07. August 2021 / 05:44 Uhr

Olympia-Gold und Fahnenträger: Perfekter Abschluss für Kanute Rauhe

Olympia-Gold und Fahnenträger: Perfekter Abschluss für Kanute Rauhe

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg. 
Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  © Jan Woitas/dpa
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Der fast 40-Jährige gewinnt in Tokio zum Karriereende mit dem Kajak-Vierer - auch an Bord: sein Potsdamer Vereinskollege Max Lemke. Für Canadierfahrer Brendel gab es eine herbe Enttäuschung und für Deutschland eine historisch magere Bilanz.

Gerade als sich der heftige Platzregen verzogen hatte, wurde in Tokio ein sonniges Paddel-Märchen wahr. Beim letzten Rennen seiner Karriere, nach 23 Jahren auf Weltklasse-Niveau in der deutschen Nationalmannschaft, hat Kanu-Rennsportler Ronald Rauhe erneut eine Olympia-Goldmedaille gewonnen. Der Kajakfahrer des KC Potsdam im OSC siegte am Samstag in Tokio zusammen mit Max Rendschmidt (Essen), Tom Liebscher (Dresden) und seinem Potsdamer Vereinskollegen Max Lemke im Vierer über 500 Meter. Nach 2004 in Athen schaffte es Rauhe als fast 40-Jähriger zum zweiten Mal auf den Olymp. Bei nunmehr sechs Teilnahmen an Sommerspielen holte er zweimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze.

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"Es ist schwer, das in Worte zu fassen", sagte Rauhe im ZDF. Beim Dank an seine Unterstützer, vor allem die Familie, kamen ihm die Tränen. "Ich hätte mir nichts anderes erträumen, erwünschen können." Kurz darauf wurde der Routinier auch noch zum deutschen Fahnenträger bei der Abschlussveranstaltung ernannt. Dies sei "die Krönung meiner Karriere“, meinte er. Zum siebten Mal kommt damit ein deutscher Fahnenträger oder eine deutsche Fahnenträgerin aus Brandenburg. Jeweils auch bei den Abschlussveranstaltungen hatten bereits Kanutin Birgit Fischer (1996), Ruderin Kathrin Boron (2004) sowie die Kanu-Asse Katrin Wagner-Augustin (2008) und Sebastian Brendel (2016) diese Ehre. Fischer war zudem Frontfrau bei der Eröffnung der Spiele 2000. Boxer Manfred Wolke (1972) und Hürdenläuferin Karin Balzer (1968) trugen die DDR-Fahne bei Eröffnungsfeiern. „Wir freuen uns mit ihm, sicher einen in jeder Hinsicht würdigen Fahnenträger präsentieren zu können", sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). „Manche sagen, er ist der Papa von dem Boot“, erklärte Kanu-Bundestrainer Arndt Hanisch aus Potsdam. „Er ist einfach ein cooler Mensch, ein cooler Typ. Wir werden ihn vermissen“, so Hanisch.

In Bildern: Diese Aktiven aus Brandenburg gewannen bei den auf 2021 verschobenen Sommerspielen Edelmetall.

Gleich doppelt war Brandenburg am Goldgewinn des deutschen Kajak-Vierers beteiligt. Die Potsdamer Ronald Rauhe (2.v.l.) und Max Lemke (r.) gehörten ebenso zur Crew wie Max Rendschmidt aus Essen (l.) und Tom Liebscher. Rauhe beendete mit diesem Triumph seine herausragende Karriere. Zur Galerie
Gleich doppelt war Brandenburg am Goldgewinn des deutschen Kajak-Vierers beteiligt. Die Potsdamer Ronald Rauhe (2.v.l.) und Max Lemke (r.) gehörten ebenso zur Crew wie Max Rendschmidt aus Essen (l.) und Tom Liebscher. Rauhe beendete mit diesem Triumph seine herausragende Karriere. ©

"Es hat alles gepasst", meinte Teampartner Lemke nach der Erfolgsfahrt. Für den 24-Jährigen, der 2019 aus Mannheim nach Potsdam gewechselt war, bedeutete der Sieg das perfekte Olympia-Debüt. Rendschmidt und Liebscher gewannen bereits vor fünf Jahren K4-Gold. Seit 2017 fährt das deutsche Quartett in derselben Besetzung und krönte nun den gemeinsamen Weg. "Alles andere als Gold wäre eine Enttäuschung für uns", hatte Lemke im Vorfeld betont.

