18. März 2021 / 19:06 Uhr

Junger "Wandervogel": Wie der Grimmaer Max Keßler nach einer Odyssee bei Chemie Leipzig sein Glück fand

Junger "Wandervogel": Wie der Grimmaer Max Keßler nach einer Odyssee bei Chemie Leipzig sein Glück fand

Tom Rietzschel
Dresdner Neueste Nachrichten
Seit drei Jahren spielt Max Kessler inzwischen bei der BSG Chemie.
Seit drei Jahren spielt Max Kessler inzwischen bei der BSG Chemie. © Christian Donner
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Ein Leben lang für einen Verein, das ist für Max Keßler schon lange nicht mehr möglich. Trotz seiner erst 22 Jahre hat er schon so einige Clubwechsel auf dem Buckel. Seine Leidenschaft für's Kicken entdeckte er in Grimma. Sein Weg führte ihn unter anderem über den 1. FC Lok, RB Leipzig und den FC Erzgebirge Aue bis zur BSG Chemie. Hier ist er nun seit drei Jahren glücklich.

Grimma. Im Alter von 22 Jahren bereits bei sieben Vereinen gespielt zu haben, klingt nach einer bewegten Karriere. Diese war es beim Grimmaer Max Keßler auch, der vor allem in seiner Zeit als Jugendspieler schon einiges gesehen hat. In insgesamt fünf Nachwuchsleistungszentren gab er seine Visitenkarte ab, im Herrenbereich ist er seit drei Jahren beim Regionalligisten BSG Chemie Leipzig heimisch geworden. Doch der Fußball ist nicht das einzige, worauf beim Offensivspieler der Fokus liegt. Neben der Familie liegt ein ganz großer Schwerpunkt auf der Ausbildung als Bankkaufmann, welche er bei der Raiffeisenbank Grimma absolviert.

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Im Alter von vier Jahren begann Max Keßler bei den Bambini des SV 1919 Grimma, dem runden Leder nachzujagen. Unter der Leitung von Mario Banko und Lutz Weyde machte er die ersten Schritte auf dem grünen Rasen. Schon recht früh realisierte man, dass man ein außergewöhnliches Talent in den eigenen Reihen hatte. „Bereits im Kindesalter hat er sowohl im Training als auch im Wettkampf immer alles aus sich herausgeholt. Frühzeitig war daher schon zu erkennen, dass es Max bei konsequenter Förderung fußballerisch weit bringen könnte“, erinnert sich Trainer Lutz Weyde, der bis heute für die Bambini des FC Grimma verantwortlich ist.

„Max war damals unser bester Spieler – er bestach schon extrem früh durch seine Spielintelligenz und Technik. Da es zu dem Zeitpunkt noch keinen Spielbetrieb im G-Junioren-Bereich gab, haben wir als Bambini im Spielbetrieb der F-Junioren teilgenommen. Dass er in dieser Liga Torschützenkönig wurde, sagt vieles über sein Talent aus.“

Erste Vereine klopfen an

Im Anschluss kickte Keßler unter Trainer Manfred Panke in der F-Jugend der Muldestädter, als die ersten höherklassigen Vereine auf ihn aufmerksam wurden. „Es bestand die Möglichkeit entweder zum FC Sachsen oder zum 1. FC Lokomotive Leipzig zu wechseln“, erinnert sich der Offensivspieler. „In Absprache mit meinen Eltern fiel die Wahl auf den 1. FC Lok, da sich Trainer Matthias Wistuba sehr intensiv um mich bemühte und der Verein ein Nachwuchsleistungszentrum hatte, was der FC Sachsen nicht besaß. Dort spielte ich unter anderem mit Toni Majetschak (heute FC Eilenburg), Kilian Senkbeil (heute FC Bayern München II) und Niklas Hadaschik (heute Inter Leipzig).“

2019 begann Max Keßler (r.) in Grimma eine Ausbildung zum Bankkaufmann.
2019 begann Max Keßler (r.) in Grimma eine Ausbildung zum Bankkaufmann. © PM

In Probstheida kickte Keßler von 2008 bis 2010, ehe der nächste ambitionierte Verein auf ihn aufmerksam wurde. RB Leipzig, erst im Jahr 2009 gegründet, hatte in der weiten Fußballwelt ambitionierte Ziele und stellte einen Top-Nachwuchsbereich zusammen. Dazu übernahm man die Jugendabteilung des damals insolventen FC Sachsen Leipzig und verpflichtete eine Reihe von hochtalentierten Nachwuchskickern aus ganz Sachsen. Dazu gehörte auch Keßler, der mit dem Wechsel den nächsten Schritt machen wollte. Neben einer grandiosen Bezirksliga-Saison mit 22 Siegen aus 22 Begegnungen (Torverhältnis 236:13) legte man bei RB damals Wert auf die Teilnahme an hochklassigen Hallen- und Freiluftturnieren. Dort konnte man sich mit den „Großen“ messen, die RB-Talente konnten sich ins Schaufenster ambitionierter Bundesliga- oder Zweitliga-Vereine stellen. So kam es, dass Keßler nur eine Saison am Cottaweg blieb.„Ich wechselte im Sommer 2011 zu Hertha BSC, der auf einem unserer vielen Turniere auf mich aufmerksam geworden waren“, erinnert sich Keßler.

