich nach jeder Trainingseinheit. Wir haben eine freundschaftliche Basis, gehen aber nicht jeden Abend ins Restaurant.“ Bei Riners Prominenz würden sie wohl auch kaum in Ruhe zum Essen kommen.