Brendel dieses Mal nur im B-Finale

Mit einer herben Enttäuschung endete derweil die Regatta in Tokio für Sebastian Brendel. Der dreifache Canadier-Olympiasieger aus Potsdam belegte in seinem Einer-Halbfinale über 1000 Meter nur den siebten und damit vorletzten Platz. Es herrschte Rechtswind, der für ihn als Linkspaddler hinderlich ist. 2012 und 2016 hatte der 33-Jährige auf dieser Strecke triumphiert und musste sich nun mit Platz zwei im B-Finale abfinden. Es sei "schwer zu verarbeiten", aber auch "nicht mehr drin" gewesen, sagte Brendel im ZDF. "Ich habe gezeigt, dass ich trotzdem kämpfe." Aus Japan bringt er immerhin eine Bronzemedaille mit nach Hause, die er mit dem Berliner Tim Hecker erkämpft hatte. Brendels deutscher Kontrahent, Conrad Scheibner aus Berlin, schaffte es in den A-Endlauf des Einer-Wettbewerbs und wurde dort Sechster. Es gewann der Brasilianer Isaquias Queiroz Dos Santos, langjähriger Brendel-Kontrahent und -Bewunderer, der sogar seinem Sohn den Vornamen Sebastian gegeben hat.

Als zweimaliger C1-Olympiasieger scheiterte Sebastian Brendel nun im Halbfinale.
Als zweimaliger C1-Olympiasieger scheiterte Sebastian Brendel nun im Halbfinale. © Jan Woitas/dpa

Glatzkopf "motiviert bis in die Haarspitzen"

Eigentlich hatte Rauhe bereits Rio 2016 als seine letzten Sommerspiele auserkoren, doch weil im olympischen Programm der K4 von 1000 auf 500 Meter verkürzt worden war, sah er noch einmal die große Erfolgschance für sich. Er machte weiter. Die coronabedingte Verschiebung der Tokio-Spiele verlängerte seine Laufbahn dann sogar um noch ein Jahr. Er hielt durch, biss sich durch und brannte für die Mission. "Ich bin motiviert bis in die Haarspitzen", hatte er vor dem Finaltag betont. Eine etwas irritierende Aussage des Glatzkopfes, dessen Motivationslevel frisurentechnisch eher zur Mähne von Schlagersänger Wolfgang Petry passte.

Im Finale hatte sich dann der erwartete Zweikampf zwischen den Dauerrivalen Deutschland und Spanien entwickelt. Am Ende trennten sie 0,226 Sekunden, Bronze gewann die Slowakei. Groß war nach der Zieldurchfahrt die Freude beim Paradeboot des Deutschen Kanu-Verbands (DKV), das zuvor dreimal in Serie Weltmeister geworden war und die Weltbestzeit hält. Vor allem mit einem spanischen Kontrahenten verbindet Rauhe eine besondere Beziehung. 2008 in Peking hatte Saul Craviotto mit Carlos Perez im 500-Meter-K2 die achtjährige Siegesserie von Rauhe/Tim Wieskötter ausgerechnet beim Olympia-Endlauf durchbrochen, 2016 in Rio teilten sich beide im Einer über 200 Meter nach einem dramatischen Fotoentscheid den Bronze-Platz. Nun standen sie wieder gemeinsam auf dem Podium - Rauhe eine Stufe über Craviotto.


Nur drei deutsche Medaillen im Kanu-Rennsport

Nach der langen Zeit des Leistungssports freue er sich auf die Zeit danach, hatte Rauhe bereits im Vorfeld der Wettkämpfe gesagt. In welche berufliche Richtung es ihn verschlagen werde, sei noch offen. "Es gibt einige Möglichkeiten", erzählte der Falkenseer. Zunächst wolle er jedoch bei der Familie, die am Samstag die Einschulung seines ältesten Sohnes feierte, zur Ruhe kommen. Die Olympia-Verschiebung, eine Handgelenksverletzung in der Tokio-Vorbereitung, dazu der Totalschaden am Boot beim Transport und die schnelle Ersatzbeschaffung. "Die letzte Zeit war sehr anstrengend. Gerade mental. Ich werde etwas Zeit brauchen, um mit frischer Energie in das zu starten, was dann kommt."

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Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  Zur Galerie
Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  ©

Bei aller Freude über den Männer-K4 waren für den erfolgsverwöhnten DKV in der olympischen Kanu-Rennsport-Regatta von Tokio längst nicht alle Träume in Erfüllung gegangen. Insgesamt drei Medaillen, einen kompletten Satz, holte das Team: Neben K4-Gold und C2-Bronze gab es noch Silber durch Max Hoff/Jacob Schopf im Kajak-Zweier. So wenig Olympia-Edelmetall gewannen Deutschlands Rennsport-Kanuten, die seit der Wiedervereinigung immer mindestens sechsmal erfolgreich waren, zuletzt 1968 und bei den Ostblock-Boykott-Spielen 1984 - jeweils drei Medaillen waren es damals. Den Frauen gelang in Japan sogar kein Podestplatz, was letztmalig 1952 geschehen war, als es noch bloß eine Bootsklasse im weiblichen Bereich gegeben hatte. Trotzdem kann der DKV eine insgesamt gute Tokio-Bilanz verzeichnen, weil die Slalom-Paddler in der ersten Woche mit vier Medaillen in vier Wettbewerben geglänzt hatten. In der Summe macht das wie 2016 in Rio siebenmal deutsches Kanu-Edelmetall.