Im Nachgang betrachtet er diese Zeit bei Hertha als äußerst schwierig. „Ich hatte zeitig Heimweh, eigentlich hat es mir an allem gefehlt. Ich habe meine Freunde und meine Familie vermisst, richtig glücklich wurde ich in Berlin nicht. Nichtsdestotrotz hat mich auch dieser Umstand persönlich weiterentwickelt, wovon ich noch heute profitiere.“ Frühzeitig erkannten seine Eltern den Zustand ihres Sohnes, zumal auch Keßler selbst wieder nach Hause wollte.


Rückkehr nach Leipzig

Eine Rückkehr in heimische Gefilde war unumgänglich, zur Saison 2012/13 kehrte das Talent zu RB Leipzig zurück, wo er drei Spielzeiten verblieb. Höhepunkt bei den Leipzigern war der Gewinn des Landespokals der C-Junioren unter Trainer Sebastian Kegel, der heute für die Nachwuchs-Abteilung des Bundesligisten verantwortlich ist. In seinem ersten B-Jugend-Jahr kam der Flügelflitzer in der Bundesliga unter Trainer Sebastian Hoeneß (heute TSG Hoffenheim) aber nie so richtig aufs Trapez. Eine langwierige Verletzung warf ihn zurück, auch im Anschluss blieben seine Einsatzzeiten überschaubar. Um wieder Spielpraxis zu sammeln und vor allem um weiterhin für die Landesauswahl berücksichtigt zu werden, entschloss sich Keßler abermals den Verein zu wechseln.

Die Wahl fiel auf Dynamo Dresden. „Ich bin Dynamo heute noch dankbar, dass dies damals geklappt hat“, erinnert sich Keßler. „Ich hatte dort die Möglichkeit wieder zu spielen und sogar wieder in der höchsten Spielklasse – der B-Jugend-Bundesliga.“ Um seine Schule am Sportgymnasium beenden zu können, unterschrieb Keßler bei den Elbestädtern für drei Jahre. Dort war er im Dynamo-Internat untergebracht und trug in der Folgezeit maßgeblich zum Bundesliga-Klassenerhalt, sowie zum Sieg im Landespokal bei. Sein damaliger Dynamo-Trainer Tino Gaunitz erinnert sich: „Imponiert hat mir vor allem sein unbändiges Kämpferherz, seine enorme Laufbereitschaft und vor allem seine extrem positive Einstellung.“

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Ein ähnliches Fazit zieht auch der ehemalige Grimmaer Oberliga-Spieler Ragnar Zaulich, welcher seit Jahren DFB-Stützpunkttrainer in der Muldestadt ist: „Ich habe Max als fußballverrückten Jungen kennengelernt, der alle gestellten Aufgaben mit einer hundertprozentigen Leistungsbereitschaft absolviert hat. Imponiert hat mir, wie lernwillig und ehrgeizig er damals schon war, was bis heute so geblieben ist.“ In dieser angesprochenen Bundesliga-Saison kam Keßler auf 21 (von 26) Einsätzen und erzielte dabei drei Treffer.Im folgenden Jahr sollte seine Dynamo-Zeit jedoch abrupt enden.

Mit Trainer Matthias Lust (heute Co-Trainer SV Sandhausen) kam Keßler überhaupt nicht zurecht, über die Rolle als Einwechselspieler kam er nicht hinaus. Durch die Teileinsätze sichtbar unzufrieden, kam es im Winter zum Disput zwischen Trainer und Spieler – einen Kampf, den Keßler nicht gewinnen konnte. In der Rückrunde kam er nur noch auf eine Einsatzzeit von ganzen zwei Minuten, oftmals stand er gar nicht im Kader oder kam über die Rolle des Bankdrückers nicht hinaus.

Ab nach Aue

Um in seinem letzten Nachwuchsjahr wieder Spielpraxis zu bekommen, wechselte er zum FC Erzgebirge Aue. Dort traf er mit Trainer Marc Hensel auf einen alten Bekannten, mit dem er bei Dynamo zusammen gearbeitet hatte. Sofort fand er in der Regionalliga zu alter Stärke zurück, absolvierte 21 von 26 Spielen und trug maßgeblich zum Klassenerhalt der Erzgebirger bei. In dieser Saison kassierte Keßler jedoch seinen bislang einzigen Feldverweis, als er bei Hansa Rostock aufgrund groben Foulspiels mit Rot vom Platz gestellt wurde. Da jedoch die Chance im Anschluss extrem gering war, in den Zweitliga-Kader der Herren zu gelangen und es ein Reserve-Team in Aue nicht mehr gab, musste sich der 22-jährige erneut nach einer Alternative umsehen, um im Herrenbereich Fuß fassen zu können.

