18. November 2020 / 10:00 Uhr

Jüngster Hertha-Spieler Lennart Hartmann über Moukoko, Favre und psychologische Betreuung

Jüngster Hertha-Spieler Lennart Hartmann über Moukoko, Favre und psychologische Betreuung

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Bis heute jüngster Bundesliga-Profi von Hertha BSC: Lennart Hartmann spricht im SPORTBUZZER-Interview über Youssoufa Moukoko und Lucien Favre.
Bis heute jüngster Bundesliga-Profi von Hertha BSC: Lennart Hartmann spricht im SPORTBUZZER-Interview über Youssoufa Moukoko und Lucien Favre. © Imago Images, Montage
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Youssoufa Moukoko könnte am Samstag mit 16 Jahren und einem Tag als jüngster Bundesliga-Spieler der Geschichte debütieren. Bis heute jüngster Hertha-Profi ist Lennart Hartmann. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über Moukoko, Trainer Lucien Favre und psychologische Betreuung im Profi-Fußball.

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Als Lennart Hartmann am 17. August 2008 für Hertha BSC debütierte, war er 17 Jahre, 4 Monate und 14 Tage alt. Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt kam der bis heute jüngste Bundesliga-Debütant der Berliner zu seinem ersten Einsatz unter Lucien Favre. Es sollte bereits sein drittletzter sein. Es folgten nur noch zwei weitere Bundesliga-Einsätze für den ehemaligen deutschen U16- (zehn Spiele),U17- (elf), und U19- (neun) Nationalspieler. Hinzu kommen zwei Pflichtspiele in der UEFA-Cup-Qualifikation, sowie jeweils eines in der Europa League und im DFB-Pokal.

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Nun spielt der nächste Youngster für Lucien Favre: Youssoufa Moukoko. Gegen Hartmanns und Favres Ex-Klub Hertha BSC (Samstag, 20.30 Uhr, DAZN) könnte er schon mit dabei sein. Das BVB-Toptalent könnte mit einem Einsatz in Berlin zum jüngsten Bundesliga-Debütanten der Geschichte werden. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Hartmann darüber, wie er den Rausch des Debüts erlebt hat, was Favre damit zu tun hat und warum er mit nur 26 Jahren seine Karriere beenden musste.

SPORTBUZZER: Lennart Hartmann, Sie haben mit 17 Jahren unter Lucien Favre Ihr Profi-Debüt bei Hertha BSC gefeiert. Wie haben Sie den Moment wahrgenommen?

Lennart Hartmann: Ich weiß das noch sehr genau – es war in Frankfurt. Der Zeugwart hielt mein Trikot hoch und ich wusste, dass der Moment nun gekommen war. Ich war total überwältigt von den Emotionen und Eindrücken. Realisiert hatte ich das erst ein paar Tage später.

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Sie hatten im Vorfeld schon bei den Profis mittrainiert, wurden zuvor mit der Fritz-Walter-Medaille ausgezeichnet. Wie erging es Ihnen in dieser Zeit?

Ich war beflügelt. Sportlich lief es sehr, sehr gut, und ich durfte häufig bei den Profis mittrainieren. Ich war damals eigentlich noch B-Jugend-Spieler und bekam einen Anruf von der Schule, dass ich bei den Profis mittrainieren dürfe. Lucien Favre hatte sich damals unser Spiel am Wochenende zuvor angeguckt. Das war für mich ein Riesenerlebnis, weil ich mit meinen Idolen spielen durfte. Ich hatte gespürt, dass Lucien Favre mir viel Vertrauen schenkte. Ich wusste, dass ich über kurz oder lang meine Chance in der Bundesliga bekommen würde.

Inzwischen hat der deutsche Fußball die Altersgrenze für die Bundesliga auf 16 Jahre herabgesetzt. Youssoufa Moukoko könnte dadurch der jüngste Bundesliga-Spieler der Geschichte werden. Halten Sie das für sinnvoll?

Wenn Spieler so viel Talent mitbringen wie er, halte ich das für den richtigen Schritt. Es ist aber wichtig, dass der Verein ihm eine Stütze gibt und ihn auch neben dem Platz gut begleitet. Auf dem Platz geht es um die sportlichen Leistungen, und dort hat er sich über Wochen und Monate für Einsätze qualifiziert. Die menschliche Komponente darf aber nicht außer Acht gelassen werden.

Dafür ist BVB-Trainer Favre bekannt, der auch Ihnen zum Profi-Debüt verholfen hat. Wie haben Sie ihn als Trainer erlebt?

