04. August 2021 / 17:43 Uhr

Kanu-Routinier Ronald Rauhe: "Es fiel mir leichter, mich zu quälen"

Kanu-Routinier Ronald Rauhe: "Es fiel mir leichter, mich zu quälen"

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
In Tokio möchte der fast 40-jährige Ronald Rauhe mit dem Kajak-Vierer Gold gewinnen.
In Tokio möchte der fast 40-jährige Ronald Rauhe mit dem Kajak-Vierer Gold gewinnen. © imago images/Sven Simon
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Nach seinen sechsten Olympischen Spielen wird der Potsdamer Paddler seine Karriere endgültig beenden - möglichst erneut mit Gold. Im Interview spricht er über den Abschied, ein imaginäres Bild und den Reiz von Olympia. 

Anfang Oktober wird Ronald Rauhe 40 Jahre alt. In seinem wirklich letzten großen Rennen als Kanu-Rennsportler möchte der Rekord-Weltmeister des KC Potsdam im OSC nun den glänzenden Abschluss seiner herausragenden Karriere schaffen. Mit dem deutschen Kajak-Vierer über 500 Meter ist bei Olympia in Tokio die Goldmedaille das Ziel des Falkenseers. Gefahren wird am Freitag und Samstag.

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Was sehen Sie vor Ihrem inneren Auge?

Tatsächlich ist das bei mir wie eingebrannt und dieses Bild treibt mich an: Imaginär sehe ich uns in Tokio auf dem Treppchen stehen.

Auf welcher Podiumsstufe stehen Sie und Ihre K4-Kollegen denn da?

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Ganz oben, na klar (lacht). Das ist das absolute Ziel. 2016 dachte ich, es werden meine letzten Olympischen Spiele. Dann kam die Chance mit dem 500-Meter-K4 und ich habe 2017 als Probejahr genommen. Als ich gemerkt habe, welches Potenzial dieses Boot hat, wollte ich den Weg unbedingt bis Tokio gehen, weil ich noch mal Gold als realistisches Ziel erkannt habe. Wir haben es uns nach drei WM-Titeln in Serie erarbeitet, den Siegesanspruch zu haben. Und gerade im olympischen Rennen will man dann natürlich keinen Rückschritt machen.

Das haben Sie schon erlebt, 2008 endete im Kajak-Zweier Ihre sogar achtjährige Erfolgssträhne ausgerechnet bei den Spielen in Peking.

Das schwirrt natürlich auch ein bisschen im Hinterkopf bei mir. Dass so etwas noch mal passiert, möchte ich mit aller Macht verhindern. Die Leistungen, die wir als Kollektiv abrufen, sind vielversprechend, sodass ich sehr optimistisch bin. Wir stellen uns aber auf ein heißes Duell mit Spanien ein.

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27 Sportlerinnen und Sportler aus Brandenburg sind für die Olympischen Spiele in Tokio nominiert. Der SPORTBUZZER stellt sie alle vor. Zur Galerie
27 Sportlerinnen und Sportler aus Brandenburg sind für die Olympischen Spiele in Tokio nominiert. Der SPORTBUZZER stellt sie alle vor. ©

Zuletzt hatten Sie Sorgen wegen einer Entzündung im Handgelenk und der Beschädigung des Bootes. Wie ist der Stand der Dinge?

Ich habe zwar noch leichte Schmerzen, aber dank medizinischer Unterstützung ist das nichts mehr, was mich in meiner Leistungsfähigkeit hindert. Und zum Glück ist unser Ersatzboot gut angekommen. Es kann also losgehen.

Die coronabedingte Verschiebung vor einem Jahr hatte Ihnen – vor allem mit Blick auf die familiären Entbehrungen – sehr zugesetzt. Wie sind Sie mit den vielen Unsicherheiten der vergangenen Monate umgegangen? Schließlich hätte ja auch alles umsonst sein können.

