30. Januar 2020 / 09:39 Uhr

Voller Fokus auf die 10,9 Ringe: Tim Focken hat gelernt, seine Energie zu kanalisieren

Voller Fokus auf die 10,9 Ringe: Tim Focken hat gelernt, seine Energie zu kanalisieren

Heike Werner
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Nominiert für die Wahl zum Behindertensportler des Jahres 2020: Tim Focken.
Nominiert für die Wahl zum Behindertensportler des Jahres 2020: Tim Focken. © Martin Bargiel
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"Ich habe unglaublich viel Energie", sagt Tim Focken. Vor seiner Kriegsverletzung war der 35-Jährige Leichtathlet und ständig in Bewegung. Das geht als Sportschütze nicht mehr. Im Wettkampf muss Focken eine Stunde lang alle Störfaktoren ausblenden, stets voll konzentriert sein. Sonst erreicht er seine Ziele nicht.

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Jeder Handgriff sitzt. Hochkonzentriert und mit kontrollierten Bewegungen bringt Tim Focken das Gewehr in Stellung. Er atmet ruhig, seine Augen nehmen durch den Diopter die 50 Meter entfernte Zielscheibe in den Blick. Dann drückt sein Zeigefinger den Abzug. Es knallt und klimpert leise, als die leere Patronenhülse zu Boden fällt. Fast zeitgleich bildet der kleine Monitor rechts vor ihm den Abdruck auf der Zielscheibe ab – beinahe im Zentrum.

Platz vier bringt Quotenplatz

Genau das ist der Anspruch des Para-Sportschützen: 10,9 Ringe ist der höchste erreichbare Wert, und nur wer diesen beherrscht, ist international konkurrenzfähig. Tim Focken beherrscht ihn so gut, dass er bei den Weltmeisterschaften im Liegendschießen auf 60 Schuss nur 1,5 Ringe hinter der Bronzemedaille blieb. Mit Platz vier sicherte er den deutschen Para-Schützen einen Quotenplatz für die Paralympics 2020 in Tokio.

Im Video: Tim Focken über die Wahl zu Niedersachsens Behindertensportler des Jahres

Behindertensportwahl Tim Focken

Focken startet für den SV Etzhorn, der in Oldenburg beheimatet ist. Der 35-Jährige hat eine Plexuslähmung, deretwegen er den linken Arm nicht mehr heben kann – die Folge einer Kriegsverletzung. Focken war in Afghanistan als Soldat eingesetzt. Im Oktober 2010 bohrte sich während eines Feuergefechtes eine Kugel in seine linke Schulter und trat aus dem Rücken wieder aus, eine 17-stündige Operation rettete sein Leben.

Berufssoldat jetzt als Spitzensportler

Focken berichtet in knappen Worten von der Verwundung und der Zeit danach mit vielen Fragezeichen. „Mein Ziel war es, meine Familie wieder versorgen zu können“, sagt er rückblickend. Und seine Frau, sein Sohn (heute zehn) und die dreijährige Tochter unterstützten ihn in der Rehabilitation ebenso wie die Bundeswehr. Focken half zudem, dass seit 2011 die Nachsorge kriegsverletzter Soldaten gesetzlich geregelt ist. Er ist nach wie vor Berufssoldat – „in der Funktion als Spitzensportler“, wie er sagt.

Das sind die anderen Kandidaten

Beim SV Etzhorn arbeitet Focken seit 2012 mit Trainer Werner Fredehorst zusammen und musste sich vor allem an eines erst gewöhnen: „Ich habe unglaublich viel Energie“, sagt er, vor der Verwundung war er aktiver Leichtathlet und täglich fünf bis sechs Stunden in Bewegung – heutzutage sind es fünf Einheiten pro Woche.

„Ich war immer der Meinung, noch mehr trainieren zu müssen. Inzwischen habe ich begriffen, dass weniger mehr ist“, sagt der Sportschütze und ergänzt: „Das Stillsitzen beim Schießen musste ich erst lernen, aber es fordert mich mental. Der kleinste Gedankenfehler versaut das Ergebnis.“ Die Konzentration bei Wettkämpfen muss 60 Schuss lang, das heißt, etwa eine Stunde lang, halten, etwaige Störfaktoren sind auszublenden. „Ich habe lange gebraucht, bis ich das verstanden habe“, gesteht Focken.

Bilder von der Behindertensportwahl 2019

Alexander Budde gut gelaunt beim Empfang in der Gondel des GOP. Zur Galerie
Alexander Budde gut gelaunt beim Empfang in der Gondel des GOP. ©
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Dazu gehört für ihn auch die Akzeptanz, dass es an manchen Tagen nicht funktioniert. Focken kehrt dann zu den sportlichen Wurzeln zurück: „Dann gehe ich laufen, um den ganzen Abfall loszuwerden.“

Für Wettkämpfe hat Focken ein ganz besonderes Rezept. „Da schaffe ich mir meine eigene Fantasiewelt und rufe nur noch Automatismen ab. Das Bild von Yoda mit Musik verschafft mir in diesen Momenten das notwendige Glücksgefühl“, sagt er mit einem Schmunzeln. Doch auf dem Weg zu den Paralympics verlässt sich Focken auf die eigenen Fähigkeiten, nicht auf Mächte aus dem Star-Wars-Universum.

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