27. November 2020 / 18:56 Uhr

"Widerlich": Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel kritisiert den Weltverband

"Widerlich": Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel kritisiert den Weltverband

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Sebastian Brendel hat bisher eine schwierige Saison hinter sich.
Sebastian Brendel möchte nicht, dass zwei Disziplingruppen gegeneinander ausgespielt werden. © Ronald Verch
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Der Potsdamer haderte mit dem Plan, das Kanu-Programm bei Olympia 2024 erneut zu ändern. Extrem-Slalom im Wildwasser soll zwei Rennen der Sprinter ersetzen. 

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Die Nachricht erreichte die deutsche Kanu-Rennsport-Nationalmannschaft beim derzeitigen Trainingslager in der Türkei. Und sie erzürnte eines ihrer Aushängeschilder. Dreifach-Olympiasieger Sebastian Brendel hat auf seiner Facebookseite Kritik am Weltverband ICF geübt, weil dieser zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris das Wettkampfprogramm ändern möchte. Auf Kosten des Kanu-Sprints und zugunsten des Kanu-Slaloms. Zwei Wettbewerbe sollen auf der einen Seite gestrichen werden und auf der anderen neu hinzukommen. Es sei „disgusting“, also widerlich, dass die ICF die Athleten beider Disziplinen gegeneinander ausspielt, schrieb der Potsdamer.

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Verband reagiert auf IOC-Vorgaben

Als neues Event möchte der Weltverband Extrem-Slalom für Männer und Frauen ins Programm einfügen. Rennen im Wildwasserkanal, bei denen nicht nur ein Boot unterwegs ist, sondern mehrere gleichzeitig. Dies sei ein „spannendes Kopf-an-Kopf-Format“, sagt ICF-Präsident Jose Perurena, „schnell sowie beliebt bei den Athleten und Zuschauern“. Extrem-Slalom könne Teil der „Zukunft unseres Sport sein“.

In Bildern: Das sind die ungeschlagenen Brandenburger Teams in der Saison 2020/21

Das sind die ungeschlagenen Brandenburger Teams in der Saison 2020/21. Zur Galerie
Das sind die ungeschlagenen Brandenburger Teams in der Saison 2020/21. ©

Auf seiner Internetseite hat der Verband die Beweggründe für die geplanten Änderungen dargelegt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) habe der ICF mitgeteilt, dass ihr 2024 insgesamt zwölf Quotenplätze für Teilnehmer weniger zur Verfügung stehen werden, heißt es dort. Weil im Extrem-Slalom diejenigen Sportler startberechtigt sein sollen, die auch im Einzel dabei sind, würden trotz der Streichung von Quotenplätzen weiterhin 16 Kanu-Disziplinen im Programm bleiben. Nur eben umgeschichtet: zehn statt zwölf im Rennsport und sechs statt vier im Slalom. Welche Sprint-Wettbewerbe wegfallen sollen, steht noch nicht fest – es wird jetzt geprüft.

Mit der Veränderung würde der Kanusport auch den Anforderungen des IOC für Spiele der Zukunft gerecht werden, heißt es vonseiten der ICF. Zum Beispiel, weil der Wildwasserkanal als Sportstätte dann zwei Tage mehr genutzt werden würde. Und zudem möchte das IOC „neue, adrenalinreiche Events, die ein jüngeres Publikum ansprechen“, sagt Perurena. Surfen, Klettern und Skateboard sind beispielsweise auch neu dabei. Extrem-Slalom bringe Innovation und Vielfalt in das Programm von 2024, sagt der ICF-Chef. Und es sei spektakulär für Fernsehzuschauer, was großen Stellenwert beim Olympia-Komitee hat.


Schon für Tokio gibt es viele Änderungen

Brendel findet es grundsätzlich gut, dass die ICF ihre Attraktivität im Medien-Blick hinterfragt, wie er schreibt. Nur fände er es sinnvoller, sich darauf zu fokussieren, wie die Athleten und die aktuellen Wettkämpfe präsentiert werden, statt bei jeden Sommerspielen ein neues Programm zu gestalten.

Der Kanu-Plan bei Olympia hat sich im Vergleich zu anderen Sportarten sehr oft verändert. Vor allem bei den Sprintern. 2012 wurde die 200-Meter-Kurzstrecke eingeführt was laut Brendel „leider keinen Durchbruch“ gebracht habe. Gut nachvollziehbar ist, dass für die anstehenden Spiele 2021 in Tokio erstmalig auch Canadier-Frauen in zwei Wettbewerben starten dürfen – Gender-Fairness. Dafür fallen je ein Männer-Rennen im Canadier und Kajak weg, sodass die Anzahl der Wettbewerbe dann paritätisch aufgeteilt ist: jeweils sechs. Außerdem wird der Kajak-Vierer der Herren von 1000 auf 500 Meter verkürzt. Mit Blick auf die Sommerspiele von 2016 meint Brendel, dass die bestehenden Rennformate „definitiv funktionieren können“.

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ICF: "Stagniere oder du stirbst"

Doch der Druck des IOC ist groß. Das verdeutlichte sich in der Posse, als für Tokio Ringen, eine olympische Ur-Sportart, mangels Begeisterung an TV und in der Halle aus dem Repertoire gestrichen werden sollte. Davon wurde noch ein Rückzieher gemacht. Auch der Moderne Fünfkampf war bedroht, hielt sich aber durch Regelanpassungen wie dem kombinierten Laufen und Schießen.

Das ICF schreibt selbst: „Um es klar auszudrücken – stagniere und du stirbst.“ Deshalb hält der Kanu-Weltverband nach eigener Aussage auch schon andere neue Formate für die künftige Diskussion um Olympia bereit: Mixed-Rennen von Männern und Frauen im Zweier, 5000 Meter mit kurzen Landgängen sowie ungewöhnliche Streckenlängen, um nicht in den starren Grenzen von klassischen Regattaanlagen angekettet zu sein.