Es gab in der Pandemie-Entwicklung viele Aufs und Abs und die endgültige Olympia-Absage stand im Raum. Aber ganz ehrlich: An dem Tag, an dem ich nach vielen Überlegungen entschieden hatte, bis 2021 durchzuziehen, habe ich dieses Ziel auch entschlossen im Kopf gehabt. Die Ungewissheiten habe ich versucht, nicht an mich heranzulassen, weil das mentale Probleme bereitet hätte. Dann wäre die Motivation nicht so gewesen, wie sie sein muss. Ich denke, dass ich das mit dem Fokus gut hinbekommen habe.

Es sind die Monate, Wochen, Tage der letzten Male für Sie – im Training, im Wettkampf. Wie nimmt Sie das mit?

Sicherlich kann ich das nicht ganz wegdrücken. Aber bei mir ist das eher das Bewusstsein, noch mal abschließend die Chance für etwas Großes zu haben. Da kanalisiert sich die Energie noch besser als jemals zuvor. Bei vielen Trainingseinheiten war der Gedanke, dass jetzt alles endlich ist, hilfreich. Schließlich sind es ja auch die letzten sportlichen Schmerzen. Mit der Aussicht, dass bald alles vorbei ist, fiel es mir leichter, mich zu quälen.


Der deutsche K4 mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (von vorne).
Der deutsche K4 mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (von vorne). © Ronald Verch

Zum sechsten Mal werden Sie bei Olympia teilnehmen. Nur drei Deutsche haben es öfter geschafft. Was geben Ihnen die Spiele?

Als junger Sportler träumt man davon, einmal bei Olympia dabei zu sein. Jetzt mache ich das zum sechsten Mal mit und man könnte glauben, dieses besondere Gefühl ist nicht mehr da. Aber überhaupt nicht. Das Erstaunliche ist, dass Olympia immer eine besondere Kraft hat, weil es auch immer anders ist. Da spielen die verschiedenen Gastgeberländer, die jeweils unterschiedliche Kultur dort eine Rolle. Am Ende sind alle Spiele großartig, auch weil man als sportartenübergreifendes Team Deutschland antritt, was einen speziellen Reiz hat.

Dieses Mal ist Olympia aber wegen der Pandemie-Einschränkungen ganz anders.

Anders, ja. Aber sicherlich auch spannend. Ich denke, dass ich im Nachgang nicht weniger zu erzählen habe als bei den anderen fünf Spielen. Der olympische Geist wird schließlich von den Sportlern getragen, das geht auch ohne Zuschauer. Ich denke aber auch nicht daran, was wir dort nicht haben, sondern freue mich über die Möglichkeit, überhaupt dieses Erlebnis, den Wettkampf zu haben. Dafür müssen wir dankbar sein und stehen auch in einer Vorbildrolle.

Inwiefern?

Indem wir mit der Verantwortung der heutigen Zeit demütig und rücksichtsvoll umgehen. Ich finde, es ist das richtige und ein gutes Signal, dass Olympia ohne Zuschauer stattfindet. Damit wird im Gegensatz zur Fußball-EM, wo so viele Fans dicht an dicht in den Stadien erlaubt waren, verantwortungsbewusster gehandelt. Die Gesundheit steht an erster Stelle. Trotzdem gibt es durch die strengen Corona-Regeln auch eine Einschränkung, die mich persönlich traurig macht.

In Bildern: Diese Aktiven aus Brandenburg gewannen bei den auf 2021 verschobenen Sommerspielen Edelmetall.

Gleich doppelt war Brandenburg am Goldgewinn des deutschen Kajak-Vierers beteiligt. Die Potsdamer Ronald Rauhe (2.v.l.) und Max Lemke (r.) gehörten ebenso zur Crew wie Max Rendschmidt aus Essen (l.) und Tom Liebscher. Rauhe beendete mit diesem Triumph seine herausragende Karriere. Zur Galerie
Gleich doppelt war Brandenburg am Goldgewinn des deutschen Kajak-Vierers beteiligt. Die Potsdamer Ronald Rauhe (2.v.l.) und Max Lemke (r.) gehörten ebenso zur Crew wie Max Rendschmidt aus Essen (l.) und Tom Liebscher. Rauhe beendete mit diesem Triumph seine herausragende Karriere. ©

Welche?

