19. März 2020 / 09:26 Uhr

Olympiasieger Rauhe über die Corona-Flucht aus Spanien und Olympia: "Absage wäre ein Graus für mich"

Olympiasieger Rauhe über die Corona-Flucht aus Spanien und Olympia: "Absage wäre ein Graus für mich"

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kanute Ronald Rauhe würde in Tokio zum sechsten Mal in seiner Karriere an Olympischen Spielen teilnehmen.
Kanute Ronald Rauhe würde in Tokio zum sechsten Mal in seiner Karriere an Olympischen Spielen teilnehmen. © Matthias Wjst/imago images
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Die Olympia-Sportler müssen mit der großen Ungewissheit leben, ob die Spiele in Tokio stattfinden. Das betrifft auch Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe - ihn traf die Coronavirus-Krise im Spanien-Trainingslager. Im SPORTBUZZER-Interview erzählt er von seiner "Flucht" und erklärt, was eine Olympia-Absage für ihn bedeuten würde.

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Olympiasieger Ronald Rauhe hat wilde Tage hinter sich. Mit dem Kanu-Olympiakader trainierte er vergangene Woche in Sevilla – bis er am Wochenende von jetzt auf gleich die Heimreise antreten musste. Im Interview spricht er über die Flucht vor der Coronavirus-Krise in Spanien, seine derzeitigen Trainingsmöglichkeiten - und, warum eine Olympia-Absage "ein Graus" für ihn wäre.

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SPORTBUZZER: Herr Rauhe, Sie hat die Coronavirus-Pandemie mit voller Härte getroffen. Sie waren gerade mit ihren Kanu-Kollegen im Trainingslager in Spanien. Was genau war dort los?

Ronald Rauhe (38): Wir sollten eigentlich bis zum heutigen Donnerstag in Sevilla sein. Eine lange Zeit war Corona in Spanien auch noch eine relativ kleine Nummer, noch gar nicht bedenklich. Doch in der Zeit, in der wie da waren, hat sich die Lage dramatisiert. Am vergangenen Sonntag wollten wir daher ohnehin abreisen – aber am Freitagabend wurde es schon hektisch. Wir mussten schnell unsere Taschen und das Boot einpacken und dann nach Hause fliegen. Es hieß nämlich, dass die Ausreise wenig später nicht mehr möglich sein würde.

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Klingt nach unglaublichem Stress – wie ging es dann weiter?

Wir waren mit 16 Leuten unterwegs und wussten nicht, ob unser Flieger überhaupt noch gehen würde. Dementsprechend haben wir reagiert, haben uns in der Nacht zu Samstag noch auf den Weg nach Faro in Portugal gemacht. Wir mussten eben schnell über die Grenze, damit wir von Faro aus zurückfliegen konnten. Wir hatten aber keine Autos. Da auch keine Fahrzeuge mehr an Ausländer vermietet worden sind, mussten wir Taxifahrer dazu überreden, uns rüberzufahren. Dann sind wir in einer Kolonne mit vier oder fünf Autos über die Grenze, haben im Hotel ein paar Stunden geschlafen und am Samstagmorgen sind wir dann nach München geflogen.

Wie sind dann die Boote nach Hause gekommen?

Das ist auch noch eine wahnsinnige Story. Weil es sich um unsere noch streng geheime Olympia-Flotte handelt, durften die nicht einfach dort stehen bleiben. Unser Cheftrainer hat die Boote also in den Hänger geladen und ist nachts auch losgefahren. Er konnte alle Ländergrenzen passieren, hatte zwischendurch aber noch eine Panne mit dem Hänger. Es lief so, wie es nicht laufen sollte – nach zwei Tagen ist er allerdings angekommen.

"Es ist schwer, zurechtzukommen"

Nach den ganzen Reise-Strapazen ist es für Sie - zurück in Deutschland - aber alles andere als einfach, in den Trainingsalltag zurückzukehren…

Es ist schwer, zurechtzukommen. Wir können unseren Beruf nicht ausüben, weil alles geschlossen ist. Es gibt aber die Idee, das Bundesleistungszentrum Kienbaum östlich von Berlin als Team-D-Zentrum umzubauen. Alle Sportarten und Sportler, die sich aktuell auf Tokio vorbereiten, würden dort in eine freiwillige Quarantäne gesetzt werden. In Kienbaum würde also unter Verschluss eine Sperrzone eingerichtet.

Sie sind Vater von zwei Kindern – ist das überhaupt eine Option?

Meine Frau muss derzeit noch regulär arbeiten. Auch die Kitas sind ja geschlossen. Ich kann sie da auf keinen Fall alleine lassen und muss erst einmal entscheiden, ob ich dort reingehe oder nicht. Ich wohne zum Glück am See und könnte zur Not auch noch alleine dort trainieren. Es wäre was komplett anderes, aber möglich.

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Der Blick richtet sich weiterhin auf die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio. Die Wettkämpfe liegen aber wie das Training auf Eis. Wie geht es nun weiter?

Wir hätten bald die erste nationale Olympia-Qualifikation gehabt, die natürlich jetzt abgesagt wurde. Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht, wie die Nominierung für die Olympia-Mannschaft erfolgen kann und ähnliches. Es steht alles in den Sternen. Keiner weiß, wann man wieder einsetzen kann.

"Das Ziel Olympia verschwimmt"

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Situation finanziell auf Sie und andere Leistungssportler?


Für uns ist das noch nicht abzusehen. Preisgelder haben wir als Kanuten in der Regel nicht – außer eben die Hoffnung auf eine Prämie durch eine Olympia-Medaille. Ich bin froh, als Soldat einer Behörde anzugehören, was mir eine gewisse Sicherheit und einen warmen Rücken gibt. Doch die vielen, kleinen Sponsoren im Kanu-Bereich könnten bald in der Krise stecken. Das sind die ersten, die finanziell zu knabbern haben. Darauf müssen wir uns einstellen.

Die Olympia-Medaille haben Sie bereits angesprochen. Gehen Sie davon, dass die Spiele in Tokio tatsächlich stattfinden?

Die Hoffnung habe ich auf jeden Fall. Wenn ich da nicht positiv rangehe, könnte ich in Urlaub gehen. Es ist aber sehr schwer, auch im Training mit Vollgas zu geben, weil das Ziel einfach verschwimmt. Ich würde lügen wenn ich sagen würde, es wäre wie immer.

Wäre es denn sinnvoll, Olympia unter diesen Umständen auszutragen?

Ob es sinnvoll ist, hängt von der Situation ab. Ich glaube, dass es nur stattfindet, wenn wir davon ausgehen können, dass keiner gesundheitlichen Schaden nimmt und der Gesellschaft nicht schadet. Wenn das gewährleistet ist, bin ich dafür, das auch stattfinden zu lassen. Ich versuche, nicht hysterisch zu werden. Wir müssen den Politikern und den handelnden Personen vertrauen. Für mich wäre es natürlich ein Graus, wenn es abgesagt werden würde. Ich habe, gemeinsam mit meiner Familie, viel geopfert.

Es wären Ihre sechsten Olympischen Spiele – und sicher auch Ihre letzten. Wie gehen Sie mit dieser Tatsache um, auch mit Blick auf eine mögliche Austragung im kommenden Jahr?

Das ist eine gute Frage. Ich kann sie im Moment nicht beantworten. Es ist nicht nur meine Entscheidung, sondern die meiner gesamten Familie. Für uns war das alles endlich, Olympia in Tokio so was wie der Endgegner (lacht). Dementsprechend muss man die Situation erst einmal hinnehmen. Ich werde einen Moment brauchen, um mir einen Plan hinzulegen.