07. Februar 2021 / 14:15 Uhr

Kader, Fehler, mangelnde Selbstkritik: Die Gründe für die Krise bei Borussia Dortmund

Kader, Fehler, mangelnde Selbstkritik: Die Gründe für die Krise bei Borussia Dortmund

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der BVB steckt in der Krise - die Gründe dafür sind vielfältig. Die Spieler sind bedient.
Der BVB steckt in der Krise - die Gründe dafür sind vielfältig. Die Spieler sind bedient. © Getty Images
Anzeige

Die Niederlage von Borussia Dortmund beim SC Freiburg hat wieder einmal gezeigt, dass die Probleme größer sind, als man zugeben möchte. Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick über die Dinge, die beim BVB schief laufen.

Es war ein erstaunliches Field-Interview, das Mats Hummels am Samstagabend nach der 1:2-Pleite von Borussia Dortmund beim SC Freiburg gab. Hummels sprach davon, dass man gekämpft, aber das Spielglück gefehlt habe. Man könne sich nicht viel vorwerfen, schließlich machten die Gegner aus wenigen Chancen oft viele Tore und der BVB selbst würde für den vielen Aufwand einfach zu wenig Ertrag einheimsen. Wohlgemerkt, nachdem seine Mannschaft auf Platz sechs in der Tabelle verharrt und die Konkurrenz aus München und Leipzig mit Siebenmeilenstiefeln längst enteilt ist. Ein Meisterschaftskonkurrent ist man schon lange nicht mehr, nun droht sogar das große Ziel Champions League verpasst zu werden - was für den Klub aus personeller und finanzieller Sicht fatal wäre.

Anzeige

Das Problem: Die Punkte, die Hummels am Sky-Mikrofon aufzählte, mögen grundsätzlich sogar richtig sein, doch soll der Abwehrchef bei Borussia Dortmund als Führungsspieler vorangehen und auch selbstkritisch agieren. Von dieser Selbstkritik ist beim BVB aber nicht viel zu erkennen - zumindest nicht nach außen. Wenn man es damit vergleicht, wie Hummels oder Kapitän Marco Reus den im Dezember entlassenen Lucien Favre nach der derben Pleite gegen den VfB Stuttgart öffentlich angezählt haben, ist es bedenklich, dass derzeit vor allem versucht wird, eine vermeintliche Entwicklung unter Edin Terzic herauszuarbeiten. Deshalb sind die Gründe für die Krise von Borussia Dortmund vielfältig. Der SPORTBUZZER gibt einen Überblick.

Mehr vom SPORTBUZZER

Die fehlende BVB-Idee

Unter Jürgen Klopp war bei Borussia Dortmund noch alles ganz einfach. Man versprach Vollgasfußball - und man lieferte Vollgasfußball. Dafür hatte der richtige Trainer das richtige Spielsystem und die richtigen Spieler zur Verfügung. Seit seinem Abgang vor inzwischen sechs Jahren fehlt dem BVB aber diese Identität. Terzic versprach bei seiner Vorstellung nach der Favre-Entlassung, wieder BVB-Fußball spielen lassen zu wollen. Doch man wird den Eindruck nicht los, dass niemand so richtig weiß, wie der eigentlich aussehen soll. Das fängt schon bei der Trainer-Wahl von von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc an. Auf Klopp folgte Peter Bosz, dann kam Peter Stöger, bevor Thomas Tuchel und später Favre übernahmen. Das Spielermaterial wechselte immer wieder mit. Aber eine gemeinsame Linie war nicht zu erkennen. Bis heute nicht. Denn Terzic soll mit dem Favre-Kader nun anderen Fußball spielen lassen. Vertikale Pässe in die Spitze gibt es immer noch viel zu selten.

Die Kaderzusammenstellung

Auf dem Papier hat Borussia Dortmund einen der besten Kader der Vereinsgeschichte. Jung, talentiert, aber auch erfahren und abgebrüht. Spieler wie Jadon Sancho und Erling Haaland begeistern an guten Tagen mit ihren Aktionen. Raphael Guerreiro gilt als technisches und taktisches Genie. Emre Can, Reus und Hummels sollen vorangehen und den Ton angeben. Doch es zeigt sich deutlich: der Kader ist bei Weitem nicht so gut, wie er scheint. Es sind viele Spieler dabei, die in der Bundesliga bei anderen Vereinen zwar schon überzeugt haben, mit dem Druck und der Erwartungshaltung eines Champions-League-Teilnehmers, der auch dort eine gewichtige Rolle spielen will, aber nicht klarkommen. Bei anderen Profis macht es den Eindruck, als würden sie den BVB nur als Durchgangsstation in ihrer Karriere ansehen. Von Wille und Leidenschaft, von Stolz für den BVB zu spielen und dafür alles zu geben, ist bei nur wenigen Spielern etwas zu sehen. Zudem fehlt immer wieder die Konstanz in den eigenen Leistungen - wobei Leistungsschwankungen natürlich zu einer Saison dazugehören.

