08. September 2019 / 18:21 Uhr

Kanute Jürgen Eschert reist 55 Jahre nach seinem Olympiasieg wieder nach Tokio

Kanute Jürgen Eschert reist 55 Jahre nach seinem Olympiasieg wieder nach Tokio

Peter Stein
Märkische Allgemeine Zeitung
Jürgen Eschert kniet auch mit 78 Jahren noch immer im Canadier.
Jürgen Eschert kniet auch mit 78 Jahren noch immer im Canadier. © Peter Stein
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Kanurennsport: Das ist für Jürgen Eschert eine ganz besondere Reise in die Vergangenheit. Der Potsdamer besucht die kommende Olympiastadt Tokio – da, wo er seinen größten Erfolg feierte.

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Jürgen Eschert macht keinen Hehl daraus, dass die Vorfreude groß ist. Als die Anfrage vom RBB kam, ob er nicht ein Fernsehteam ein knappes Jahr vor den Olympischen Spielen 2020 nach Tokio begleiten wolle, habe er mit der Zusage keinen Moment gezögert. „Das ist für mich eine Reise in die Vergangenheit. Da bekomme ich sicher Gänsehaut“, meint der 78-jährige Potsdamer.

Denn 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio feierte er als Goldmedaillengewinner im Canadier-Einer über 1000 Meter seinen größten Erfolg. „Deshalb ist bei mir die Erinnerung an Tokio immer lebendig geblieben. Die Reise nach Japan war damals für alle was Exotisches. Das war einfach eine Weltreise und kaum vorstellbar.“ Noch dazu für den DDR-Bürger Eschert, der übrigens der einzige ostdeutsche Kanute in der damals noch gesamtdeutschen Mannschaft war. Vom Flughafen in Schönefeld ging es über Anchorage/Alaska nach Tokio. „Gleich in der ersten Nacht in Tokio gab es ein Erdbeben“, erinnert sich Eschert. „Mein Bett hat gewackelt, aber ansonsten ist nichts passiert.“

Blick bis zum Gipfel des Fujijama

Die Kanuten trugen vor 55 Jahren ihre Wettkämpfe auf dem Lake Sagami anderthalb Autostunden außerhalb der Stadt aus. „Tokio war damals schon eine in Sachen Elektronik hochentwickelte Stadt, alles modern“, erzählt er. „Besonders angenehm in Erinnerung sind mir die Zurückhaltung, Höflichkeit und Freundlichkeit der Menschen geblieben. Aber in der quirligen Millionenstadt waren schon damals die U-Bahnen hoffnungslos überfüllt. Da standen während der Spiele immer Studenten auf den Bahnsteigen, die beim Abfahrtssignal die Leute regelrecht durch die Türen schubsten. Wir haben aber außerhalb wie in einem Feriendorf am Sagami-See gewohnt. Bei klarer Sicht hat man den weißen Gipfel des Fujijama gesehen.“

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Doch als das olympische Finale am Nachmittag des 22. Oktober 1964 anstand, war es trüb und nieselig, aber windstill. „Das war genau mein Wetter, so herbstlich wie bei uns zu Hause“, sagt Eschert. Umso unverständlicher und unvernünftiger findet er es, wenn im kommenden Jahr die Spiele mitten in der heißesten Jahreszeit mit Temperaturen um 40 Grad im Juli und August stattfinden. „Vor 55 Jahren war man schlauer“, findet der Potsdamer, der seinem Sport als Chef des Fördervereins im KC Potsdam und als Macher hinter den Kulissen bis heute treu geblieben ist.

Die Zeitumstellung ist ein Problem

Und Eschert sieht für die hiesige Olympia-Generation – Sebastian Brendel, Ronald Rauhe und Max Lemke reisen vom 9. bis 16. September gleichfalls zu olympischen Testwettkämpfen nach Tokio, wo 2020 auf einer neu angelegten Strecke im Hafen gepaddelt wird – noch ein Problem: die Zeitumstellung. Tokio ist sechs Stunden voraus. „Ich konnte damals die ersten Tage abends nicht einschlafen und war morgens hundemüde, mittags bin ich am Tisch eingeschlafen“, berichtet Eschert davon, wie es ihm 1964 ergangen ist. „Zum Glück sind wir schon 14 Tage vorher angereist, in der zweiten Woche konnte ich dann wieder normal trainieren. Meinem tschechischen Konkurrenten Vaclav Jiran wurde das zum Verhängnis, denn er war erst eine Woche vorher angereist. So fiel er in ein totales Leistungsloch und wurde nur Neunter, obwohl er vorher bei den Rennen in Europa vor mir war.“

Eschert wird am Sagami See auch den dortigen Kanuclub besuchen, die extra ein Boot von 1964 wieder rekonstruiert haben. „Damit soll ich dann fahren“, sagt er. Er selbst wird ein Handtuch mit den Initialen der Spiele anno 64 mitnehmen. Auch den inzwischen 81 Jahre alten Japaner Yoshio, mit dem er damals den Vorlauf bestritt, werde er treffen. Und was erinnert den Protagonisten heute in seinem Haus in Potsdam an Tokio 1964? „Ich habe in der Garage mein Holzpaddel von damals an der Wand hängen. Das sehe ich jeden Tag, darauf sind noch die Prüfstempel von Tokio 1964 eingebrannt“, sagt Eschert, der wie ehedem fit wie ein Turnschuh ist und jeden Morgen auf der Havel in Potsdam seine Paddelrunde im Indianerboot dreht. Und der weiße Anzug von 1964, den die Olympia-Mannschaft damals trug, passt noch immer wie maßgeschneidert.

In Bildern: Das war der erste Tag der Deutschen Meisterschaften im Kutterrudern.

Die Wettkämpfe fanden am Alten Hafen in Rathenow statt. Die zahlreichen Zuschauer sorgten für eine tolle Atmosphäre während der Rennen.. Zur Galerie
Die Wettkämpfe fanden am Alten Hafen in Rathenow statt. Die zahlreichen Zuschauer sorgten für eine tolle Atmosphäre während der Rennen.. © Christoph Laak
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