Er hat sehr auf den menschlichen Aspekt im Profi-Fußball geachtet. Er hat selbst in Verletzungsphasen wöchentlich nachgefragt, wie es mir geht, wenn sich sonst nur die Physios für mich interessiert haben. Er hat nach allen Trainingseinheiten Gespräche geführt und mir aufgezeigt, wo ich mich noch verbessern kann. Er setzt nicht nur sportlich bei den Jungs an, sondern auch auf der persönlichen Ebene. Dieses Vertrauen spürt jeder Spieler.

Erinnern Sie sich noch an das erste Gespräch mit Favre?

Es war alles so unwirklich, weil ich auf einmal mit dem Mann zusammensaß, den ich nur aus dem Hertha-Magazin oder dem Fernsehen kannte. Und dann spricht er mit diesem sympathischen Dialekt mit mir und geht auf mich ein. Ich habe sofort gemerkt, dass er mich kennt. Ich habe ihn als Arbeiter wahrgenommen, der in jeder Sekunde mit Fußball beschäftigt war. Ich erinnere mich an Flüge, auf denen er den Laptop ausgepackt und Spiele aus Südamerika geguckt hat, wo ich nicht einmal die Mannschaftsnamen kannte. Er war fußballbesessen.

Fühlten Sie sich gut auf eine Profi-Karriere vorbereitet?

Schwierig zu sagen. Solange es läuft, ist ja alles schön und gut. Schwierig wird es, wenn Verletzungen dazukommen. Ich hätte mir mehr Rückendeckung von gewissen Personen im Verein gewünscht. Als der große Schock kam, brach eine Welt für mich zusammen. Ich habe 90 Prozent meiner Zeit auf dem Fußballplatz verbracht, und nach der Hüft-Diagnose musste ich mich neu orientieren. Es hat Wochen und Monate gedauert, um das zu verkraften. Ich hatte in dieser Zeit viele negative Gedanken.


Ihre Karriere mussten Sie schlussendlich früh beenden.

Ich hatte zwar noch ein bisschen Fußball gespielt, aber mit 26 Jahren war dann wirklich Schluss. Ich wollte, soweit es geht, kicken, aber ein anderes Standbein aufbauen. Das Studium war dann bereits meine Priorität. Heute empfehle ich allen Profis, nebenbei etwas anderes zu machen – auch als Ausgleich. Wie lange kann man Fußball spielen? Gerade als Profi hast du neben dem Training genug Zeit, etwas zu machen. Und es gibt einem Sicherheit.

Die jüngsten Bundesliga-Debütanten der Geschichte

Jamal Musiala (von links), Youssoufa Moukoko und Florian Wirtz zählen zu den jüngsten Bundesliga-Spielern der Geschichte. Zur Galerie
Jamal Musiala (von links), Youssoufa Moukoko und Florian Wirtz zählen zu den jüngsten Bundesliga-Spielern der Geschichte. ©

Hatten Sie sich in jungem Alter schon über solche Dinge Gedanken gemacht?

Als junger Mensch habe ich im Hier und Jetzt gelebt und mir keine Gedanken gemacht. Ich war stolz, dass ich auf einmal neben älteren Spielern saß, die ich nur aus dem Fernsehen kannte und die schon bei Welt- und Europameisterschaften teilgenommen und gegen Weltstars wie Ronaldo gespielt hatten.

Sie haben die fehlende psychologische Betreuung angesprochen. Hat sich das inzwischen geändert?

Ja, die jungen Spieler werden viel besser aufgefangen, weil die Vereine mit Sportpsychologen zusammenarbeiten. Das wünsche ich den jungen Spielern auch. Kurz nach meiner Karriere hatte ich darüber nachgedacht, Sportpsychologie zu studieren, um junge Spieler besser auf gewisse Situationen vorzubereiten, damit sie nicht so allein dastehen wie ich.

Stattdessen studieren sie Jura.

Genau, ich habe mein Erstes Staatsexamen bestanden, bin jetzt Jurist und im Referendariat in der Staatsanwaltschaft. Ich bereite mich auf das Zweite Staatsexamen vor. Ich wollte beweisen, dass Fußballer mehr können als nur kicken. Es ist ein Lernstudium – und zu arbeiten habe ich im Fußball gelernt. (lacht)

Es klingt, als seien Sie zufrieden damit, wie alles gekommen ist.

Ja, ich bin glücklich. Ich habe tolle Zeiten im Fußball erlebt und viel gesehen. Ich habe mit tollen Mitspielern gespielt, bin in der Bundesliga, im UEFA-Cup, in der Nationalmannschaft aufgelaufen. Diese Momente kann mir niemand nehmen. An dem Bruch hatte ich ein paar Jahre zu knabbern. Aber im Studium habe ich meine heutige Frau kennengelernt. Neben dem Studium habe ich noch eine Fußballschule und bin dem Sport weiter verbunden.