29. November 2022 / 22:33 Uhr

Schwere Vorwürfe, Finanz-Chaos: Das steckt hinter dem Beben bei Juventus Turin

Schwere Vorwürfe, Finanz-Chaos: Das steckt hinter dem Beben bei Juventus Turin

Dominik Straub
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Juventus-Präsident Andre Agnelli (r.), Vize-Präsident Pavel Nedved (mitte) und Geschäftsführer Maurizio Arrivabene sind allesamt zurückgetreten.
Juventus-Präsident Andre Agnelli (r.), Vize-Präsident Pavel Nedved (mitte) und Geschäftsführer Maurizio Arrivabene sind allesamt zurückgetreten. © Imago/Marco Canoniero (Montage)
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Beim italienischen Rekordmeister hat der gesamte Vorstand den Hut genommen. Hintergrund des Paukenschlags sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Börsenaufsicht wegen Bilanzfälschung und anderer Delikte.

Die italienischen Fußballfans und ganz besonders die landesweit etwa elf Millionen Tifosi der Juve durchleben gerade schwierige Zeiten. Nicht genug damit, dass die Squadra Azzurra in diesem Frühling zum zweiten Mal hintereinander die Qualifikation für eine WM-Endrunde verpasst hat und nun auch beim Turnier in Katar fehlt – jetzt gerät auch noch Juventus Turin in Turbulenzen: Am Montagabend ist Knall auf Fall der gesamte Aufsichtsrat des ruhmreichsten Vereins der Serie A zurückgetreten – und mit ihm auch einer der erfolgreichsten Präsidenten der Vereinsgeschichte, Andrea Agnelli. Den Hut genommen haben auch Vize-Präsident Pavel Nedved, einst Spielmacher bei Juve, sowie Geschäftsführer Maurizio Arrivabene, ein ehemaliger Ferrari-Manager.

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Anlass für den gemeinsamen Rücktritt sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und Untersuchungen der Börsenaufsicht zum Geschäftsgebaren des Vereins in den Jahren 2018, 2019 und 2020 (Juventus Turin ist an der Mailänder Börse notiert). 16 Verantwortlichen, darunter Agnelli, werden unter anderem Bilanzfälschung und die Kommunikation falscher Zahlen an die Börse vorgeworfen. Konkret soll der Verein mit der Überbewertung des Marktwerts seiner Spieler und mit fiktiven Transfers den wahren, nicht sehr erfreulichen Zustand der Bilanz verschleiert haben. Im vergangenen Jahr nützten auch die Tricksereien nichts mehr: In der Bilanz vom Juni stand ein Verlust von 254 Millionen Euro. Auch sportlich ging es bergab in letzter Zeit: Nach einem katastrophalen Saisonstart liegt Juventus Turin in der Serie A zehn Punkte hinter dem führenden Neapel.

Der Ronaldo-Transfer sorgt für ein finanzielles Loch bei Juventus Turin

Andrea Agnelli war bereits der vierte Vereinspräsident von Juventus Turin, der den Nachnamen der Fiat-Dynastie Agnelli trägt. Mit seinem unrühmlichen Rücktritt gehe nun eine Ära zu Ende, schreiben die italienischen Zeitungen, die dem Eklat gestern mehrere Seiten widmeten. Dabei hatte die Präsidentschaft gut begonnen: Andrea Agnelli übernahm den Verein vor zwölf Jahren, vier Jahre nach dem Zwangsabstieg in die Serie B wegen des "Calciopoli"-Skandals um gekaufte Schiedsrichter. Unter seiner Präsidentschaft gewann Juventus neunmal in Folge den "Scudetto", was zuvor noch keinem Verein gelungen war. Auch die Frauen-Mannschaft war erfolgreich: Sie gewann fünfmal die italienische Meisterschaft. Unter Agnelli erhielt die Juve auch ein neues, modernes Stadion, das dem Verein gehört.

Die hohen Ansprüche – alles andere als der Meistertitel wird in Turin als Misserfolg gewertet – hatten freilich auch hohe Kosten zur Folge. Wann die finanziellen Probleme begannen, ist wegen der geschönten Bilanzen noch nicht ganz klar – aber eine gewichtige Rolle dürfte der Transfer von Cristiano Ronaldo dabei gespielt haben. Der portugiesische Star wurde 2019 für 117 Millionen Euro von Real Madrid gekauft; sein Jahresgehalt soll bei mehr als 30 Millionen Euro gelegen haben. Doch dann kamen die Pandemie und mit ihr die Spiele vor leeren und halb leeren Stadien. Und auch sportlich erfüllte Ronaldo die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht. In der Folge wurde er nach drei Jahren und mit einem Verlust von 100 Millionen Euro an ManUnited weiterverkauft.

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Die Exor-Holding, in der die Agnelli-Familie ihre Beteiligungen und damit auch die Aktienmehrheit an Juventus Turin vereint, hat gestern den Treuhänder und Wirtschaftsberater Gianluca Ferrero als neuen Juve-Präsidenten nominiert. Er gilt als Vertrauter von Exor-Chef John Elkann, Enkel des einstigen Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli und Cousin von Andrea Agnelli. Die Tifosi hätten lieber einen anderen Präsidenten gesehen: Alessandro Del Piero, den früheren Nationalspieler und langjährigen Starstürmer der Juve.

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