Wie mir gesagt wurde, hatte ich wohl gute Chancen, in den Kandidatenkreis als deutscher Fahnenträger bei der Olympia-Eröffnungsfeier zu kommen. Weil wir Kanuten aber erst in der zweiten Woche dran sind und noch nicht so früh anreisen durften, stand ich dann nicht zur Wahl. Schade, das wäre ein Ritterschlag gewesen.

Aber es gibt ja auch noch eine Abschlussveranstaltung, bei der die Fahne getragen werden muss.

Das stimmt. Dafür muss man dann aber auch vor Ort erfolgreich sein.

Apropos deutsche Flagge: Die wurde für Sie zur Verabschiedung auch in Falkensee gehisst. Was war das für eine Überraschung?

Meine Familie hatte das organisiert. Bei mir zu Hause wurden mir von meinen beiden Jungs die Augen verbunden und ich ins Auto gesetzt. Dann sind wir zu meiner Schwester, die unweit wohnt. Da stand dann der Fahnenmast mit der deutschen Flagge. Außerdem hingen die sechs Fahnen der Länder am Zaun, in denen seit 2000, meinem Debüt, Olympische Sommerspiele stattgefunden haben. Dazu gab es kulinarische Spezialitäten aus den jeweiligen Ländern, zum Beispiel Känguru-Fleisch für Australien. Das war ein sehr schöner, aber auch emotionaler Abschied für uns alle. Meine Erfolge sind das Resultat durch viel harte Arbeit von mir, aber auch von meiner ganzen Familie als Unterstützung.

2004 in Athen gewann Ronald Rauhe (r.) mit seinem Potsdamer Vereinskollegen Tim Wieskötter Olympia-Gold im Zweier-Kajak über 500 Meter. 
2004 in Athen gewann Ronald Rauhe (r.) mit seinem Potsdamer Vereinskollegen Tim Wieskötter Olympia-Gold im Zweier-Kajak über 500 Meter.  © Bernd Gartenschläger

Am Tag des K4-Olympiafinals findet auch die Einschulung Ihres älteren Sohnes statt. Wie gehen Sie damit um, nicht dabei sein zu können?

Wir haben beide viel darüber gesprochen und uns, so gut es eben geht, damit abgefunden. Mein Rennen ist zu deutscher Zeit um 5.19 Uhr an dem Morgen geplant. Wenn das durch ist, werde ich mich entspannt mit dem Telefon irgendwo hinsetzen und es wird eine private Liveübertragung von der Einschulung für mich geben (lacht).

Und auf der anderen Seite wird die Familie Sie bei der Siegerehrung ganz oben auf dem Podest sehen?

Wenn dieses bisher imaginäre Bild dann Realität wird, wäre es perfekt.

+++ Bisher vier Olympiamedaillen +++

Mit 16 Goldmedaillen ist Ronald Rauhe Rekord-Weltmeister im Kanu-Rennsport. Hinzu kommen je fünfmal WM-Silber und -Bronze. Der gebürtige Berliner hat bisher vier Olympiamedaillen gewonnen. 2000 in Sydney paddelte er als damals 19-Jähriger im Kajak-Zweier über 500 Meter mit dem Potsdamer Tim Wieskötter zu Bronze. 2004 in Athen gelang dem Duo der Sieg im 500-Meter-K2. 2008 in Peking wurde es für Rauhe/Wieskötter „nur“ Silber. 2012 in London verpasste Rauhe die Medaillenränge. 2016 in Rio holte er K1-Bronze über 200 Meter.

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