10. Juni 2021 / 12:57 Uhr

Judo-WM: Scoccimarro verliert episches Achtelfinale, Zittern um Olympia

Judo-WM: Scoccimarro verliert episches Achtelfinale, Zittern um Olympia

Maik Schulze
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Bitter: Giovanna Scoccimarro verpasste  gegen die Australierin Aoife Coughlan bei der WM das Viertelfinale.
Bitter: Giovanna Scoccimarro verpasste  gegen die Australierin Aoife Coughlan bei der WM das Viertelfinale. © IJF
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Was für ein Drama! Bei der Judo-WM in Budapest verlor die Lessienerin Giovanna Scoccimarro ein episches Achtelfinale. Nach fast neun Minuten im Golden Score (ein regulärer Kampf dauert vier Minuten) unterlag sie mit 3:2 Bestrafungen der Australierin Aoife Coughlan. Was das für Olympia-Hoffnungen bedeutet, wird sich spätestens am 15. Juni zeigen, dann nominiert der Judobund die Starter und Starterinnen für Tokio.

Wenn im kommenden Monat in Tokio die Olympischen Spiele beginnen, dann darf pro Gewichtsklasse nur eine Starterin je Nation auf die Matte. In der Gewichtsklasse (bis 70 Kilogramm) ist Giovanna Scoccimarro seit Monaten die heißeste Anwärterin. Auch, weil sie im Vorjahr das Tokio-Ticket schon sicher hatte, ihre nationale Konkurrentin Miriam Butkereit (Glinde) hatte damals das Nachsehen. Doch dann kam Corona. Olympia wurde verschoben, der Quali-Zeitraum verlängert. Bis zu dieser Weltmeisterschaft in Ungarn.

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In der Quali-Rangliste für Olympia bleibt Scoccimarro, die mit 4803 Zählern und somit fast 1000 Punkten Vorsprung auf ihre nationale Konkurrentin Miriam Butkereit (3821) in die WM gegangen war, auch nach Budapest weiter vor der Glinderin. Für das Erreichen des Achtelfinals bekommt die Lessienerin 320 Punkte aufs Konto gutgeschrieben.

Deshalb konnte Butkereit, die am späten Nachmittag noch um Bronze gegen Sanne van Dijke (Niederlande) kämpfte und deutlich verlor, in der Rangliste die Lessienerin nicht mehr einholen. Die Glinderin bekam für Platz fünf 720 Punkte, machte als letztlich nur 400 Punkte auf Scoccimarro gut.

Die Frage ist nun: Was gibt bei der Tokio-Nominierung letztlich den Ausschlag: Die Olympia-Rangliste, die den den kontinuierlichen Verlauf und Leistungsstand der vergangenen Jahre widerspiegelt oder der allerletzte Eindruck bei der WM, nur wenige Wochen vorm Olympiastart? Frauen-Bundestrainer Claudiu Pusa betonte bereits im April, dass er jene Athletin nach Tokio schicken werde, „die die beste Chance auf eine Medaille hat“.

Edelmetall? Butkereit hat in ihrer Vita bei den großen Turnieren (Grand Slam, WM, Master) dreimal Silber und einmal Bronze geholt (allesamt Grand Slam-Medaillen). Scoccimarro wurde Juniorinnen-Weltmeisterin, holte auf Grand Slams zweimal Silber und dreimal Bronze. Doch am schwersten dürfte Bronze beim Masters Anfang des Jahres wiegen. Der dritte Platz war ein echtes Ausrufezeichen. In den kommenden Tagen muss die Entscheidung her. Der Judobund nominiert am 15. Juni.

Die WM begann für Scoccimarro am vergangenen Montag mit der Anreise, am Dienstag und Mittwoch schnupperte sie bereits die Atmosphäre in der Papp László Budapest Sportaréna. Mit seiner maximalen Zuschauerkapazität von 15.000 Plätzen ist sie die größte Sport- und Veranstaltungshalle des Landes.Voll besetzt war die Halle Corona-bedingt nicht, "aber ein paar Zuschauer sind auch vor Ort", berichtet die 23-Jährige. Und die sorgten für Stimmung, vor allem wenn die Lokalmatadoren und Lokalmatadorinnen an der Reihe waren. Was Sccocimarro besonders gefällt: "Die Aufteilung der Matten ist wirklich cool."


Mehr über Giovanna Scoccimarro

Atmosphäre aufgesogen, aber die Auslosung ausgeblendet. Die Lessienerin blieb sich treu, sah sich erst am heutigen Wettkampftag das Tableau an, um im Vorfeld aufs Wesentliche fokussiert zu sein und sich nicht ablenken zu lassen.

Nach einem Freilos ging es für die an Nummer 5 Gesetzte dann heute gegen die Asienmeisterin Gulnoza Matniyazova (Usbekistan) los, gegen die sich Scoccimarro im Februar noch souverän beim Grand Slam in Tel Aviv (Israel) durchgesetzt hatte.

Aber diesmal war's ein Ritt auf der Rasierklinge. Die Lessienerin wirkte zwar aktiver, wurde aber dann von Matniyazova ausgekontert. Die Asienmeisterin hatte damit eine Wertung auf dem Scoreboard, Scoccimarro blieb knapp etwas über einer Minute, um den Rückstand zu korrigieren und nicht direkt aus der WM zu fliegen.

Und sie bewies Nerven, behielt die Ruhe und überrollte die Usbekin dann doch noch, feierte einen Ippon-Sieg. 41 Sekunden vor dem Ende. Die 23-Jährige atmete danach tief durch. Puh, das war knapp. Aber erfolgreich.

Im Achtelfinale gab es dann das Wiedersehen mit Aoife Coughlan. Gegen die Australierin gewann Scoccimarro im Januar beim Masters in Doha (Katar) Bronze im Golden Score. In Budapest ging's erneut in die Verlängerung - und die wurde episch.

Bis dahin hatte die mehrfache Ozeanien-Meisterin tapfer gegen Scoccimarros Wucht gekämpft, war mit einem Shido davongekommen. Den kassierte dann Scoccimarro im Golden Score. Alles wieder pari. 5:14 Minuten waren in der Verlängerung um, da gab's die zweite Bestrafung für die 23-Jährige, kurz darauf die zweite für Coughlan. Jetzt wurde es endgültig zum Drama, beide Kämpferinnen waren ausgepowert, suchten nach den letzten Kraftreserven. Dann kassierte die Lessienerin den dritten Shido, gleichbedeutend mit dem Aus. Nach 8:50 Minuten im Golden Score. Nach insgesamt 12:50 Minuten. Nach einer Kampfzeit, die für über drei Duelle gereicht hätte - und doch nur eines war. Eine bittere Niederlage für Scoccimarro.

Die WM geht in Budapest noch bis zum Sonntag weiter, aber die Lessienerin wird schon am morgigen Freitag wieder in den Flieger Richtung Heimat steigen. An der abschließenden Team-WM nimmt die 23-Jährige nicht teil. "Es wäre nur ein unnötiges Verletzungsrisiko vor Olympia", hatte sie im Vorfeld der WM gesagt. Sie will nach Tokio. 2020 wäre sie definitiv dabeigewesen. Verdient hätte sie es sich auch 2021.