Anzeige

Das Kopf-Problem

Dietmar Hamann brachte es bei Sky wiederholt auf den Punkt. "Diese Mannschaft hat schon einen Trainer verschlissen dieses Jahr und ich glaube, dass man vorsichtig sein muss - ich weiß nicht, wie die Strömungen innerhalb der Mannschaft sind - dass diese Mannschaft nicht untrainierbar wird. Ich würde schon auch die Mentalitäts- oder die Charakterfrage stellen. Nicht bei Einzelnen, aber als Mannschaft fehlt ihnen das", sagte er das erste Mal vor Wochen. Auffällig ist immer wieder, dass man vor allem gegen vermeintlich kleine Gegner wie Freiburg - oder im DFB-Pokal gegen den SC Paderborn - große Probleme bekommt. Gegen Mainz 05 gab ebenfalls keinen Sieg, während die Partie gegen RB Leipzig nach einer brillanten zweiten Halbzeit gewonnen wurde. Aber selbst Führungen - wie gegen Paderborn - bringen den Dortmundern nicht immer die nötige Sicherheit.

Die Standardschwäche

"Am Ende ist es das dritte Spiel, das wir durch eine Standard-Situation aus der Hand geben nach Köln und Union Berlin - und das ist natürlich sehr, sehr enttäuschend", sagte BVB-Trainer Terzic nach der Partie in Mönchengladbach vor rund zwei Wochen und auch Reus äußerte sich damals: "Es sind halt immer die gleichen Fehler, die wir machen. Dann ist es schwierig, ein Spiel zu gewinnen. Das stinkt gewaltig." Doch: abgestellt haben es die Spieler bis heute nicht. Bei gegnerischen Standards wirkt die BVB-Defensive oft kopflos und hat keine Ordnung.

Die individuellen Fehler

BVB-Trainer Terzic war nach der Pleite in Freiburg "nicht nur enttäuscht, sondern sauer" Er betonte: "Wir fordern mehr von uns allen. Aber es sind wieder Fehler passiert, die nicht passieren dürfen." Dieses Mal war es ein Patzer von Keeper Marwin Hitz, der beim zweiten Gegentreffer die Schuld trug. In vorherigen Partien hatte schon Roman Bürki bei mehreren Gegentoren nicht gut ausgesehen. Aber es sind nicht nur die Torhüter. Ein begnadeter Fußballer wie Julian Brandt spielt teilweise katastrophale Fehlpässe oder nimmt nur selten an der Rückwärtsbewegung teil. Bei vielen Spielern fehlt regelmäßig die nötige Aggressivität im Spiel, um eng genug am Gegenspieler zu stehen und diesen zu behindern. Beide Gegentore in Freiburg fielen, weil die Gegner viel zu lange nicht angegriffen wurden.

Die fehlende Selbstkritik

Der BVB hat Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung eingestellt, damit dieser den Spielern die BVB-DNA näher bringt. Er, der früher als Kapitän Fehler offen und ehrlich ansprach, nimmt sich inzwischen jedoch auch zurück. Vor der Partie gegen Freiburg sprach er davon, dass man im Verein durchaus zufrieden sei mit der Mannschaft. Der externe Berater Matthias Sammer wurde geholt, um Probleme und Fehler schonungslos anzusprechen. Doch wie er wirklich arbeitet, davon bekommt man wenig mit. Es scheint, als würden diese Fehler eben nicht angesprochen - oder die Problembehebung versucht umzusetzen. Und dann sind da noch die Spieler, die oftmals versuchen die Probleme zu umschiffen. Es mag sein, dass intern anders kommuniziert wird, doch gibt es nach außen kein gutes Bild ab, wenn Hummels nach der Niederlage in Freiburg erklärt, dass man grundsätzlich ja gut gespielt habe.

Anzeige: Erlebe die gesamte Bundesliga mit WOW und DAZN zum Vorteilspreis