04. Juni 2019 / 12:42 Uhr

"Identifikation fehlt": Jugendfördervereine haben es schwerer, Ehrenamtliche zu finden

"Identifikation fehlt": Jugendfördervereine haben es schwerer, Ehrenamtliche zu finden

Benno Seelhöfer
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Das Ehrenamt im Verein mache Spaß, doch es gebe zu viele Hindernisse für alle Klubs, meint Oliver Hanke.
Das Ehrenamt im Verein mache Spaß, doch es gebe zu viele Hindernisse für alle Klubs, meint Oliver Hanke. © Torben Niehs
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Oliver Hanke brennt für sein Ehrenamt beim JFV Boldecker Land. Doch Probleme bremsen ihn regelmäßig aus. Neben Eltern und Politik ist auch das Konstrukt "Jugendförderverein" für ihn eine Baustelle.

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Trainer, erster Vorsitzender, Jugendwart und, und, und: Die Frage, welche Aufgabe Oliver Hanke eigentlich im Jugendförderverein (JFV) Boldecker Land im Kreis Gifhorn hat, lässt sich am besten mit „Mädchen für alles“ beantworten. All das macht er ehrenamtlich. „Über das Geld, das ich in den Verein bringe, wollen wir gar nicht erst sprechen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Er macht all das, weil ihm die Arbeit mit Kindern so viel Spaß macht. „Man bekommt so viel von ihnen zurück. Ich habe das Team meines Sohnes acht, neun Jahre lang bis in die B-Jugend trainiert. Zu der gesamten Mannschaft habe ich heute ein freundschaftliches Verhältnis.“

Es sind diese Erfahrungen, die dem 48-Jährigen immer wieder über Ärger und Probleme hinweghelfen, die das Ehrenamt mit sich bringt. Und die sind vielschichtig: Fehlende Beachtung in der Politik, fehlendes Verständnis mancher Eltern und fehlender Trainer-Nachwuchs sind nur drei von vielen Problemen.

Hanke war gegen die JFV-Gründung

„Ich war lange gegen die Gründung dieses Vereins“, sagt Hanke über den JFV. Der reine Jugendfußball-Verein entstand 2012 als gemeinsames Projekt von sechs Fußballvereinen im Boldecker Land, seit der Spielzeit 2013/14 nimmt er am Spielbetrieb teil, 15 Teams sind gemeldet.

Weil der JFV sozusagen über den eigentlichen Vereinen schwebt, „haben wir jetzt die Probleme, die ich damals befürchtet habe: Die Identifikation mit dem JFV fehlt.“ Die Herrenmannschaften organisieren die sechs Vereine selbst, weil aber viele der kleinen Dorfvereine einige Jugendjahrgänge nicht mehr anbieten konnten, entschlossen sich die Klubs zur Kooperation. Und auch Hanke zog trotz seiner Bedenken mit, war von Anfang an Mitglied und ging in den Vorstand.

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Biniam Hadera kam vor fast 40 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Heute ist er Trainer und Sportlicher Leiter beim TSV Fortuna Sachsenross in Hannover. Der Verein engagiert sich stark in der Integration, hat aber eine marode Anlage. Unser Ascheplatz ist eine Katastrophe, sagt Hadera. (<a href=https://www.sportbuzzer.de/artikel/fortuna-sachsenross-hannover-amateurfussball-integration-sahlkamp-gabfaf/ target=_blank>mehr dazu</a>) Zur Galerie
Biniam Hadera kam vor fast 40 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Heute ist er Trainer und Sportlicher Leiter beim TSV Fortuna Sachsenross in Hannover. Der Verein engagiert sich stark in der Integration, hat aber eine marode Anlage. "Unser Ascheplatz ist eine Katastrophe", sagt Hadera. (mehr dazu) ©
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Seitdem engagiert sich Hanke, der schon seit 14 Jahren als Jugendtrainer aktiv ist, in vielen Bereichen des JFV. Und bekommt dementsprechend auch viele Probleme direkt mit.

Ein Ärgernis sei die fehlende Beachtung durch die Lokalpolitik. „Ich sage nicht, dass wir nicht unterstützt werden, aber andere Jugendarbeit bekommt deutlich mehr Aufmerksamkeit. Wir fühlen uns manchmal vergessen“, klagt der 48-Jährige. Anträge des JFV fänden kaum Beachtung, „auf manche bekommen wir keine Antwort“.

Ärger auch über Eltern

Anderer Punkt: „Ich glaube, viele Eltern wissen nicht, dass die Trainer bei uns kein Geld bekommen.“ Sie opfern Zeit für die Vorbereitung der Übungseinheiten, denn „man überlegt sich nicht erst auf dem Platz, was man beim Training macht.“ Kurzfristige Absagen, weil die Oma Geburtstag habe („Das weiß man doch nicht erst einen Tag vorher“), werfen dann unnötig die Planungen über den Haufen.

Die Schwierigkeiten, mit denen er und der JFV zu kämpfen haben, „haben wir aber nicht exklusiv“, sagt Hanke. Und deshalb habe er sich bei #GABFAF gemeldet.„Das geht vielen kleinen Vereinen so.“ Und dazu gehöre auch, Nachwuchs für die Vereinsarbeit zu gewinnen. „Vor allem bei den Trainern haben wir massive Nachwuchs-Probleme“, klagt Hanke: „Durch Schule, Studium oder die Ausbildung haben viele nicht die Zeit und wollen sich so eine Verantwortung nicht noch nebenbei aufbürden.“

In dieser Hinsicht müssten sich, so der Vorsitzende, auch die Vereine wandeln: „Jugendliche wollen heutzutage angesprochen werden.“ Sonst sei es schwer, Nachwuchs zu akquirieren. Denn zu Hause stehe mit E-Sports an der Konsole auch eine verlockende Konkurrenz zum Vereinssport parat.

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"Gefährliches Halbwissen"

Der langjährige Fußballtrainer sieht sich selbst für sein Amt mit einem „gefährlichen Halbwissen“ ausgestattet. Seine Aufgabenfelder sind vielseitig, gleichzeitig muss er alle Rechte und Pflichten eines Vereins kennen und kann für vieles haftbar gemacht werden.

Mit seiner Vereinsmanager-Lizenz sieht sich Hanke zwar einigermaßen, aber einfach nicht perfekt gewappnet. Letztlich seien die zwingenden Anforderungen fast schon zu viel für ein Hobby, ein Ehrenamt.

Trotz allem: Plädoyer fürs Ehrenamt

Dennoch würde er jedem eher zu- als abraten, sich in Vereinen zu engagieren, denn: „Man lernt im Ehrenamt viele nette Leute kennen. Und die Vereinsarbeit und das Vereinsleben sind so eminent wichtig für die Vermittlung gewisser Werte bei Jugendlichen und Erwachsenen.“ In diesem Wissen zu handeln, das treibt den 48-Jährigen an – trotz aller Probleme.

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Das "Grundgesetz" der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! © #GABFAF

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