Max Keßler bejubelt im Oktober 2017 ein Tor für den FC Erzgebirge Aue im Testspiel gegen Dukla Prag.
Max Keßler bejubelt im Oktober 2017 ein Tor für den FC Erzgebirge Aue im Testspiel gegen Dukla Prag. © Imago / Picture Point

Der damalige Regionalliga-Absteiger Chemie Leipzig griff zu, dessen Co-Trainer Christian Sobottka kannte Keßler aus Lehrgängen im DFB-Stützpunkt. „Die Leutzscher waren für mich eine gute Plattform. Der Verein hatte ambitionierte Ziele und wollte wieder aus der Oberliga raus“, resümiert der Offensivspieler seine Anfänge im Herrenbereich. „Ich hatte die Möglichkeit zu spielen und dann noch Woche für Woche vor einer großen Zuschauerkulisse. Das hat meinen Entschluss zu Chemie zu wechseln zusätzlich beeinflusst.“ Bei den Chemikern fügte er sich problemlos ins Mannschaftsgefüge ein, seine offene Art kam gut an.

Trainer Dietmar Demuth kann ebenfalls nur positiv über den Jungspund berichten: „Er hat alles, was ein moderner Fußballer haben muss. Er besitzt gute Technik, verfügt über eine ordentliche Grundschnelligkeit, hat eine gute Übersicht und allem keine Angst. Es war frühzeitig zu erkennen, dass er aus den diversen Nachwuchsleistungszentren überall etwas mitgenommen hat. Hinzu kommt, dass er einen tollen Charakter besitzt – heutzutage nicht alltäglich. Insgesamt hat Max sehr gut in die Truppe reingepasst und sich problemlos integriert. Es hat mir als Trainer sehr viel Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten.“ Unter Demuth war Keßler in der Stammelf gesetzt, auch unter dessen Nachfolger Miroslav Jagatic bekam er in der Oberliga immer wieder seine Einsatzzeiten. Mit 27 (von 30) Spielen und vier Treffern trug er maßgeblich zum Wiederaufstieg der BSG Chemie Leipzig in die Regionalliga bei.

„Neben dem Aufstieg waren zusätzlich die DFB-Pokalspiele gegen die Zweitligisten Jahn Regensburg und SC Paderborn absolute Highlights“, fasst Keßler zusammen. „Der 2:1-Sieg gegen Regensburg, als die Fans anschließend vor Freude den Platz stürmten, die Atmosphäre unter Flutlicht gegen Paderborn, obwohl wir mit 0:3 verloren – unfassbar und nicht zu toppen.“

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In der abgebrochenen Regionalliga-Saison 2019/20 kam Keßler zwar auf 21 Partien, absolvierte aber keine davon über die vollen 90 Minuten. Sehr oft eingewechselt, erwies er sich vielmehr als Joker und sorgte oft für frischen Wind im Offensivbereich. Zwei Treffer und vier Torvorlagen unterstreichen dies eindrucksvoll.

Derbysieg geht unter die Haut

„Der Derbysieg gegen Lok Leipzig geht mir heute noch unter Haut. Ich dachte nach dem 2:0 kracht der Norddamm zusammen.“ Zur neuen Saison war Keßler wieder in der Stammformation drin. In den ersten sechs Begegnungen spielte er von Beginn an, wenig später fiel er krankheitsbedingt etwas zurück.

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Am 6. Oktober 2019 standen sich die BSG Chemie Leipzig und der 1. FC Lok Leipzig zum 103. Mal gegenüber. Zur Galerie
Am 6. Oktober 2019 standen sich die BSG Chemie Leipzig und der 1. FC Lok Leipzig zum 103. Mal gegenüber. ©

Nichtsdestotrotz berichtet Coach Jagatic nur Positives über seinen Flügelflitzer: „Insgesamt ist er ein guter Regionalliga-Spieler mit viel Potenzial.“ In der Hoffnung, dass die Regionalliga-Saison bald fortgesetzt wird, überlässt Keßler nichts dem Zufall und bereitet sich sehr gewissenhaft vor. „Neben unseren Trainingseinheiten in Leutzsch mache ich in Grimma zusätzlich noch Läufe sowie Kräftigungs- und Stabilisationsübungen, um gut für den Re-Start vorbereitet zu sein.“

Natürlich sei die Doppelbelastung mit Fußball und Ausbildung nicht so einfach, „doch meine Freundin und meine Eltern geben mir zusätzlich Halt, Kraft, sowie jede Menge Energie und sind mir diesbezüglich Tag für Tag eine extrem wichtige Hilfe. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“