11. Juni 2020 / 17:42 Uhr

Kai Bülow: Hansas letztes Urgestein

Kai Bülow: Hansas letztes Urgestein

Sönke Fröbe
Ostsee-Zeitung
Im reifen Fußballer-Alter von 34 Jahren blüht Kai Bülow, hier mit Stürmer Pascal Breier, noch mal auf.
Im reifen Fußballer-Alter von 34 Jahren blüht Kai Bülow, hier mit Stürmer Pascal Breier, noch mal auf. © foto: Andy Bünning
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Kai Bülow beendet mit dieser Saison seine Profi-Karriere – nach 15 Jahren und mehr als 400 Pflichtspielen für Hansa Rostock, 1860 München und den Karlsruher SC. Der 34-Jährige nimmt sich ein Jahr Auszeit vom Fußball.

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Als Kai Bülow sein erstes Profi-Fußballspiel macht, heißt der Bundeskanzler noch Gerhard Schröder. Deutscher Meister ist auch damals schon der FC Bayern und Hansa Rostock nach einem Jahrzehnt gerade aus der Bundesliga abgestiegen. Am 12. September 2005 beruft Trainer Frank Pagelsdorf den 19-Jährigen in die Startelf für das Zweitligaspiel in Bochum.

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An der Seite von Stars wie René Rydlewicz und Michael Hartmann steht der Junge aus dem eigenen Nachwuchs im Mittelfeld seinen Mann. „Das ist 15 Jahre her und ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Das Spiel war viel körperlicher, heute ist das Tempo viel höher“, sagt Bülow. Die Rostocker verlieren zwar, doch der anspruchsvolle Pagelsdorf ist mit seinem Debütanten zufrieden und lässt ihn bis zum Abpfiff auf dem Platz. Es ist die Stunde Null in der Karriere von Bülow, der für Hansa, 1860 München und den Karlsruher SC in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten über 400 Pflichtspiele absolvieren sollte. Gestern kündigte der 34-Jährige an, seine Karriere mit Ablauf dieser Saison zu beenden.

Das war die Karriere von Kai Bülow, der 15 Jahre lang für den FC Hansa Rostock, 1860 München und den Karlsruher SC spielte.

Kai Bülow - hier während der 3. Runde im Landespokal Mecklenburg-Vorpommerns beim Güstrower SC - beendet nach der Saison seine Karriere. Zur Galerie
Kai Bülow - hier während der 3. Runde im Landespokal Mecklenburg-Vorpommerns beim Güstrower SC - beendet nach der Saison seine Karriere. ©

Die Entscheidung sei in den vergangenen Monaten in ihm gereift, sagt Bülow, der nach langer Verletzungspause erst seit zwei Wochen wieder für Hansa auf dem Rasen steht. „Es war stets mein Wunsch, diese Entscheidung alleine zu treffen und nicht aufgrund von Verletzungen oder mangels Alternativen dazu gezwungen zu sein.“ Der gebürtige Rostocker will sich beruflich neu orientieren und mehr Zeit mit seiner Frau und seinen zwei Kindern verbringen. Welchen Weg er einschlagen wird, sei noch offen. Ins Fußballgeschäft wird er nicht führen, zumindest vorerst nicht. „Man soll nie nie sagen, aber das spielt in meinen Überlegungen zurzeit keine Rolle“, sagt Bülow, der erst mal Abstand gewinnen will: „Ich möchte ein Jahr nichts mit Fußball zu tun haben.“

Im Sommer 2018 hatte Hansa-Manager Markus Thiele den Mecklenburger aus Karlsruhe zurück zu seinem Heimatverein geholt. Unumstritten war der Zweijahres-Vertrag für den Routinier damals nicht, denn beim KSC war der Defensivmann nicht mehr erste Wahl.


Unter Pavel Dotchev wurde er bei Hansa zur Stammkraft, auch dessen Nachfolger Jens Härtel lernte Bülows Qualitäten zu schätzen. Zog der Sachse anfangs noch andere Bülow vor, wurde er auch für ihn schnell unverzichtbar. Er sei mit seiner Erfahrung ein ganz wichtiger Spieler auf und neben dem Platz, sagt Härtel heute: „Wir hätten es sehr gern gesehen, wenn er sich mit seiner Entscheidung noch ein bisschen Zeit gelassen hätte. Für den Verein und die Mannschaft ist es ein großer Verlust.“ Hansas letztes Urgestein geht. Bülow ist eine Art Relikt aus besseren Jahren, bevor die bleierne Zeit in der 3. Liga begann.

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Einer, der Bülow lange kennt, ist Andreas Zachhuber. Er bedauert den Rücktritt zwar, hält ihn jedoch für vernünftig. „Das ist sehr schade, aber ich habe dafür volles Verständnis“, sagt der Ex-Trainer, der die Hanseaten in der 1. und 2. Bundesliga coachte. „Besser man hört auf, wenn man noch gut drauf ist, als wenn man am Ende nur noch unzufrieden auf der Bank sitzt.“

Zachhuber arbeitete mit Bülow in einer frühen Phase seiner Profikarriere zusammen. „Ich habe Kai kennengelernt, als ich die Mannschaft im März 2009 in der 2. Liga in einer sehr, sehr schwierigen Situation übernommen habe“, erinnert sich der 58-Jährige. „Er hat mit Orestes in der Innenverteidigung gespielt. Wir haben elf Spiele gemacht und keins verloren. Kai war ein ganz wichtiger Baustein für den Klassenerhalt“, erklärt Zachhuber. Bülow sei ein meinungsstarker Profi und einer, „der immer vorbildlich vorangeht und für seinen Verein stets alles reinhaut“.

Eine Führungsrolle spielt der Defensivspezialist, der als Junge in Bentwisch mit dem Kicken begann und 1994 in der E-Jugend erstmals das Hansa-Trikot trug, auch heute. Und das mehr denn je. „Der Erfolg von Hansa Rostock in der 3. Liga ist stark abhängig von Kai Bülow. Immer wenn er auf dem Platz steht, merkt man, dass er da ist und System und Struktur in der Mannschaft ist“, urteilt „Zacher“. Bülows Fehlen nach seiner Verletzung im November habe sich sehr stark bemerkbar gemacht: „Ich bin überzeugt, Hansa würde jetzt weiter oben stehen, wenn er in dieser Phase nicht gefehlt hätte.“

Sieben Spiele stehen für Bülow noch aus, und vielleicht klappt es sogar noch mal mit einem Aufstieg. So wie 2007, als Hansa in die Bundesliga zurückkehrte. „Mein größter Erfolg, das war etwas ganz Besonderes“, sagt Bülow. Sein emotionalster Karriere-Moment? „Mein Tor für 1860 München in der Relegation gegen Kiel.“ Bei den Löwen hat er in sieben Jahren (2010-17) nicht nur wegen dieses Treffers Spuren hinterlassen. So wie in Rostock auch.

In wenigen Wochen erfolgt nun der Schlusspfiff „Ich werde jede Sekunde genießen, die ich noch mit den Jungs auf dem Platz stehe“, sagt Kai Bülow, der sich gerne mit einem großen Knall verabschieden würde: „Wir können aus einer guten Saison noch eine richtig gute machen.“